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Dokblog 2015

»Dies ist die Zeit, die man beschreiben muss«

Andreas Voigt hat mit seinem Leipzig-Zyklus eine einzigartige Chronik der Stadt und seiner Menschen geschaffen. Im Interview erinnert sich der Regisseur, wie es dazu kam.

  »Dies ist die Zeit, die man beschreiben muss« | Andreas Voigt hat mit seinem Leipzig-Zyklus eine einzigartige Chronik der Stadt und seiner Menschen geschaffen. Im Interview erinnert sich der Regisseur, wie es dazu kam.

kreuzer: Das Dokumentar- und Animationsfilmfestival in Leipzig, rollt in diesem Jahr den Teppich für Sie aus. Grit Lemke bezeichnete das 58. Dok schon scherzhaft als die Voigt-Festspiele. Mit dem Screening des Leipzig-Zyklus', mit dem neuen Film, mit der Gemeinschaftsarbeit »Als wir die Zukunft des Sozialimus waren«, an der Sie mitgewirkt haben. Natürlich hat es seine geschichtlichen Gründe, das Jahr der Einheit, das Bestandteil des Programmes ist. Aber das ist schon eine schönes Podium, oder?

Voigt: Es ist wunderbar und ich bin natürlich sehr froh darüber. Auch, dass der Film jetzt fertig ist. Wir haben über ein Jahr daran gedreht, natürlich auch weil man so sicher geht, dass sich Geschichten entwickeln können. Das schafft man natürlich am besten, wenn man sich einen längeren Drehzeitraum ermöglicht. Ich bin natürlich total froh, dass er zur Eröffnung des Dokumentarfilmfestivals läuft, das ist großartig.

kreuzer: Wie kam es denn dazu, dass sie sich dann doch wieder heran gewagt haben an den Leipzig-Zyklus, obwohl sie ja eigentlich – zumindest auf der Internetseite war es so zu lesen – schon damit abgeschlossen hatten?

Voigt: Man hat mich 1997 bei »Grosse Weite Welt« gefragt, ob es noch einen weiteren Leipzig-Film geben wird – das ist ja nun schon 18 Jahre her. Der Hintergrund ist der, dass in den mittleren, späten Neunzigern, nach den großen Ups und Downs der Wende- und frühen Nachwendejahren erstmal alle irgendwo in ihrem Stück Leben angekommen sind. Die ganzen großen und schwierigen Veränderungen, die waren scheinbar vorbei und alle waren erstmal irgendwo. Wir waren alle erstmal angekommen und ich hab mir damals gesagt: Ok, jetzt muss man einfach mal ein paar Jahre warten und dann geht man vielleicht nochmal los und schaut nochmal hin. Aus den paar Jahren sind jetzt 18 Jahre geworden. Das hat natürlich auch etwas damit zu tun, eine Finanzierung zusammen zu bekommen, was nicht einfach war für den Film. Mit 25 Jahre Mauerfall und deutsche Einheit war dann wieder eine Möglichkeit da, mit so einem Projekt zu kommen. Vom Inhalt her hätten wir den Film auch schon vor drei oder vier Jahren machen können, aber nun ist er eben auf diese Art und Weise entstanden. Die Ebene auf der wir dann alle Mitte der Neunziger angekommen sind, hat wieder den ein- oder anderen Riss. Das kann man ja gut sehen in Deutschland und auf der Welt. Damit ist die Möglichkeit Dokumentarfilm zu erzählen wieder sehr spannend. Das war der Grund.

kreuzer: War das damals, 1986, als Du angefangen hast, schon als Langzeitstudie geplant?

Voigt: Gar nicht, das war ein totaler Zufall. Den Film '86 den haben Sebastian Richter und ich gemeinsam gemacht. Damals war ich noch an der Filmhochschule. Wir waren im gleichen Studiengang, er hat Kamera gemacht. Sebastian hat auch dann die ganzen folgenden fünf Leipzig-Filme fotografiert, auch den neuen. Der Anfang war ein großer Zufall. Ich hatte einen Kumpel, den Leipziger Maler Albrecht Gehse, der malte damals immer wirklich verrückte Portraits und in dessen Atelier hatte ich ein Porträt gesehen, das mich total faszinierte. Dann hab ich gesagt: Gehse, wer ist denn das. Und er: Willste ihn kennenlernen. Dann sind wir in das Haus gegangen, wo er früher gewohnt hat, da wohnte ein alter Mann, der schon ziemlich krank war, im Kopf aber total helle. Und der saß in einem riesigen Haufen Bücher, las Heidegger und Nietzsche und Stalin und Rosa Luxemburg, war hoch gebildet. Und der hat mir aus seinem Leben erzählt, eine total spannende Sache. Dann hab ich ihn einfach gefragt: Alfred, ich bring einen Kassettenrecorder mit – damals gab es ja noch kein Video – willst Du mir nochmal über dein Leben erzählen? Das war als Recherche gedacht. Das haben wir 1985 gemacht und daraus sind in zwei Tagen zwölf Stunden Tonbandprotokolle entstanden und ein paar Fotos, die ich glücklicherweise gemacht habe. Zwei oder drei Tage später ist Alfred gestorben. In dem Moment hast du auf einmal ein Vermächtnis in der Hand, das Letzte was Dir jemand mitteilen wollte. Daraus haben wir eine sehr subjektive Rekonstruktion eines deutschen Arbeiterlebens gemacht, der durch alle Höhen, Tiefen und Konflikte des letzten Jahrhunderts gegangen ist. Das war eigentlich der Zufall, der mich nach Leipzig geführt hat. Dann haben wir diesen Film gemacht und drei Jahre später, im Oktober '89, als die Welt anders wurde, haben wir im DEFA Studio für Dokumentarfilm verschiedene Drehteams gebildet und organisiert, eins nach Rostock geschickt, eins nach Dresden, ich hab gesagt: Ich geh' nach Leipzig. Weil wir uns da gut auskannten, aufgrund des vorangegangen Films. Daraus ist dann der nächste Film entstanden und die Veränderungen lagen auf der Straße. Wir haben gedacht: Jetzt muss man unbedingt Dokumentarfilm machen, dies ist die Zeit, die man beschreiben muss, mit all diesen wahnsinnigen Veränderungen. Das haben wir dann getan und von Ende November an, zwei Wochen nach Mauerfall, schon weiter gedreht und über ein Jahr hinweg fünf Leute in Leipzig begleitet, wie sie das Ende der DDR und den Neuanfang erleben. Das war dann der dritte Film »Letztes Jahr Titanic«, der Ende 1990, Anfang 1991 fertig war. Da gab es schon die Idee, anhand der Ereignisse, die wir alle durchlaufen haben zu sagen: Ok, da müsste man in ein paar Jahren mal wieder gucken, kommen, und schauen, was passiert eigentlich mit diesen Menschen. Dann waren wir '94 nochmal da und haben »Glaube, Liebe, Hoffnung« gemacht. 1997 sind wir dann schon zu ein paar Leuten aus diesem früheren Film gegangen, um zu schauen, was aus denen geworden ist. Insofern ist die Auswahl der Menschen und Protagonisten, die wir getroffen haben, hochgradig zufällig. Die haben wir in dieser Wendezeit nicht einfach gesucht, sondern sie sind uns zum Teil über den Weg gelaufen. Isabel, die in der Stöckartstraße damals in einem besetzten Haus wohnte, und auch Sven, der damals dort war. Das sind einerseits Zufälle gewesen, auf der anderen Seite sind wir auch ganz bewusst an bestimmte Orte gegangen, in einen Gießerei-Betrieb etwa, die es damals noch gab, um zu gucken, wie geht es Leuten kurz vor Ende des Betriebes. Das waren so die Prämissen, die wir gesucht haben. Insofern ist das Zusammenkommen und die Auswahl der Protagonisten mehr oder weniger durch die damaligen Ereignisse bestimmt gewesen und nicht durch große Überlegungen konzeptioneller Art.

kreuzer: Die große Vielzahl an Protagonisten über die Jahre hinweg und auch die vielfältigen Biographien – warum sind es dann jetzt diese drei geworden, die sie im aktuellen Film beleuchten?

Voigt: Naja so eine große Vielzahl war es auch gar nicht. Wir hatten im vorherigen Film fünf, sechs Menschen porträtiert. Diese drei blieben eigentlich aus zwei Gründen: Zum einen gab es schon in den Folgefilmen einige, die nicht mehr mitmachen wollten. Diese drei sind es geworden, weil wir über die vielen Jahre immer wieder Kontakt miteinander hatten, wir haben uns nicht aus den Augen verloren. Ich hab gesehen, wie deren Leben weiter geht. Das fand ich unerhört spannend und dann haben wir gemeinsam beschlossen, einen neuen Film zu machen. Es hat natürlich etwas mit den Brüchen in diesen Biographien zu tun und den Dingen, die man einfach weiter erzählen muss oder weiter erzählen wollte. Wenn ich an die Journalistin Renate denke, die da in »Titanic« schon eine große Rolle spielt und dann '97 in die große, weite Welt geht, die sich dann später das Leben genommen hat und deren Tochter sich jetzt im neuen Film auf Spurensuche nach ihrer Familiengeschichte begibt – das sind so Sachen die ganz wichtig sind. Oder Sven, der war damals 15, als ich ihn in Connewitz kennenlernte – der ist heute 40, und in diesen 25 Jahren dazwischen passiert natürlich viel. Und das macht dann die Spannung aus.

kreuzer: Bezeichnend ist ja auch, dass alle in den Westen gegangen sind, bis auf Renate, die ist geblieben, oder?

Voigt: Renate, die Journalistin, ist in Leipzig geblieben, genau.

kreuzer: Der Fokus hat sich von Leipzig weg bewegt, wobei es am Anfang ja auch noch eine Chronik der Stadt war. Das ist natürlich schon auch ein Stück weit schade, dass die Entwicklung der Stadt nicht mehr gezeigt wird, aber es geht dir eher um die Entwicklung der Biographien der Menschen…

Voigt: Klar, das ist der Ansatzpunkt. Die Stadt ist der Raum, in der sich das Leben abgespielt hat. In den ersten Filmen spielt auch der Umbau des Stadtraumes eine große Rolle. Dann sind sie aber weg gegangen und das hat ja auch Gründe, vor allem berufliche. Zu gucken, wo finde ich Arbeit, wo kann ich weiterkommen, und das war ja in den frühen neunziger Jahren, wo diese Entscheidungen getroffen worden sind, auch noch eine völlig andere Situation. Heute würde wahrscheinlich mancher von denen diesen Schritt weg aus Leipzig nicht mehr machen, denn ich finde, das ist eine wundervolle Stadt geworden, eine sehr, sehr lebenswerte und spannende Stadt. Aber das war eben Anfang der Neunziger noch völlig anders. Keine Arbeit, die Stadt völlig heruntergekommen, der totale Umbruch im eigenen Leben und dann hat man sich auf den Weg gemacht, oder wurde auf den Weg gebracht. Isabel erzählt im neuen Film, ihre Mutter hat dafür gesorgt, dass sie für einen Ausbildungsplatz nach Stuttgart geht. Aus der Lehre hat sich dann ihre spätere berufliche Entwicklung ergeben und sie ist eben da geblieben. Sven war in der Armee, ist dann entlassen worden und hat einen Job im Ruhrgebiet gesucht und nicht gefunden. Also der schlägt sich auf eine ganz andere Art und Weise durchs Leben. Aber das sind natürlich immer die Gründe, warum Du irgendwo weggehst.

kreuzer: Nach so vielen Jahren muss man die Menschen daran erinnern und vor allem auch diejenigen an die Hand nehmen, die die anderen Filme nicht kennen. Aber wie findet man das richtige Maß an Archivmaterial aus früheren Filmen, was man verwendet? Teilweise wird im neuen Film ja auch altes, unveröffentlichtes Material aus der Zeit genutzt?

Voigt: Wir zitieren im neuen Film aus allen fünf Filmen. Aus »Alfred« nur anhand von alten Stadtbildern. Ansonsten sind es Zitate aus den anderen Filmen. Also die Zitate in denen die betreffenden Protagonisten, also Sven, Renate und Isabel, vorkommen. Auf der einen Seite überlegt man, was sind die spannenden Momente aus den vorhergehenden Filmen und versucht über ein Jahr hinweg punktuell zu schauen. Wir haben von Mai letzten bis Juli diesen Jahres gedreht und sind immer wieder hin gefahren, haben geschaut, was jetzt bei den Einzelnen passiert. Da gibt’s dann auch Sachen, die dann in der Montage des alt- und neugedrehten Materials auf einmal eine neue Dimension bekommen. Das muss man als Zufall nehmen – die Dinge passieren, weil man sich ja auch nicht ausdenken kann was passieren wird.

kreuzer: Nun gibt es ja noch den anderen Film im Programm des DOK Leipzig, »Als wir die Zukunft des Sozialimus waren«. Wie ist dieses Projekt zustande gekommen? Wie war es für dich selbst mal Subjekt der Dokumentation zu sein?

Voigt: Entstanden ist es dadurch, dass die Produzentin Barbara Etz die Idee hatte, man müsste mal mit ein paar älteren Regisseuren aus dem Osten ein Projekt machen, in dem jeder mal etwas aus seiner Kindheit und Jugend erzählt. Das war eigentlich der Ansatz. Und wir haben uns dann später eine Konzeption ausgedacht von sieben Kurzfilmen à zehn bis zwölf Minuten etwa. Ansatzpunkt ist, dass jeder etwas aus seiner Kindheit und Jugend erzählt in der DDR. Ganz konkret geht es also um die fünfziger und sechziger Jahre. Die sieben Regisseure, neben mir Lars Barthel, Gabriele Denecke, Peter Kahane, Thomas Knauf, Hannes Schönemann, Ralf Marschalleck – jeder von ihnen hat erstmal eine Geschichte aufgeschrieben und dann hat jeder an dem Ort, der ihm wichtig war, von dem er kommt oder an dem er gelebt hat, einen Film gemacht. Ich hatte mir von Anfang an eigentlich vorgenommen etwas über meine frühe Kindheit in Dessau zu machen, weil ich da sehr intensive Erlebnisse und Erinnerungen habe. So ist das entstanden. Jeder ist an den für ihn wichtigen Ort gegangen – das ist eben meist die Heimatstadt. Für Lars Barthel war es Erfurt, bei Ralf Marschalleck – der sich schon in seinen späteren Jugendjahren bewegt – ist es Weimar, Thomas Knauf macht eine Reise nach Polen, an die er sich erinnert, Gabi Denecke ist in Berlin aufgewachsen – also, das sind ganz verschiedene Orte und die erzählen über unsere Kindheit und Jugend. Wir haben dann diese sieben Teile in einem Film zusammen gefasst und es gibt Prolog und Epilog und zwischendurch noch einen Zwischenteil. In dem treffen wir uns in einem alten Dorf-Tanzsaal, sitzen um den Tisch rum und reflektieren über die Zeit oder erinnern uns an die fünfziger und sechziger Jahre, was da eigentlich gewesen ist und was mit uns geschehen ist in dieser Zeit oder später im Land der DDR, das es nicht mehr gibt. Deswegen heißt der im Untertitel auch »sieben Geschichten aus einem verschwundenen Land« und ich denke da ist etwas ganz Spannendes entstanden. Ich bin natürlich sehr gespannt, wie das Publikum reagiert, denn das ist auch die erste Aufführung des Filmes, die wir jetzt in Leipzig haben werden.

kreuzer: Ich denke schon, dass sich da viele drin wiederfinden werden und er dient als eine hervorragende Ergänzung zu den Leipzig-Filmen, sozusagen die Vorgeschichte dazu sehen zu können, als Sie noch die Zukunft des Sozialismus' waren. Vielen Dank für den Einblick, sowohl in filmischer Hinsicht als auch im Gespräch.

Interview: Lars Tunçay

Transkript: Max Fassbender

Nachzuhören unter https://www.freie-radios.net/73262


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