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Dokblog 2015

Versicherung gegen Nagelbomben

Der »Der Kuaför aus der Keupstraße« erinnert an den Nagelbombenanschlag von Köln – und erzählt endlich auch die Geschichte der Opfer, die lange als Täter galten

  Versicherung gegen Nagelbomben | Der »Der Kuaför aus der Keupstraße« erinnert an den Nagelbombenanschlag von Köln – und erzählt endlich auch die Geschichte der Opfer, die lange als Täter galten

»Viele haben vergessen, was uns passiert ist«, sagt Abdulla Özkan unter Applaus. Vor elf Jahren wurde Özkan von einem Nagel im Hals getroffen. 2004 in Köln war das, in der Keupstraße, also dort, wo viel Türken ihre Geschäfte haben. Sieben Jahre lang haben die Ermittler versucht, die Täter hinter dem Nagelbombenattentat zu finden – unter den Türken, unter den Opfern. Bis sich herausstellte, dass hier die rechtsextreme Terrororganisation NSU ihren Fremdenhass mit Gewalt herausgelassen hat.

Der Dokumentarfilm »Der Kuaför aus der Keupstraße«, der am Dienstag beim DOK in Leipzig Weltpremiere feierte, rekonstruiert weniger das Attentat selbst, sondern vielmehr das Hinterher. Spricht mit den Friseurinhabern, dessen Laden zerstört wurde, und mit ihren Nachbarn. Zeigt den Skandal der Ermittlungen, die den Opfern nicht glauben wollten.

Das ist das Interessante und das Bewegende an dem Film: Dass die Opfer ausführlich zur Sprache kommen und ihre Version erzählen können. Zudem sprechen Schauspieler die Verhörprotokolle nach, die schon allein durch die angewandten Verhörmethoden erschrecken. In denen die, die eigentlich die Opfer sind, als Hauptverdächtige getrennt voneinander vernommen und verunsichert werden – sieben Stunden am Stück.

»Die erste Frage der Polizei, als sie am Tatort ankam, war, ob ich versichert sei«, sagt der Besitzer des Friseursalons, an dem die Bombe hochging.

Ein gelungener Kniff des Regisseurs Andreas Maus ist, dass er zwischen die Erzählungen der Opfer auch die Bilder von dem großen Fest zum zehnten Jahrestags des Attentats zeigt. Wo sich Tausende versammeln, Musiker spielen und Bundespräsident Gauck eine Rede hält und mit viel medialem Getöse auch bei den Friseuren vorbeischaut. »Die meisten waren wahrscheinlich wegen Maffay hier«, sagt Özkan, der selbst nicht auf die Bühne durfte.

Anstrengend an Maus’ Film ist die gewählte Art Inszenierung. So fallen immer wieder Nägel in Zeitlupe auf den Boden, begleitet von anstrengender, eintöniger Musik, die wohl Dramatik betonen soll, und die auch die sehr langen Einstellungen begleitet, in den die Protagonisten nur stumm in die Kamera gucken. Immer wieder. Selbst die Schauspieler, die in einer Fabrikhalle, in die Requisiten aus der Keupstraße stehen, die Verhöre nachspielen, schauen lange schweigend geradeaus.

Doch – und das macht den Film sehr empfehlenswert – werden dank »Der Kuaför aus der Keupstraße« alle im ausverkauften Cinestar 4 nicht mehr vergessen, was Özkan und den anderen passiert ist.

Sa, 30.10., 10 Uhr, Cinestar 4

So, 31.10., 15.30, Cinestar 5


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