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Dokblog 2015

Auferstanden aus Ruinen

Der Filmemacher Andreas Voigt eröffnet das Dokfestival mit einem Beitrag zur Chronik der Menschen dieser Stadt

  Auferstanden aus Ruinen | Der Filmemacher Andreas Voigt eröffnet das Dokfestival mit einem Beitrag zur Chronik der Menschen dieser Stadt

Die Bilder könnten auch von 1945 sein: überall Trümmer und Schutt, dazwischen ragen Abrisshäuser auf, aus denen Jugendliche mit Kippe und Bier in der Hand die Füße baumeln lassen. Es ist 1990, das Jahr des Beitritts, und das Land, das hier in Trümmern liegt, ist die DDR, Stadt Leipzig. Vor dem besetzten Haus in der Stockartstraße steht Isabel. Selbstbewusst und offen spricht die 12-Jährige mit der wilden Mähne in die Kamera. Über Wünsche, Träume und ganz unmittelbare Dinge wie den Alltag mit den Glatzen. Eine Lehre als Frisörin könnte sie sich vorstellen. Darüber, ihr Viertel zu verlassen, denkt sie nicht nach.

Isabel ist eine der Protagonistinnen von Andreas Voigts Leipzig-Zyklus. 1986 nahm dieser seinen Anfang. Protagonist damals war Alfred, ein alter Arbeiter, gezeichnet vom Leben. Kennengelernt hatte der Filmemacher ihn durch ein Porträt eines befreundeten Malers. Als er Alfred traf, war für Voigt, der damals noch an der Filmhochschule studierte, auf Anhieb klar, dass er einen Film über ihn drehen wollte. »Der saß da in einem riesigen Berg von Büchern, las Heidegger und Nietzsche, Stalin und Rosa Luxemburg und erzählte aus seinem Leben. Daraus sind dann in zwei Tagen hochspannende Tonaufnahmen entstanden und zwei Tage später ist Alfred gestorben«, erinnert sich Voigt. »Da standen wir dann mit diesem Vermächtnis in der Hand, das wir jemandem mitteilen wollten, und daraus haben wir eine sehr subjektive Rekonstruktion eines deutschen Arbeiterlebens gemacht, das durch alle Höhen und Tiefen, alle Konflikte des letzten Jahrhunderts gegangen ist. Dieser Zufall führte mich nach Leipzig.«

Zurück in die Stadt zog es ihn drei Jahre später. »Da lagen die Veränderungen auf der Straße und ich hab gesagt, da müssen wir unbedingt einen Dokumentarfilm machen. Dies ist eine Zeit, die man beschreiben muss.« Daraus entstand »Leipzig im Herbst« in Zusammenarbeit mit den Dokumentarfilmern Gerd Kroske und Sebastian Richter. »Zwei Monate nach dem Mauerfall sind wir dann wieder nach Leipzig und haben über ein Jahr hinweg fünf Leute begleitet, die das Ende der DDR und den Anfang von was Neuem erleben. Das war dann ›Letztes Jahr Titanic‹.« Daraus entstand die Idee, in einigen Jahren zurückzukehren und zu schauen, was mit diesen Menschen passiert ist. Ein Arbeiter in einer Gießerei, dessen Zukunftsaussichten düster sind, eine resolute Kellnerin, die im Westen den Neuanfang wagen will, und eben Isabel, jung und bereit für die Zukunft.

25 Jahre später ist alles anders. Die Haare sind ab, statt im Abbruchhaus treffen wir Isabel in einer schicken Wohnung in Stuttgart wieder. Sie ist Beamtin, ihr sächsischer Akzent ist dem schwäbischen gewichen. Sie beklagt die Umstellung zwar, die der Umzug damals mit sich brachte, dass sich hier im Westen jeder selbst der Nächste ist. Doch sie gibt zu, dass auch sie ihren eigenen Vorteil heute immer im Blick hat.

Drei Protagonisten sind geblieben, ihre Lebenswege sind unterschiedlich und verliefen selten nach Plan. Die Karriere des ehemaligen Skinheads Sven aus »Glaube Liebe Hoffnung« (1994) als Bundeswehrsoldat endete mit Vorstrafenregister und Hartz IV. Die Journalistin Renate, die einst für die Stasi tätig war, konnte das, was die Behörde in ihr anrichtete, nicht verarbeiten. Die Schauplätze in Voigts fünftem Leipzig-Film sind längst nicht mehr am einstigen Ort des Umbruchs zu finden. Aus der Chronik einer Stadt ist eine universelle Geschichte von gelebten und gescheiterten Träumen geworden.

»Alles andere zeigt die Zeit« wird in diesem Jahr das Dokumentar- und Animationsfilmfestival eröffnen und abgesehen davon, dass es der passende Film zum 25. Jahr der Einheit ist, »führte auch sonst kein Weg an ihm vorbei«, wie Programmchefin Grit Lemke unterstreicht. »Andreas Voigt ist ein Meister darin, zeitliche Abläufe zu dokumentieren. Souverän verknüpft er Material aus dem Jahr 25 der deutschen Wiedervereinigung mit jenem der Lethargie des Ostens, des 89er Aufbruchs und der Nachwende-Ankunft. Die eine andere war als jene, die uns die Mainstream-Medien glauben machen.« Auch aus diesem Grund wird es den Leipzig-Zyklus von Andreas Voigt, eine unschätzbar wertvolle Nachwendechronik, auf dem 58. DOK Leipzig noch einmal in voller Länge zu sehen geben. Auch im Zeitkino des Leipziger Bahnhofs, der immer wieder Ausgangspunkt der Filme war und die Veränderungen der Stadt und ihrer Menschen eindrucksvoll widerspiegelt.

»Alles andere zeigt die Zeit«:

26.10., 19 Uhr, Cinestar 8 und Cinestar 6,  und 19.30 Uhr, Hauptbahnhof Osthalle

27.10., 18.30, JSA Regis-Breitingen

31.10., 10.30, Cinestar 8

1.11., 19.30, Schaubühne Lindenfels


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