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Dokblog 2016

»Das Medium Film auf den Seziertisch packen«

Das DOK Leipzig hat einen neuen Kopf fürs Animierte: André Eckardt

  »Das Medium Film auf den Seziertisch packen« | Das DOK Leipzig hat einen neuen Kopf fürs Animierte: André Eckardt

André Eckardt ist der neue Leiter der Animation beim DOK Leipzig. Als Leiter des Deutschen Instituts für Animationsfilm bringt der Dresdner gute Voraussetzungen mit. Der kreuzer sprach mit ihm über die Situation und die Chancen des Animationsfilms.

kreuzer: In Deutschland führt der Animationsfilm ein Nischendasein …

ANDRÉ ECKARDT: Das stimmt. Ich finde es trotzdem spannend, was hierzulande in der Animation passiert, besonders im experimentellen Bereich. Hier gibt es sehr viele, die sich nicht darum scheren, ob sie jetzt nun einen Animationsfilm machen oder etwas Artverwandtes. Außerdem gibt es einige ganz tolle Agenturen in Deutschland, die sich auf Motion Design konzentrieren, einerseits für hochkommerzielle Aufträge arbeiten, andererseits freie Projekte pflegen.

kreuzer: Wie sind Sie zum Animationsfilm gekommen?

ECKARDT: Meine Wurzeln im Film entstanden durch ein Anglistikstudium an der TU Dresden. Während eines Auslandssemesters in Brighton habe ich viel die Cinemathek besucht. Die haben mich filmgeschmacklich im positiven Sinne »versaut«, weil sie sie die ganze Avantgarde – gerade was den Animationsfilm betrifft – hoch- und runtergespielt haben. Das Filmstudium, das ich nie hatte, hatte ich dort. Meine Abschlussarbeit war dann folgerichtig über den Animationsfilm, über die Gebrüder Quaye aus London.

kreuzer: Wie ging es dann weiter?

ECKARDT: Ich hatte das Glück, dass das Deutsche Institut für Animationsfilm (DIAF) in Dresden ansässig ist. Mit dessen damaliger Leiterin habe ich Kontakt aufgenommen, als ich Anfang der 2000er zu den Quays recherchierte. Damals hat man noch versucht, irgendwo auf VHS eine Sichtungskopie herzubekommen. Das war gut, denn dadurch musste man mit vielen Leuten in Kontakt treten. So ging es Stück für Stück weiter. Ich habe Filmprogrammierungen für das DIAF gemacht und für eine Dresdner Firma als Filmhistoriker gearbeitet, die in den 1920er Jahren anfing, Werbe- und Industriefilme herzustellen.

kreuzer: Wie war Ihr Verhältnis zum DOK Leipzig?

ECKARDT: Als ich noch für das DIAF arbeitete, habe ich bereits mit Annegret Richter und ihren Vorgängern Programme zusammengestellt. Daher ist mir das Pflaster schon vertraut. Ich habe das DOK in seiner Verschränkung von Dokumentar- und Animationsfilm immer gemocht und war schnell mit Grit Lemke, der Programmatorin, und Festivalchefin Leena Pasanen einig, das in Zukunft noch zu verstärken.

kreuzer: Wer profitiert von der Neuausrichtung?

ECKARDT: Die Verschränkung der Bereiche ist eine Chance für den Animationsfilm, da Menschen hier auch mit einer Art von Animationsfilm konfrontiert werden, bei der sie vielleicht sonst nicht ins Kino gehen würden. Wenn dann aber ein tolles Dokumentarfilmthema ansteht und da vorher noch ein Animationsfilm programmiert ist, der zu dem Thema passt und vielleicht eine ganz andere Perspektive aufmacht, kann sehr viel Entdeckung entstehen. Der Animationsfilm ist sehr manipulativ, aber das ist auch seine Chance. Er kann das Medium Film auf den Seziertisch packen, einzelbildweise und mikroskopartig vorgehen. Man kann mit dem Animationsfilm auch Prozesse darstellen, in Dinge hineinschauen und Sphären erreichen, die man sonst nicht erreicht.

kreuzer: Die Grenzen zerfließen zunehmend …

ECKARDT: Wir hatten Einreichungen, die wirklich an der Grenze sind. Die hatten fotorealistische Bilder, aber wie sie collagiert sind, wie sie ineinander verschränkt sind … Es wird ja auch bei Mainstream-Langfilmen immer schwieriger zu sagen, wo wurde da animiert, wo ist die kreative Hand in die Bilder reingegangen und wo ist eigentlich noch der Schauspieler?

kreuzer: Die Sektion Animierte Dokumentarfilme nutzt diese Fließbewegung …

ECKARDT: AnimaDOK nutzt die Möglichkeit der Reinszenierung von Situationen, die man nicht auf Filmmaterial vorliegen hat. Die Animation steht dabei oft neben den Realfilmaufnahmen, und das kann es ihr schwierig machen, dagegen zu bestehen. Ein Zuschauer wird immer der Alltagswirklichkeit näher sein als einer Animationsszene. Das ist die große Herausforderung für den AnimaDOK-Bereich: nicht bloß zu rotoskopieren, die Farbwerte zu verändern oder zu abstrahieren, indem man drüberzeichnet, sondern auch die Möglichkeiten auszuschöpfen, die die Animation bringt, etwa Übertreibung oder eine dermaßene Reduktion, die von dem Ursprungsbild bloß noch die Kernaussage übrig lässt.

kreuzer: Wie sieht Ihr derzeitiger Arbeitstag beim DOK aus?

ECKARDT: Die nächsten Wochen waren der intensiven Sichtung gewidmet, wobei wir schon mittendrin sind im Prozess der Transformation, weil wir jetzt eine Auswahlkommission haben, die sich aus Dokumentar- und Animationsleuten zusammensetzt. Wir sind uns einig, dass am Ende ein Film funktionieren muss. Er muss den Zuschauer ansprechen. Wenn keine kleine Note anklingt in der Seele, dann wird er es sehr schwer haben. Darüber zu sprechen und auch eine Auswahl zu treffen, ist ein sehr schöner Prozess.

INTERVIEW: Lars Tunçay


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