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Dokblog 2014

Tagestipps für Sonntag // 2.11.

Unsere Empfehlungen: »Escort«, »Death Of The Serpent God«, »Domino Effekt«, »Penthouse North«, »The Lost Highway«

  Tagestipps für Sonntag // 2.11. | Unsere Empfehlungen: »Escort«, »Death Of The Serpent God«, »Domino Effekt«, »Penthouse North«, »The Lost Highway«

Ohne Gnade und Asyl: »Escort« & »Death Of The Serpent God«

Der auf dieser Dokwoche mit der Goldenen Taube für den besten Kurzdokumentarfilm ausgezeichnete »Escort« (Dok Internationaler Wettbewerb Kurz) kommt aus den Niederlanden und erzählt in weniger als 20 Minuten das ganze Drama um Abschiebung, ihre Ausführung und Arbeit, die damit zusammenhängt. Automatisch fragt man sich, ob diese uns meist unbekannte Behandlung der Abgeschobenen grundsätzlich als human bezeichnet werden kann. Wer macht diesen Job und wie kann derjenige vertreten, dass dabei jemand verzweifelt wieder ins Ungewisse geschickt wird. Man sucht in den Gesichtern der Auszubildenden für die Rückflugbegleitung nach den gleichen Zweifeln und meint sie sogar zu finden. Zum Beispiel, wenn sie lernen, wie man einen anderen Menschen schnell und effektiv fixiert. Der präzise Blick des jungen Regisseurs rüttelt auf, die Schreie der Abgewiesenen verstören. Nachdem die Frage nach der Menschlichkeit das gesamte Festival durchzogen hat, wird sie in diesem kurzen Film perfekt an das Publikum weitergegeben. Applaus für Guido Hendrikx.

deathofaserpentgod-300x180Inhaltlich daran anschließend, erzählt der französische Wettbewerbsbeitrag (für junges Kino) »Death Of The Serpent God« (Dok Wettbewerb für junges Kino)(Dok Internationaler Wettbewerb Kurz, was nach einer solchen Abschiebung passiert. Die sehr junge Koumba aus dem Senegal, die 18 Jahre lang mit Familie in Paris lebte, wird quasi über Nacht in ihr Geburtsland abgeschoben. Es ist für sie (und jeden empathischem Zuschauer) der schlimmste Albtraum: in einer fremden Umgebung komplett neu anfangen zu müssen, ohne Bezug, mit anderen Werten und so gut wie keinen Perspektiven. Das wütende Mädchen wird selber Mutter, ist damit noch mehr Ausgestoßene und weiß nicht, wie dieses Zwangsleben irgendwie zu bewältigen ist. Einige Jahre vergehen und vielleicht gibt es für Koumba und ihren Sohn doch noch Hoffnung...

Auch die unendliche Geduld des Regisseurs Damien Froidevaux wäre preiswürdig. MARET WOLFF

2.11., 11 Uhr, Cinémathèque

Die Liebe in Zeiten der... Domino-WM: »Domino Effekt«

Rafael ist Sportminister des Zwergenstaates Abchasien. Voller Stolz auf seine Heimat, versucht er dieser jungen Republik wieder mehr Ansehen zu verschaffen und organisiert das sportliche Ereignis schlechthin: die Domino Weltmeisterschaft. Während all der Planungen merkt er nicht, dass seine Frau, die russische Opernsängerin Natascha, immer unglücklicher wird.

Nachdem Natascha ihren Mann in Russland kennengelernt hat, gibt sie ihre Heimat, ihre Tochter und ihre Karriere auf und kommt mit Rafael nach Abchasien. Dort fühlt sie sich stets fremd und unwohl, fühlt sich als Russin von Land und Leuten und selbst von Rafaels Familie nicht willkommen.

Die in Deutschland lebenden Filmemacher Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski hatten zuerst vor, einen Dokumentarfilm über das Land Abchasien zu drehen, haben es dann aber auf eine ganz behutsame Art und Weise geschafft, die spannende gesellschaftliche und politische Situation dieser jungen, winzig kleinen und halbautonomen Republik mit zwei persönlichen Schicksalen zu verbinden. Sie betten die Geschichte eines so ungewöhnlichen und unterschiedlichen Paares in die politische Realität des mittlerweile zwar autonomen, aber nicht anerkannten Staates ein, der sich infolge eines blutigen Bürgerkrieges von Georgien loslöste. Der Film klärt zum einen – auch anhand Rafaels selbstgedrehter Videoaufnahmen aus Kriegszeiten – über die politische Vergangenheit Abchasiens auf und erzählt von Ängsten, von Nationalstolz, Hoffnung und einer gänzlich ungewissen Zukunft.
»Domino Effekt« wurde am Samstagabend nicht umsonst mit der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm ausgezeichnet. NIKTA VAHID

DOK Deutscher Wettbewerb / 5 Kreuzer

2.11., 16.15 Uhr, CineStar 4

Verblasster Schein: »Penthouse North«

Penthousenorth-300x180Die Schwedin Agneta Eckemyr kam mit 20 Jahren nach New York, war wunderschön, blond und erfolgreich im Model- und Schauspielbusiness. Doch diese Zeiten sind längst vergangen. Heute, 42 Jahre später, lebt sie noch immer in ihrem Appartement am Central Park, das sie sich schon längst nicht mehr leisten kann, kämpft nicht nur mit der Widerspenstigkeit ihres immer dünner werdenden Haares, sondern auch mit ihrem Starrsinn, der sie die Realität nicht akzeptieren lässt.

Von ihrem einstigen Erfolg ist nicht mehr übrig als ihr damaliges Luxusappartement, das sie mit ihrem Hund und einigen Katzen bewohnt, Berge von Klamotten und die alten Bilder, auf denen sie die Cover von Cosmopolitan und Playboy ziert. Diese stauben nun aber so langsam vor sich hin. Beim genaueren Hinsehen merkt man, wie abgewohnt das Penthouse mittlerweile ist, dass hier und dort der Putz von den Wänden bröselt und wie unfähig Eckemyr ist, ihr Leben alleine im Griff zu haben. Ohne ihren Masseur, der ihr Essen bringt und eine Handvoll gute Freunde, die versuchen, Agneta zur Vernunft zu bringen, könnte diese ihren Alltag kaum mehr meistern. Das Appartement muss sie sich mit Mitbewohner teilen, um die Miete überhaupt ansatzweise zahlen zu können; letztendlich entscheidet sie sich dazu, die Wohnung aufzugeben und zurück nach Schweden zu ziehen, wo sich nach Ende der Dreharbeiten herausstellt, dass sie an Alzheimer leidet.

Eigentlich hatte die Regisseurin Johanna St Michaels eine Verfilmung des autobiographischen Drehbuchs Eckemyrs geplant, ist jedoch mehr und mehr von der Idee abgekommen. Stattdessen hat sie mit „Penthouse North“  ein berührendes und vor allem ehrliches Porträt übers Altwerden geschaffen, das über Vergänglichkeit und den verblassten Glanz der Jugend in einer skrupellosen Stadt erzählt. NIKTA VAHID

DOK Internationales Programm / 4 Kreuzer

2.11., 17:30, Cinématèque Leipzig

Trailer

Irgendwo im Nirgendwo: »The Lost Highway«

Kanada hat seine eigene Route 66, den Highway 7 oder wie er auch genannt wird »The Lost Highway«. Entlang dieser Trans-Kanada-Verbindung gibt es viele verwaiste Orte, leerstehende Häuser und heruntergekommene Betriebe. Für ihr intimes, dokumentarisches Roadmovie »The Lost Highway« haben sich Derreck Roemer und Neil Graham zwischen 2009 und 2012 immer wieder auf den Highway 7 begeben und eine Handvoll Menschen begleitet, die noch immer dort ihren Lebensalltag bestreiten.

Thelosthighway-300x180Es gibt zig Lieder und Filme über die Route 66, erzählte Derreck Roemer bei der internationalen Premiere zu seinem Film »The Lost Highway« am Dienstagnachmittag im CineStar und fügte gleich noch an. Kanada hat seine eigene Route 66. Hier heißt sie Highway 7 und führt unter anderem von Toronto nach Ottawa. Einst eine wichtige Verbindung, scheint die Strecke heute wie ausgestorben: der sogenannte »Lost Highway« und Inbegriff des Lynchen Roadmovie-Traums. Ähnlich mystisch beginnt auch Derreck Roemers und Neil Grahams dokumentarisches Roadmovie, das zunächst über den Highway cruist und an verlassenen, verwaisten oder einfach nur heruntergekommenen Stellen entlang der Strecke Halt macht. So hat der Zuschauer schon nach den ersten Minuten ein genaues Bild vom Highway 7, denkt er. Bis sich ein alter Mann auf einem Fahrrad ins Bild drängt und an Gibb's Gas Station, ein wenig außerhalb der Kleinstadt Arden, stoppt. Seit mehreren Generationen gehört die Gas Station seiner Familie und auch Howard träumt davon, dass seine Tochter Melanie vielleicht wieder in das Nest entlang des Highways zurückkehrt. Doch in der messihaften Bruchbude, die schon bessere Zeiten gesehen hat, scheint kein Platz für eine Frau mit zwei Kindern. »Keep it runing as long as possible«, sagt Howard irgendwann ein bisschen wehmütig und spricht aus, was viele der Menschen, die noch entlang des Highways zu Hause sind, schon längst verinnerlicht haben. Da ist etwa die ältere Sarah, die einen Batikshop hat und ebenfalls gerne für die Kamera in längst vergangene Zeiten abtaucht. Seit knapp 40 Jahren lebt sie in Arden, doch ihre Heimatstadt hat schon glorreichere Zeiten gesehen. Nach und nach haben alle Geschäfte geschlossen und von den Menschen, die an der Kamera vorüberziehen, ist der Großteil längst im Seniorenalter. Gemeinsam mit anderen Heimatverbundenen hat sie die Gruppe »Friends of Arden« gegründet, die nach Strategien sucht, um das Städtchen wieder attraktiver zu machen. In der Gruppe senkt David gewaltig den Altersdurchschnitt. Der gut 50-Jährige ist vor einigen Jahren mit seiner Frau Linda und einer riesigen Portion Optimismus in die Gegend gekommen um – es liegt fast auf der Zunge vom „Auswanderertraum“ zu sprechen –, aber nein, um mit einer selbst aufgebauten Pension ihr restliches Leben zu bestreiten. Das klingt arg lang, merken die beiden auch im Laufe der Dreharbeiten. Er wisse nicht, was seine Frau damals, 2003, an diesem Fleckchen Erde gesehen hat, erinnert sich David zurück. Seit sechs Jahren hämmern, bohren, streichen, schleifen in dem alten Farmershaus. Als die Filmemacher 2009 mit den Dreharbeiten beginnen, scheint das Glück von David und Linda noch immer greifbar nahe. Die Eröffnung ist in denkbare Nähe gerückt und der Optimismus der beiden noch immer ungebremst. Nur das Haus ist nicht fertig.

Neil Graham war bereits 2008 den Trans-Kanada-Highway entlang gefahren, um für ein Magazin eine Reportage über die verwaiste Gegend zu schreiben. Auf dieser Reise lernte er Howard kennen und kehrte mit seinem Filmpartner Roemer ein Jahr später zurück. Insgesamt drei Jahren haben die Filmemacher ihre Protagonisten begleitet. Entstanden ist ein äußerst intimer Film über eine Gegend am Verschwinden und Menschen, die das noch nicht wahrhaben wollen oder können. In einem Wechsel aus Interviews, Off-Erinnerungen, Bilderrauschen und schlichten Beobachtungen zeichnen Roemer und Graham ein intensives Porträt der tristen Kleinstadtidylle in und um Arden. Es ist beachtlich wie nahe die beiden Filmemacher während dieser Zeit ihren Protagonisten kommen. So zeigt Howard keine Scheu davor, die Kamera auch in den kleinsten Winkel seiner messihaften Hütte  vordringen zu lassen. Es scheint fast so, als sei er und auch die anderen Protagonisten dankbar dafür, dass ein solches Dokument über ihre verschwindende Heimat überhaupt entsteht. Natürlich haben sie immer wieder Angst gehabt, dass sie den Zugang zu ihren Protagonisten oder der Geschichte an sich verlieren, erzählt Roemer weiter, aber das sei eine Angst, die doch jeden Dokumentarfilmer einhole, wenn er über einen so langen Zeitraum an einem Thema arbeitet.

Linda und David eröffnen irgendwann nach Jahren in der Isolation ihre kleine Pension. Doch wirklich beieinander sind sie da schon nicht mehr. Für die Zuschauer wie auch für die Filmemacher kommt es in einem Interview vor der Kamera zum großen Clash – das gemeinsame Leben der beiden zersetzt sich in seine Einzelteile. Danach entscheidet sich Linda, nicht mehr vor der Kamera zu sprechen. David zieht aus, baut an einem neuen Haustraum, der so beschleicht es einen, vielleicht auch nicht von Erfolg gekrönt sein wird. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, auch am Lost Highway.

Internationales Programm / 4 Kreuzer

2.11., 20 Uhr, Cinémathèque Leipzig

Wiederholung der Preisträger des 57. DOK Leipzig

Am Sonntag werden die Gewinner der Goldenen und Silbernen Tauben noch einmal wiederholt. Den genauen Spielplan gibt es hier.


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