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Dokblog 2014

»Wir sehen die Gefahr in einer Art weichen Diktatur«

Der Hauptpreis, die Goldene Taube, des 57. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm geht an Claudine Bories und Patrice Chagnard und ihren Film »Rules of the Game« . Ihr Porträt über junge Arbeitslose, die von einem Unternehmen für den Arbeitsmarkt trainiert und vorbereitet werden, ist der zweite Teil einer Trilogie, die sich mit den zentralen Problemen Frankreichs beschäftigt.

  »Wir sehen die Gefahr in einer Art weichen Diktatur« | Der Hauptpreis, die Goldene Taube, des 57. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm geht an Claudine Bories und Patrice Chagnard und ihren Film »Rules of the Game« . Ihr Porträt über junge Arbeitslose, die von einem Unternehmen für den Arbeitsmarkt trainiert und vorbereitet werden, ist der zweite Teil einer Trilogie, die sich mit den zentralen Problemen Frankreichs beschäftigt.

Mit ihrem ersten Teil »Les Arrivants« legten sie 2009 die groteske Vorgehensweise der Bearbeitung von Asylanträgen offen. Nicht weniger skurril und irgendwie auch beängstigend zeigen sie nun, wie junge, schwer vermittelbare Menschen für den Arbeitsmarkt gerüstet werden. Damit beschreiben die beiden Filmemacher ein Phänomen, das weit über Frankreichs Grenzen hinaus beobachtet werden kann. Menschen werden zunehmend daran gemessen, wie sie sich verkaufen können. Der Wert der Ehrlichkeit wird zum Makel. Der kreuzer traf Claudine Bories und Patrice Chagnard während eines Screenings bei DOK Leipzig. Im Interview erzählen sie, wie sie auf das Thema gekommen sind, die Dreharbeiten und die Macht, die der Kapitalismus und die liberalen Märkte auf uns und unser Verständnis von Arbeit haben.

kreuzer: Warum haben Sie sich entschlossen, sich in Ihrem aktuellen Film mit diesem Thema auseinanderzusetzen?

CLAUDINE BORIES: Unser Film davor hat sich mit Asylbewerbern auseinandergesetzt. »Rules of the Game« handelt nun von Arbeitssuchenden, vor allem von jungen Menschen. Wir wollen noch einen dritten Film machen, der sich mit der Beziehung zum Geld befasst. Diese drei Filme zeigen die drei großen Themen der Gesellschaft, die gerade die Menschen in Frankreich sehr beschäftigen.

PATRICE CHAGNARD: Und wir haben auch versucht, Orte zu finden, wo diese soziale Dimensionen sich treffen, wo das Politische und das Persönliche, das Intime zusammengebracht werden und sich verbinden.

kreuzer: Wie schon in »Les Arrivants« haben Sie auch bei »Rules of the Game« hauptsächlich an einem, äußerst unpersönlichen Ort gedreht, der Vermittlungsagentur. Können Sie uns diese Vorgehensweise und Machart genauer erklären?

BORIES: Wir wollten einen Ort nutzen, wie wir das im Film auch gemacht haben, der einzigartig ist. Denn im Dokumentarfilmkino müssen wir ja immer etwas verdichten. Wir haben also einen Ort gesucht, der schon eine Art Szene dargestellt, schon eine Art Vorführung oder Aufführung ist. Das war genauso bei »Les Arrivants«, wo wir auch an einem Ort, der Métro, gefilmt haben. Wir haben nicht in Hotels gedreht, sondern immer nur an gemeinschaftlichen Orten, wo sich die Gesellschaft zusammenfindet. Wir wollten auch nicht in die Vororte, also die Banlieues, gehen. Das gehörte einfach nicht zu unserem Thema. Uns hat interessiert, wie sich die Jugendlichen verhalten, wenn sie eben nicht zu Hause sind, sondern auf einer Art Bühne stehen, wie sie ja diese Arbeitsagentur ist. Und diese Bühne beinhaltet teilweise die Sprache des Marktes, die die Jugendlichen nicht beherrschen. Wir wollten eine andere Möglichkeit zeigen, die eben nicht ihrer Welt entspricht und die sie ein bisschen herausreißt aus ihrem eigenen Leben.

CHAGNARD: Ihre Viertel wurden ja schon in ganz vielen Filmen gezeigt, diese schwierigen, klischeebeladenen Vorstadtorte, die immer wieder mit vielen Vorurteilen in Szene gesetzt wurden. Wir hatten genug davon, diese Bilder auch nur wieder zu reproduzieren. Also diesen Crap, Urban Culture und was es da noch alles gibt. Das wurde einfach schon zu oft gemacht und das wollten wir eben nicht zeigen. Man fühlt ja, wie diese Jugendlichen leben, wo sie herkommen und wie sie sich fühlen. Das gibt dem Film eine besondere Färbung, die den Film und auch dessen Stimmung ausmacht.

kreuzer: Wie haben sich die Dreharbeiten gestaltet? Die Jugendlichen geben ihre ganzen Probleme frei. Gab es irgendwann mal einen Moment, in dem sie sich verweigert haben oder Schwierigkeiten während der Dreharbeiten?

BORIES: Nein! (lacht) Die eigentliche Herausforderung für diese Jugendlichen war eher ihr eigentliches Leben und nicht die Kamera. Das Problem war wirklich nicht, dass sie gefilmt wurden, sondern eher, dass sie ihr eigenes Leben in den Griff kriegen mussten, also dass sie Geld verdienen und Arbeit finden mussten. Die Kamera war einfach dabei. Es hat sie auch wirklich nicht so interessiert. Klar sie waren herzlich und haben uns sympathisch aufgenommen, aber weder Lolita, noch Kevin, noch Thierry haben Kino gespielt. Sie haben keine Rolle gespielt. Die Drei waren mit ihren Problemen beschäftigt und waren einverstanden, dass sie dabei gefilmt werden. Sie haben gespürt, dass wir ihnen wohlwollend gegenüber standen. Teilweise wurden wir auch als Hilfe, Assistenten und Bündnispartner betrachtet. Gerade Kevin zum Beispiel hat uns als Zeuge herangezogen und angeschaut, während er mit seinem Berater gesprochen hat, ob das jetzt auch nicht zu viel gewesen ist, was er gesagt hat. Gerade dadurch, dass wir uns eben nicht mit den Vermittlern oder den Jugendlichen identifiziert haben, haben wir eine unabhängige und unparteiische Position eingenommen. Die Lage der Jugendlichen war einfach so real, so schwierig, dass die ganz andere Probleme hatten, als sich auf die Kamera zu konzentrieren.

CHAGNARD: Wir haben acht Monate dort gedreht und jedes Mal, wenn die Jugendlichen in diese Firma kamen, waren wir auch da. Dadurch hat sich so eine Art Gewöhnungseffekt eingestellt. Wir waren einfach Teil dieser ganzen Situation. Gerade Lolita zum Beispiel, die ja in einem Heim wohnt, hat irgendwann zu ihren Pflegeeltern dort gesagt, dass sie jetzt zum Dreh muss und nicht etwa zu einem Termin. Das zeigt auch, wie sehr der Dreh irgendwann dazugehörte. Unsere geduldige Vorgehensweise machte es auch möglich, dass wir einen Film machen konnten, der ohne Kommentare, ohne Interviews oder Einwirkungen unsererseits auskommt.

kreuzer: Es ist äußerst grotesk, wie diese Jugendlichen normalisiert und verändert werden soll. Aber irgendwie kommt beim Schauen auch Die Frage auf, gerade wenn man so zurückblickt, wie sich die Bedeutung von Arbeit im Laufe der Jahre verändert hat, ob die Drei sich nicht vielleicht doch einfach zusammenreißen können. Haben es junge Menschen vielleicht etwas verlernt, hart zu arbeiten wie es vielleicht noch die Großeltern- oder auch Elterngeneration getan hat? Daraus ergibt sich in ihrem Feld ein sonderbares Spannungsfeld...

BORIES: Diese Spannung ist genau das Herz dieses Filmes. Bevor wir den Film überhaupt angefangen haben, wussten wir schon, dass wir genau das zeigen wollen. Denn die Welt verändert sich. Das ist einfach so. Auch der Bezug zur Arbeit und die Art von Arbeit hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Arbeit, die jetzt weniger spezialisiert und vielleicht für einfache Leute ist, wurde speziell in den letzten 20 Jahren in Frankreich vernachlässigt. Diese soziale Dimension machte sich auch in der Schule bemerkbar. Die Jugendlichen im Film haben ja in der Schule versagt bzw. haben gar keinen Abschluss. Sie haben auch keine Lehre gemacht. Das System der Ausbildung wie es in Deutschland existiert gibt es bei uns nicht. Deswegen ist diese Frage auch allgemeiner und geht über Frankreich hinaus. Denn dieser Diskurs, der von diesen Trainern und Beratern geführt wird, zeigt ja eigentlich die heute vorherrschende Ideologie in der Welt, und zwar die Ideologie des Marktes und der Marktwirtschaft. Was zählt, ist der Wettbewerb, die Verführung der Unternehmen, die Werte der Unternehmen und des Marktes. Über Geld wird eigentlich nicht mehr gesprochen. Es wird als unhöflich angesehen, über Geld zu sprechen, obwohl das eigentlich der Grund ist, warum man arbeitet. Die Jugendlichen müssen gut erzogen sein und müssen alles dafür tun, dass sie von den Unternehmen akzeptiert werden. Sie sollen sprechen, wie es die Coaches wollen und sie dürfen auch möglichst nicht über Geld reden, weil sich das schlecht auswirken würde. Das ist ja nicht nur in Frankreich so. Es ist eigentlich ein Frage, wie man Sprache nutzt. Das sieht man ja auch in den Nachrichten, im Fernsehen. Dieser sogenannte Neusprech verändert einfach etwas. Diese Jugendlichen müssen sich verkaufen, haben es aber eigentlich nie gelernt und wollen das auch gar nicht. Sie wollen sich nicht verkaufen müssen.

CHAGNARD: Der Film handelt vor allem von Sprache und vom Sprechen. Man hat in den letzten Jahren gesehen, wie sich die Sprache nach und nach verändert hat, kaum merklich eigentlich. Arbeit wurde ja in der Menschenrechtserklärung der UNO von 1945 noch als Menschenrecht beschrieben. Das heißt, Arbeit wäre demnach Menschenrecht. Aber heutzutage spricht man von Arbeit mehr als Gut, als Handelsware. Arbeit ist eine Ware geworden. Man spricht von den Arbeitskosten, aber nicht mehr vom Wert der Arbeit. Die Menschen müssen diese Arbeit mittlerweile verkaufen. Es ist nicht mehr ein Recht, dass sie arbeiten dürfen, sondern sie müssen ihre Arbeitsfähigkeit verkaufen und anbieten. Um diese Sprachveränderung geht es uns auch. Jede Figur im Film zeigt auf ihre Art, wie sie sich gegen diesen Neusprech, diese Ideologie wehrt. Denn sie ist eine Lüge. Gerade an Lolita sieht man das gut. Ganz am Anfang beschreibt sie als ihre Stärke, dass sie ehrlich ist. Das verändert sich im Gespräch mit der Betreuerin immer mehr. Am Ende des Films sagt sie, dass das einer ihrer größten Fehler sei. Diese Entwicklung zeigt eigentlich schon die ganze Dramaturgie des Films und der heutigen Welt.

kreuzer: Gerade wo wir auch über die Optimierung des Menschen oder eine bestimmte Persönlichkeit, die daraus gefiltert oder verändert wird, sprechen, was Sie gerade mit Lolita meinten: Worin sehen Sie da die Gefahr für die Gesellschaft und die Menschlichkeit, also wenn so ein bestimmter Mensch geformt wird?

BORIES: Die Gefahr sehen wir eigentlich in einer Art weichen Diktatur. Softer Faschismus. Man sieht das ja auch schon an vielen Science-Fiction-Filmen aus den 80er Jahren, die ja mit viel Fantasie und Vorstellungskraft gezeigt haben, was sein könnte. Heutzutage ist das eigentlich keine Fantasie mehr. Wir leben das ja schon mit der Technologisierung, der Globalisierung und auch dem wachsenden Einfluss der Finanzwelt, so dass es für viele Menschen einfach alternativlos aussieht. Die Welt ist einfach so, glauben die Menschen und denken, dass sie nichts verändern können. Dadurch schleicht sich in die Köpfe der Menschen die Propaganda ein, die besagt, dass die Ware und nicht der Mensch nicht wichtig ist. Der Wirtschaftsfluss steht im Vordergrund, der Mensch ist lediglich eine austauschbare Variable. Das Geld steht im Zentrum. Wir werden beherrscht von Menschen, die eigentlich gar nicht wissen, was für eine Art Mensch sie gerade produzieren.

CHAGNARD: Das ist ja auch eigentlich die Mission des Kinos, gerade auch von Dokumentarfilm, zu zeigen, was es in der Wirklichkeit gibt, was normalerweise Menschen nicht sehen. Das sind ja nicht nur die Jugendlich in dem Film, wir alle müssen damit irgendwie leben. INTERVIEW: EILEEN REUKAUF, KATHARINA TRESS

2.11., 19.45 Uhr, CineStar 4


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