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Dokblog 2015

Legida anschreien

Die neue Festivaldirektorin hält eine politische Rede auf der Eröffnungsfeier, die etwas chaotisch wirkt und immer noch zu lange dauert

  Legida anschreien | Die neue Festivaldirektorin hält eine politische Rede auf der Eröffnungsfeier, die etwas chaotisch wirkt und immer noch zu lange dauert
Leena Pasanen, Foto: DOK Leipzig/ Susann Jehnichen
Leena Pasanen, Foto: DOK/ S. Jehnichen

Plötzlich steht sie da. Leena Pasanen, die neue Festivaldirektorin. Es herrscht noch ein bisschen Unruhe von Leuten, die ihre Plätze im großen Cinestar-8-Kinosaal einnehmen, als sie die Bühne betritt und zu reden anfängt. Nach warmen Worten der Begrüßung dauert es nicht lange, bis sie auf Legida zu sprechen kommt, die zeitgleich in der Innenstadt demonstrieren und fremdenfeindliche Parolen brüllen. Sie habe sich das lange angesehen, »aber ich sollte wohl besser zurückschreien«, sagt die Finnin, die drei Jahre in Budapest gelebt und die Veränderungen unter der Orbán-Regierung persönlich miterlebt hat. Dokumentarfilme seien ein hervorragendes Mittel, um Ignoranz und Engstirnigkeit zu bekämpfen. Deswegen empfehle sie jedem Legida-Sympathisanten, jetzt lieber in den Hauptbahnhof zu gehen, wo zur gleichen Zeit der Eröffnungsfilm »Alles andere zeigt die Zeit« zu sehen ist.

»Wir haben schon überlegt, ob wir bei Legida einfach mal ein paar Karten verteilen sollten«, sagt Grit Lemke, Programmdirektorin des Festivals und gewitzte Moderatorin des Abends. Da Pasanen von vielen Menschen, die sie gefragt hat, was sie ändern solle, die viel zu lange Eröffnungsfeier jedes Jahr genannt bekam, lautet das Konzept nun: keine Reden. Dafür werden die sächsische Kultusministerin Eva-Maria Stange und Kulturbürgermeister Michael Faber auf der Bühne in ein Gespräch verwickelt. Während Stange bekennt, dass sie froh ist, heute am Pegida-Montag »aus Dresden fliehen« zu können, und sich über klare Statement aus der Kultur-Szene freut, ist Fabers Antwort ungefähr das Gegenteil eines klaren Statements. Er ist scheinbar sehr spontan für den abwesenden Burkhard Jung eingesprungen, der auf der Kinoleinwand noch groß angepriesen wird, und sagt verschwurbelte Sätze wie: »Man darf nichts ausschließen« und solle »sich alles anschauen«, und man weiß nicht genau, ob er wirklich die Legida-Demo meint. Filme will er sich auf jeden Fall auch anschauen – am besten »heimlich«.

Der Ansatz, die Veranstaltung zu verkürzen, klappt nicht so ganz. Nach einer Stunde mit HMT-Musikern, Gesprächen mit Filmemachern wie John Smith, der für den Trailer des Films eine »Fliege an der Wand« in Szene gesetzt hat, wird noch jedes Mitglied jeder einzelnen Jury (ca. 11) auf die Bühne geholt, unter ihnen bekannte Menschen wie Schriftsteller Ingo Schulze und Simpsons-Macher David Silverman.

Und zum Schluss Regisseur Andreas Voigt, der seine Protagonisten mit auf die Bühne bringt. Die meisten haben den Film noch gar nicht gesehen. »Andreas hat mir mal den Anfang gezeigt, aber dann ist der Akku abgekackt«, erzählt der tätowierte Sven. Er ist später auch noch auf dem Eröffnungsempfang zu sehen. Der heimliche Star des Abends. Stolz geht er Hand in Hand mit seiner Freundin rauchen und trinken. Achtung, Spoiler: Sie sind scheinbar noch zusammen.

Am Ende hätte man vielleicht alles andere weglassen können, nur nicht die Reden – zumindest nicht die der neuen Chefin (die von Faber schon). Neben ihrem Aufruf gegen Legida bricht sie auch eine große Lanze für Filmemacherinnen. »Das war ein Schock für mich«, sagt Pasanen, »dass so wenige Regisseurinnen hier vertreten sind.« Dabei seien in den Filmschulen weitaus mehr Absolventinnen. »Trauen wir ihnen das nicht zu?«, überlegt sie und fragt, ob das vielleicht das gleiche Phänomen wie beim Autofahren ist. Wo man immer sagt, Frauen könnten nicht gut fahren, dabei sind es in den seltensten Fällen Frauen, die Unfälle bauen. Und dann ist sie auch schon wieder von der Bühne runter. Applaus.


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