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Dokblog 2014

Tradition, Heimatpflege und Gewichte am Sack: »Im Keller«

Der Keller ist meist der muffigste, doch unbestritten auch einer der privatesten Bereiche des Hauses. Dort haben wirklich nur Eingeweihte Zutritt. Denn unter der Erde kann jeder so richtig Ich sein, was immer das dann auch bedeuten mag. Christoph Schlingensief hat einmal gesagt, die Deutschen gingen zum Lachen in den Keller. Was unsere Nachbarn, die Österreicher in diesen Räumen so machen, zeigt uns Ulrich Seidl mit »Im Keller«.

  Tradition, Heimatpflege und Gewichte am Sack: »Im Keller« | Der Keller ist meist der muffigste, doch unbestritten auch einer der privatesten Bereiche des Hauses. Dort haben wirklich nur Eingeweihte Zutritt. Denn unter der Erde kann jeder so richtig Ich sein, was immer das dann auch bedeuten mag. Christoph Schlingensief hat einmal gesagt, die Deutschen gingen zum Lachen in den Keller. Was unsere Nachbarn, die Österreicher in diesen Räumen so machen, zeigt uns Ulrich Seidl mit »Im Keller«.

Wahrscheinlich ist das den Deutschen gar nicht so unähnlich. Seidl arbeitet in seinem Dokfilm deutlich sichtbar mit den Mitteln der Inszenierung, um die gezeigten Menschen nicht vollends vor dem röntgenartigen Blick der Kamera bloßzustellen. Immer wieder blicken uns aus lange andauernden Standbildern heraus die Protagonisten und Protagonistinnen des Films ruhig und mit hintersinniger Würde an. Ihr Blick konfrontiert den unseren und fordert uns fast schon zum Urteil auf. Dabei sollten wir nicht vergessen: wir könnten auch jederzeit sie sein und umgekehrt – alle Menschen haben Geheimnisse im Untergeschoss.

»Im Keller« gelingt ein tiefer Blick in gepflegte Privatuniversen unter der Erde und formt daraus einen abgründiges Bild einer kollektiven Psyche, voll abseitiger Schrulligkeiten, obskuren Phantasien und dunklen Obsessionen. Die streng komponierten Tableaus bringen, kombiniert mit dem gemächlichen Tempo, die gezielten Wiederholungen besonders zur Geltung, Sound und Schnitt sind durchgängig präzise gesetzt: von der Stille geht es abrupt zum Lärm und zurück. Auf Zuschauerseite spiegelt sich dieser Effekt wunderbar: wir driften vom übersteigerten Lachen (ein Liebesguru berichtet in Montur über die Vorzüge seines Samenstrahls) hin zum kopfschüttelnden Verstummen (über ein Adolf Hilter-Porträt auf hellrosa Wand, sanft abgewischt mit schwarz-rot-gold-Staubwedel) zum unangenehm berührten Schweigen (ein Mann liebt es beim Spülen schwere Gewichte an den Hoden zu tragen) und zurück. Dieses Kino ist nicht nuanciert, es ist kompromisslos und direkt in seinem delikaten Blick auf zivilisierte Unzivilisiertheit.

Dok Internationaler Wettbewerb / 5 Kreuzer

30.10., 17 Uhr, Cinestar 8 // 1.11., 19.30 Uhr, Cinestar 8 // 2.11., 17 Uhr, Schaubühne Lindenfels


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