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Dokblog 2015

Amerikas Peripherie

"The Other Side" von Roberto Minervini

  Amerikas Peripherie | "The Other Side" von Roberto Minervini

Im Jahr 2013 gewann der italienische Regisseur Roberto Minervini die Goldene Taube für den elegischen Reigen "Stop The Pounding Heart"  um die 14-jährige Sara und ihr jugendliches Erwachen in einem streng religiösen Elternhaus. In diesem Jahr ist er mit seinem neuen Film "The Other Siede" zurück im Wettbewerb des DOK-Festivals. Während seine früheren Arbeiten das Leben der Menschen in der texanischen Provinz einfingen, dringt Minervini nun nach Louisiana vor und folgt in der ersten Hälfte des Films seinem Protagonisten Mark durch den trostlosen Alltag in einem Trailerpark. Die Gemeinschaft der hier Lebenden scheint vom Fortschritt der Weltmacht USA vergessen zu sein. Pendelnd zwischen Drogenkonsum und schlecht bezahlten Kurzzeitjobs lebt Mark mit seiner Freundin Lisa tagein tagaus ohne Perspektive vor sich hin. Und als er eine Perspektive entwickelt, so schlecht sie auch sein mag, verlässt der Film ihn und wendet sich einer Gruppe junger Männer zu, die einen das Fürchten lehren. Im Gegensatz zu Mark haben diese Typen sehr wohl eine Perspektive: Protect our Families and our Rights! Wirre Theorien von Überfremdung werden da ausgetauscht, die Waffe im Anschlag proben sie den Häuserkampf und das Pirschen durch den Wald – für den Ernstfall. Das Arsenal an Waffen, welches ihnen zur Verfügung steht und mit denen sie auf Zielscheiben und ins Gebüsch feuern, ist in seiner Masse schlicht absurd.
Die Menschen, die Minervini in den beinahe körperlich spürbaren Nahaufnahmen zeigt, haben schlechte Zähne, sonnenverbrannte Haut, sie schwitzen und leiden und feiern. Ihr Äußerungen und Handlungen sind erschütternd und bewegend zugleich, weil man all dies aus seinem bequemen Kinosessel beobachtet und es dadurch noch schwerer fällt, zu glauben, was man sieht. Dieses Gefühl verstärkt sich vor allem im zweiten Teil des Films. Während die Geschichte um Mark und Lisa noch in manch poetischer Szene ihren Ausgleich findet und den Respekt des Filmemachers vor seinen Charakteren verdeutlicht, machen die Abgebildeten im zweiten Teil nur noch fassungslos. Schier unwirklich scheint es, wie nah die Kamera an die Menschen heran kommt und wie intim die Einblicke sind, die sie gewähren. Zugleich aber liegt hier auch das Problem des Films: Minervini setzt dem Publikum nicht nur stark inszenierte Handlungen und Abläufe vor, sodass man sich vor allem im ersten Teil immer wieder in einem fiktiven Spielfilm wähnt. Er destilliert eben scheinbar auch nur die schockierendsten Szenen für seine hitzegeschwängerte Erzählung von den Abgehängten der USA: Eine Schwangere, der Mark Heroin injiziert und die sich beim anschließenden Strip Dollarscheine zwischen die Beine schieben lässt. Mark und seine Freundin im Drogenrausch, mit verzerrten Gesichtern auf einem schlechten Trip, die Stimmung brodelt bis hin zu Handgreiflichkeiten; aggressive Provinzler, die ein Autowrack mit einer Obama-Gummimaske versehen, um dann mit schwerstem Geschütz ihrer Wut auf ihren Präsidenten lautstark johlend und ballernd Platz zu machen. Kein Zweifel, die Bilder wirken nach und wecken viele Gefühle, werfen drängende Fragen auf und fordern zu einer Auseinandersetzung mit dem Gesehenen. Das allein ist bereits ein großes Verdienst des Filmemachers. Aber der Eindruck, einen menschlichen Zirkus, eine sensationsheischende Freakshow gesehen zu haben, bleibt.


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