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Dokblog 2016

Starks and Silence

»Into the Silence«, »Two Worlds«, »Seeing Voices« und eine besondere App

  Starks and Silence | »Into the Silence«, »Two Worlds«, »Seeing Voices« und eine besondere App

Im Kino: Der Film beginnt, ich starte die App »Starks«, das Package für den aktuellen Film habe ich mir heruntergeladen. Das ging alles recht schnell und komfortabel. Ich sehe »Mein Leben als Zucchini«, den Eröffnungsfilm. Bei den ersten Worten erscheinen Worte auf dem dunklen Bildschirm. Ich starre auf die App: Was passiert? Dann fällt mir ein: Ach nein, ich bin doch hier, um den Film zu sehen! Ich schaue wieder auf die Leinwand, höre Französisch, dessen ich nur unzureichend mächtig bin, lese die englischen Untertitel und vergleiche dann mit den deutschen Sätzen in der App, ich schaue geradeaus, runter, weiter runter, wieder zurück. Und wie kann ich denn jetzt noch auf die entzückende Animation achten? Tatsächlich ist der Umgang mit der Untertitel-App erstmal sehr verwirrend. Ich merke schnell, dass ich nur bedingt zum Zielpublikum gehöre. Ein weiteres Problem: Wohin mit dem Handy? Auf dem Schoß liegt es zu tief. Geradeaus gehalten versperrt es die Sicht. Rechts, aber nah den Augen, damit ich weiterhin geradeaus schauen kann, wird schnell der Arm müde. So recht konnte ich noch keine Möglichkeit finden. Doch trotz all der Unkenrufe und der vielen Unsicherheiten, die der Umgang mit der App erstmal bietet, so ist es doch ein großartiges Angebot und ein spannender Testlauf beim Dok-Festival. Gerade für die Menschen, die die englischen Untertitel nicht verstehen oder nicht lesen können. Oder eben alle, die den Ton nicht wahrnehmen können und trotzdem am Festival und seiner besonderen Atmosphäre aktiv teilhaben möchten.

Wie sich jemand fühlt, der eben nicht jeden Ton hört, eben nicht alles verstehen kann, das lässt sich tatsächlich häufiger während des Festivals erfahren. Pünktlich zum Testlauf der Untertitel-App »Starks« gibt es im Programm eine große Zahl an Filmen, die sich mit dem Thema Gehörlosigkeit auseinandersetzen. Die Ansätze der Filmemacher sind aber grundverschieden.

In »Two Worlds« lernen wir Laura kennen, die mit ihren Eltern in Polen lebt. Doch es gibt eine Besonderheit: Sie ist die hörende Tochter gehörloser Eltern und erzählt auf sehr ehrliche Weise aus ihrem Alltag. Klar ist es super, wenn die Lehrer nicht wegen jeder Kleinigkeit bei ihren Eltern anrufen können, und Krach machen kann sie mit ihren Freundinnen den ganzen Tag, niemand bittet um Ruhe. Auf der anderen Seite begleitet sie ihre Eltern zu Arztbesuchen, in den Baumarkt und um Kohle zu kaufen (wo sie fast vier Tonnen ordert). Das ermüdet und lässt sie schon früh in eine Erwachsenenwelt voller Formulare und Verhandlungen blicken, was in der Sechstklässlerin keine großen Hoffnungen für die Zukunft weckt. Durch Ausschnitte aus alten Familienaufnahmen wird das Bild der kleinen Gemeinschaft komplettiert, die es nicht immer leicht miteinander hat, aber immer um einen liebevollen Umgang bemüht ist.

Luka hingegen ist selbst gehörlos. Der Junge lebt in einem Heim für gehörlose Kinder in Georgien. Ab und an schaut seine Mutter vorbei, doch sie findet, selbst hörend, keinen Zugang zu ihrem Sohn. Generell scheint Luka immer ein wenig abwesend. Regisseurin Mariam Chachia erzählt in »Listen to the Silence« seine Geschichte als ein Märchen, filmt ihn im Alltag, sinnierend an seinem Lieblingsplatz im Pausenhof. Dann soll Luka tanzen. Wir hören, was er hört: Nichts. Doch Luka beginnt, sich zu bewegen, zu seiner eigenen, inneren Musik. Aber so sympathisch Luka auch ist, leider ist diese Stille auf Dauer eher ermüdend und das Märchen zu bald auserzählt.

Während »Two Worlds« und »Listen to the Silence« sich eher mit Unterschieden und Andersartigkeit auseinandersetzen, zeigt »Seeing Voices« eine ganz andere Seite, eine ganze Community in Österreich, die sich für die Inklusion Gehörloser im öffentlichen Leben einsetzen. Eine Politikerin, die nichts hört? Na klar! Eine Gehörlose hält einen Vortrag an der Universität? Ja, bitte! Eine Ausbildung zur Damenschneiderin? Kein Problem, auch nicht für Gehörlose. So jedenfalls fordern es die Protagonisten des Films. So sehen wir die Politikerin, die andere in einer flammenden Gebärdensprachen-Rede animiert, für ihre Rechte zu kämpfen und sich dann im Auto mit Hilfe ihres Dolmetschers um die Belange ihrer Mitarbeiter kümmert. Und wir sehen die gehörlosen Eltern, denen es mehr oder minder egal ist, ob ihr Neugeborenes hört oder nicht, weil es an ihrer Erziehung nichts ändern wird. Für Teenager Ayse geht es in die Berufsvorbereitungskurse, in denen der offene Umgang mit dem Chef geprobt wird. Und das bekommen so einige Hörende schlechter hin als sie, auch wenn sie vor Unsicherheit bei der Probe noch dauernd kichern muss.

So hinterlässt von den drei genannten Filmen »Seeing Voices« wohl das positivste Zeichen, nämlich dass es bei dem Recht auf Bildung, auf Arbeit und auf einen unvoreingenommenen Umgang miteinander eben egal ist, welche Sprache jemand spricht. Und wenn es eine App gibt, um zumindest den Zugang zu Kultur leichter – und irgendwann sicher auch unkomplizierter zu gestalten, dann ist das ein sehr gutes Zeichen und ein Schritt in die richtige Richtung.


»Two Worlds«

 

 

»Listen to the Silence«

 

»Seeing Voices«

CineStar 5: 4.11., 19 Uhr
CineStar 6: 5.11., 11 Uhr


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