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Dokblog 2014

Tagestipps für Samstag // 1.11.

Unsere Empfehlungen: »Balcony Tales«, »Desert Haze«, »Suddenly My Thoughts Halt«, DOK-Talk Special: Amerikabilder nach 9/11

  Tagestipps für Samstag // 1.11. | Unsere Empfehlungen: »Balcony Tales«, »Desert Haze«, »Suddenly My Thoughts Halt«, DOK-Talk Special: Amerikabilder nach 9/11

Jeder Balkon hat eine eigene Seele: »Balcony Tales«

Jeder Balkon hat seine eigene Seele, lautet das Statement des Films, dass aus dem Off über die Bilder von Havannas Zentrum geflüstert wird. Und in der Tat in Havanna scheinen die Balkone ein Eigenleben zu entwickeln und nicht nur das: Sie werden zum Dreh- und Angelpunkt für Freundschaften, Gespräche, Miteinander und Tratschanlaufstelle Nummer eins. Mittelpunkt des Films ist die Friendship Street im Stadtteil La Habana, genauer gesagt die Balkone in dieser Straße. Von einem Balkon im Obergeschoss werden in einem Beutel Pizzen nach unten geleiert, während die Kundschaft geduldig auf der Straße wartet und einer nach dem anderen die Leckereien aus der Tasche fischt und das Geld im Gegenzug hineinplumpsen lässt. Dann wieder läuft ein Salatverkäufer durch die Gassen, schreit sich die Seele aus dem Leib, damit die Kundschaft in den oberen Stockwerken auch mitbekommt, dass er gerade vorüberzieht. Immer wieder werden Taschen herunter gelassen. Alles funktioniert auf Vertrauensbasis. Eine Familie versucht die überdimensional große Geburtstagstorte für die Tochter durch die Haustür zu hieven. Aber es hilft nichts und auch hier scheint der Balkon der einzige Ausweg, das kostbare Stück noch heil in die Wohnung zu bekommen. Hier kennt jeder jeden und jeder kennt die Geschichte der Menschen auf den umliegenden Balkonen. Auf einem sitzt tagein, tagaus der alte Ceci, der mittlerweile nichts mehr sieht und den Ereignissen um ihn herum lauscht, mal mit einem Lachen, mal mit einer in Falten gelegten Stirn. Manchmal steuert er einen kleinen Witz bei. Er kennt seine Nachbarn gut, besonders eine Frau, für die er im Laufe der Jahre zum Ersatzvater wurde. Sie wohnt gegenüber und hilft dem alten Mann, wo sie kann. Sie ist es auch die aus dem Off, den Zuschauer an die Friendship Street heranführt. Immer wieder fällt der Blick der Kamera aus dem Inneren der Wohnung auf die kleinen Quadratmeterflächen an der vorderen Hausfront und immer wieder auch von oben nach unten auf das bunte, geschäftige Treiben auf den kaputten Straßen, die sich zwischen den Häuserreihen durchschlängeln. Es ist eine kleine Hommage an die Balkone Havannas, die die dänische Filmemacherin Helle Windeløv-Lidzélius auf 36 Minuten gebannt hat. Unterhaltsam, bildschön und irgendwie auch ein bisschen magisch. »Balcony Tales« läuft im Internationalen Programm zusammen mit »Elephant's Dream«. EILEEN REUKAUF

Internationales Programm / 4 Kreuzer

1.11., 19 Uhr, Passage Kinos Universum

Geborgte Landschaften: »Desert Haze«

Deserthaze-300x180Nie wieder wird man mit kindlicher Cowboy- und Indianerromantik einen Western sehen können, ohne an die gewaltigen Panoramen des Films von Sofie Benoot, die Marsmissionare in der Wüste und den Krebstod John Waynes denken zu müssen. Was trieb einst die Siedler dazu, sich mitten in der Unwirtlichkeit niederzulassen? Diesen Fragen geht die belgische Filmemacherin mit genauem Blick auf Mensch und Land nach und findet verblüffende Spuren, welche viele Narben und Geschichte(n) aufzeigen. Sie begegnet kostümierten Mormonen auf den Pfaden ihrer Ahnen, noch kostümierteren Raumfahrern, die schon mal die Besiedlung des Mars vorbereiten und nicht verkleideten Indianern. Die Story des amerikanischen Westens gibt Zeugnis von einstiger Hoffnung, brutaler Vertreibung und Raubbau am einstigen Meeresgrund. So war zum Beispiel der Kalte Krieg verheerend für die heiße Wüste, als dort an die tausend Atomtests durchgeführt wurden.
Der Film zeigt mit beeindruckender Panoramafotografie das Schicksal eines fast extraterrestrisch anmutenden, bizarren Landes mit ebenso eigenwilligen Bewohnern. Und mit Ureinwohnern, die nach ihren Wurzeln suchen, um ihre Identität zu wahren. Schicht um Schicht baut der Film einen Sedimentsturm der Legenden amerikanischen Stolzes. Um diesen weht der Wind. Beeindruckend. MARET WOLFF

Dok Wettbewerb für junges Kino / 4 Kreuzer

1.11., 19 Uhr, Passage Kinos Universum

Wer will schon normal sein?: »Suddenly My Thoughts Halt« 

Suddenly-300x180Der Portugiese Jorge Pelicano taucht in seinem Wettbewerbsbeitrag »Suddenly My Thoughts Halt« mittels eines Schauspielers in das tägliche Treiben einer psychiatrischen Klinik ein und nähert sich so den dortigen Bewohnern auf eine spielerische Art und macht den klinischen Raum präsent für eine Erforschung des Spannungsfeldes zwischen Normalität und Wahnsinn. Anfangs noch allein auf die Patienten in der Klinik fokussiert, folgt Pelicano bald auch Miguel, der zum Rollenstudium für zwei Wochen in die Klinik einzieht. Miguel teilt sich ein Zimmer mit einem anderen Patienten, ist bei Therapiesitzungen wie auch bei den Vorbereitungen zu einem Theaterstück dabei. Der Schauspieler selbst gibt sich als schizophrener Dichter aus dem 19. Jahrhundert aus oder war es doch ein Pferd. Immer wieder lotet er und auch der Film, der ungewöhnlich schöne Bilder für den Klinikalltag findet, die Grenzen zwischen normal und nicht normal aus, bis sie irgendwann verwässern. Ein außergewöhnlicher Wettbewerbsbeitrag.

Internationaler Wettbewerb / 4 Kreuzer

1.11., 22 Uhr, CineStar 8 // 2.11., 14 Uhr, Schaubühne Lindenfels

DOK-Talk Special: Vom Ende eines Mythos – Amerikabilder nach 9/11

Der Cowboy mit dem rauchenden Colt, die unendlichen Weiten der Prärie und später des Weltalls, die Freiheitsstatue, »Mutterland der Demokratie« und »Schmelztiegel der Kulturen« – Amerika war bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die Folie schlechthin für europäische Politik und Kultur. Von 9/11 bis zu den NSA-Enthüllungen zerfällt dieses Bild, während mit Edward Snowden ein neuer amerikanischer Held die Bühne der Weltgeschichte betritt. Gleichzeitig ist das Faszinosum Amerika offenbar ungebrochen. Es fällt auf, wie viele Dokumentarfilme derzeit entstehen, die sich – in welcher Form auch immer – an dem Mythos reiben. Als Zerrbild der Moderne? Oder was hat uns Amerika zu sagen?

In Englisch mit Übersetzung in Deutsch. Der Eintritt ist frei für alle Teilnehmenden. Keine Akkreditierung notwendig.

1.11., 12 –13 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Moderator: Matthias Heeder // Panelisten: Laura Poitras, Regisseurin, New York und Berlin // Sofie Benoot, Regisseurin, Brüssel //Jaap van Hoewijk, Regisseur, Haarlem // Ramon Bloomberg, Regisseur/Medienkünstler, London // Christoph Faulhaber, Künstler/Regisseur, Hamburg


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