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Dokblog 2014

»Je tiefer ich ins Thema abgetaucht bin, desto abgefahrener wurde es«

Zum zweiten Mal ist Lia Jaspers bereits mit einem Film im Deutschen Wettbewerb bei DOK Leipzig vertreten. 2012 stellte sie dort ihre Dokukomödie »You Drive Me Crazy« vor, der über die Tücken des Führerscheinmachens in unterschiedlichen Ländern steht.

  »Je tiefer ich ins Thema abgetaucht bin, desto abgefahrener wurde es« | Zum zweiten Mal ist Lia Jaspers bereits mit einem Film im Deutschen Wettbewerb bei DOK Leipzig vertreten. 2012 stellte sie dort ihre Dokukomödie »You Drive Me Crazy« vor, der über die Tücken des Führerscheinmachens in unterschiedlichen Ländern steht.

In »Match Me!«, der dieses Jahr gegen zehn weitere Filme konkurriert, stehen Menschen auf der Suche nach dem Glück und der großen Liebe im Mittelpunkt. Der kreuzer traf die Münchener Filmemacherin während eines Screenings. Im Interview erzählt Jaspers über Reaktionen des Leipziger Publikums, die Entstehungsgeschichte und eine junge Generation unter Druck.

kreuzer: Du hast gerade das Publikum begrüßt. Wie sind die bisherigen Screenings hier in Leipzig gelaufen?

LIA JASPERS: Mich hat überrascht, dass die Zuschauer meines Films so wahnsinnig jung sind. Die Meisten sind in ihren Zwanzigern. In dem Alter ist die Suche nach dem Glück für viele ein Thema, das spiegelt sich auch in den Fragen wieder, die mir gestellt wurden. Viele wollten mehr über das Match Making an sich wissen. Es ist auch sehr nett moderiert worden gestern. Die Moderatorin meinte, man sollte vielleicht auch mal links oder rechts von einem gucken. Kann ja sein, dass da noch jemand ist, den man nicht vermutet hat und der vielleicht der Richtige ist. Das war sehr schön und auch humorvoll.

kreuzer: Da schließen wir unsere nächste Frage gleich an: Wie bist du auf das Thema »Matchmaking« gekommen?

JASPERS: Auf die Idee zu dem neuen Film bin ich nicht alleine gekommen. Ich habe meine Produzentin Sonja Kulkarni auf einem Dokumentarfilmernetzwerk in München kennengelernt. Sie fragte mich, was interessiert dich denn so und in welche Richtung würdest du gerne was machen. Und da meinte ich so, wenn ich ganz ehrlich bin, ich würde eigentlich etwas über Liebe machen. Ein Riesenthema. Man verbringt hunderte von Stunden mit Freundinnen und Freunden, alle Beziehungsmodelle werden durchgekaut. Es wird ständig überlegt, was ist das Richtige. Meine heimliche Leidenschaft ist auch, dass ich gerne Klatschmagazine lese und mich dann frage, warum ist der Star jetzt mit dem Star zusammen. Hoch interessant. (lacht) Das habe ich meiner Produzentin dann erzählt und sie schaute mich erst einmal ein bisschen verwirrt an und erzählte mir dann von einer Yoga-Community, wo Leute miteinander gematcht werden. Als sie mir immer mehr Details erzählte, war ich fassungslos. Ich konnte gar nicht glauben, dass so viele westliche Leute so einem Ideal nachgehen. Das war der Punkt, der mich interessierte, warum machen Leute so was. Je tiefer ich ins Thema abgetaucht bin, desto abgefahrener wurde es.

kreuzer: Wie sind die anderen Geschichten hinzugekommen?

JASPERS: Wir wollten nicht nur über die Yogis etwas machen und haben dann eine zweite Spur aufgenommen, die irischen Matchmaker, wo die Johanna hingefahren ist. Sehr spät, eigentlich erst, als ich mit dem Schnitt angefangen habe, habe ich mich dafür entschieden, noch einen dritten Teil, also die Finnen, dazu zu nehmen.

kreuzer: Wie hast du dann die Protagonisten gefunden?

JASPERS: Bei Sarah, die das Yogi-Matchmaking gemacht hat, kann ich nur sagen, da hatten wir einfach wahnsinniges Glück. Natürlich war es eine Voraussetzung, einfach auch um den Film mit dem Fernsehen und den Förderern machen zu können, dass ein Deutschsprachiger dabei sein muss. Diese Yoga-Community gibt es weltweit, aber es ist jetzt nicht gesagt, dass sich jemand aus Österreich, der Schweiz oder Deutschland unbedingt matchen lässt und es ist auch nicht gesagt, dass die unbedingt gematcht werden. Ich habe Sarah erst kurz vorher kennengelernt. Ich fand sie ganz toll, sie hat so eine mondäne Ausstrahlung. Sie ist auch jemand, wo man nicht so denkt, das ist ein Opfer. Die findet nicht anders jemanden. Das war mir sehr wichtig, dass man die jetzt nicht in eine komische Ecke stellt, sondern sagt, die macht das aus einer Überzeugung. Es war auch nicht klar, ob der Mann, mit dem sie gematcht wird, dann zustimmt. Das war so eine Art Himmelfahrtskommando.

kreuzer: Und wie kamen die Finnen ins Spiel?

JASPERS: Ich bin nachts auf YouTube auf ein Video gestoßen. Also ich habe immer alles mögliche bei Google eingegeben, also »Matchmaking weltweit« und habe dabei so viele Pornoseiten entdeckt. (lacht) Irgendwann habe ich so eine Prozession durch die Straße gesehen mit diesen ganzen witzigen Finnen und habe dann irgendwie Kontakt mit den beiden aufgenommen, die das als Kunstprojekt machen.

kreuzer: Wann genau sind der BR und Arte in das Projekt eingestiegen?

JASPERS: Wir hatten zuerst die Zusage von der Filmförderung, was natürlich ein sehr gutes Signal für Sender ist, da sie sehen, da ist schon ein bisschen Geld da. Ich hatte dann auch das Glück, dass ich für meinen vorherigen Film schon Kontakt zu Redakteuren hatte.

kreuzer: Welchen Einfluss hatten die Sender letztlich auf den Film?

JASPERS: Die hatten sehr großen Einfluss dahingehend, dass ich eigentlich nachdem ich mit dem Film >You Drive Me Crazy« davor fünf Jahre meines Lebens verbracht habe, unbedingt einen kurzen Film machen wollte. Ich wollte in maximal einem Jahr durch sein mit dem Ganzen. Deswegen wollte ich den Fokus eigentlich auf die Matchmaker legen. Die haben aber gesagt, wir geben nur das Geld, wenn wir eine Langzeitbeobachtung kriegen. Am Ende sind zwei Jahre daraus geworden.

kreuzer: Lass uns kurz über die Machart deines Filmes reden. »Match Me!« erinnert vom Konzept her stark an »You Drive Me Crazy«. Auch darin bist du drei Protagonisten in unterschiedlichen Ländern gefolgt, die alle mit derselben Sache beschäftigt waren, ihren Führerschein zu machen. Ist es das deine Art, dich einem Thema zu nähern?

JASPERS: Also ich gehe immer thematisch an etwas heran und suche mir dann die Protagonisten. Was mir bei den beiden Filmen gefällt, ist, dass Leute mir sagen, dass sie sich irgendwie in einen der Protagonisten verliebt haben. Der eine findet den gut, der nächste findet den anderen ganz gut, den ein anderer wieder ganz schrecklich findet. Ich finde, dass man so die Möglichkeit hat, sich in jemanden wiederzuerkennen und trotzdem auch die anderen Seiten wahrzunehmen. Das macht es für mich größer und man kann vielleicht auch nochmal seine eigene Beziehungswahrnehmung überdenken.

kreuzer: Onlinedatingseiten oder -apps gehören mittlerweile zum Alltag dazu und man hat das Gefühl, dass nicht mehr so ganz der Hauch des Verzweifeltsein mitschwingt, wenn man sich diesen Angeboten bedient. Was sagt das über unsere Zeit und speziell unsere Generation aus?

JASPERS: Ich wollte weder etwas über Speed- noch Online-Dating machen, weil das für mich nichts Filmisches hat. Deswegen wollte ich Matchmaker, die als Person für etwas stehen, haben. Ich glaube, dass wir uns gesellschaftlich schon in einer Phase der Optimierungswut befinden. Also man hat jemanden kennengelernt und spätestens in einer Woche überlegt man sich, ob es nicht doch noch jemanden besseres gibt. Das ist völlig verrückt und da ist niemand vor gefeit. Es ist einfach so, dass sich jeder fragt, ist das jetzt das Ende. Wenn ich mich jetzt entscheide, dann habe ich irgendwas verspielt, was mir vielleicht noch ein höheres Glück gegeben hätte. Das finde ich eine wahnsinnig gefährliche Entwicklung, weil man sich keine Chance gibt und dem anderen eigentlich auch nicht. Das merke ich in Diskussionen, dass das viele umgeht. Das ist einfach ein großes Thema und das ist nicht nur in der Liebe so, sondern in jedem Bereich eigentlich.

kreuzer: Der Film lässt die Frage offen, ob etwa Sarahs weg, die sich von der Yogi-Gemeinde matchen lässt, der beste ist. Sie ist die einzige, die heiratet und somit die Bindung fürs Leben offensichtlich eingeht. Am Ende wirkt sie schon ein wenig unglücklich. Da könnte man meinen, dass das vielleicht auch nicht die optimale Lösung ist, oder?

JASPERS: Also ich habe viele Theorien darüber, wie die Yogis das machen. Was für mich am Auffälligsten ist, das sie daran glauben, dass es machbar ist zu zweit. Sie sagen, das liegt sowieso nicht in unserer Hand. Wir sind eigentlich nur die, die daran arbeiten müssen, dass es funktioniert. Das haben die, finde ich, den romantisch Liebenden voraus, weil da kann man sich morgen auch noch umentscheiden. Im Englischen gibt es dieses Wort, man >committed< sich nicht richtig. Das machen Sarah und Jonas natürlich brutalst. Die heiraten gleich und schauen dann weiter. Ich finde es gut, darüber mal nachzudenken, weil es einem eigentlich etwas erzählt. Also die Bereitschaft, das einfach einzugehen und auch mit den negativen Aspekten zu leben. Ich finde, dass man dem nicht nur Schlechtes abgewinnen kann.

kreuzer: Aber gerade Sarah durchläuft eine extreme Wandlung, von einer anfangs »individualistischen«, jungen Frau, wie ihr beste Freundin den Knackpunkt an ihrem Single-Dasein umschreibt hin zu einer Frau, die sich gänzlich dem Leben von Jonas fügt. Hat sie den Film bereits gesehen und ist sie zufrieden damit, wie sie rüberkommt?

JASPERS: Absolut. Natürlich müsste einem als Regisseur das Publikum am Wichtigsten sein. Mir ist es immer am wichtigsten, dass die Protagonisten glücklich sind mit dem Film. Es wäre für mich sehr schlimm, wenn ich wüsste, dass sie nicht einverstanden sind. Ich habe schon ziemliches Herzklopfen, wenn ich denen dann das erste Mal zeige. Mit Johanna habe ich eine halbe Flasche Whiskey getrunken, während wir den Film geguckt haben, irischen Whiskey.

INTERVIEW: EILEEN REUKAUF, KATHARINA TRESS


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