anzeige
Dokblog 2016

Die Innere Aufrüstung

»Do Not Resist« zeigt die von wachsender Angst getriebene Aufrüstung der US-Polizeibehörden

  Die Innere Aufrüstung | »Do Not Resist« zeigt die von wachsender Angst getriebene Aufrüstung der US-Polizeibehörden

Da ist der Sheriff der kleinen Gemeinde Juneau in Wisconsin (0 Morde in 2014): Wenn seine Polizei einen schwer gepanzerten Mannschaftstransporter bekommen kann, warum nicht? Schließlich könnte man auch in Juneau einmal in die Situation kommen, einen bewaffneten Aufstand bekämpfen zu müssen, oder?

Da ist der Gemeinderat der Kleinstadt Concord in New Hampshire (2 Morde seit 2004): Wenn das US-Verteidigungsministerium nicht mehr benötigte Panzerfahrzeuge aus dem Irakkrieg an Polizeibehörden abgibt, warum sollte man da nicht zugreifen? Selbst FBI-Chef James Comey vertritt doch öffentlich die Meinung, es gebe Monster und der Staat müsse dringend aufrüsten, um die Bevölkerung noch schützen zu können.

Doch die Polizisten sind inzwischen nicht nur mit Kriegsgerät, Maschinengewehren und Stahlhelmen auf den Straßen der USA unterwegs. Auch beim Thema Hightech gibt es keine Grenzen mehr. Der Streifenwagen von Sergeant Paola Davidson in Los Angeles verfüg über Kameras hinter der Windschutzscheibe, die automatisch und ohne Unterlass sämtliche Nummernschilder aller vorausfahrender und entgegenkommender Fahrzeuge scannen. Ist der Wagen vielleicht als gestohlen gemeldet? Bald soll das System auch mit Gesichtserkennung arbeiten – um Straftäter schneller zu entdecken. Privatssphäre? Gibt es laut Polizistin Davidson im öffentlichen Raum sowieso nicht.

Das Recht auf den Besitz von Schusswaffen in den USA wird unter anderem damit begründet, Bürger hätten ein Recht auf Selbstschutz, wenn der Staat einmal wahnsinnig werde. Inzwischen gibt es nicht mehr wenige, das sei bereits passiert. Seit 9/11, Irakkrieg und Internet jedenfalls scheinen einstmals in Stein gemeißelte Grundrechte und Einschränkungen staatlicher Macht nur noch Makulatur zu sein.

Craig Atkinsons Recherche beginnt in Ferguson, Missouri, wo nach der Erschießung des 18-jährigen Mike Brown tausende Menschen im Sommer 2014 gegen Polizeigewalt auf die Straße gehen (»Black Lives Matter«) und später am Abend Polizeieinheiten den Demonstranten mit schwerem Kriegsgerät begegnen. Mit seinem Team begleitet der Regisseur Sondereinsatzkommandos in Kleinstädten, die wegen ein paar Gramm Gras mit Panzerwagen vorfahren und Häuser stürmen. Ex-Soldaten sind heute Unternehmer die glauben, Methoden, die das irakische Falludscha sicherer machten, funktionieren auch zuhause.

Wir lernen den Polizeitrainer Dave Grossmann kennen. Dessen Bücher gehören zur Pflichtlektüre bei der Ausbildung beim FBI. Er glaubt, die Polizei befinde sich in einem Krieg von Gut gegen Böse. Seinen Zuhörern schärft er ein: »Kontrollierte Gewalt ist eurer Mittel, ihr lebt in einer Welt der Gewalt. Am Ende des Tags könnt ihr stolz auch euch sein, dass ihr das Leben der Menschen besser gemacht habt, selbst wenn die das nicht so sehen.«

»Do not resist« zeigt die USA im Griff von staatlicher Paranoia und der Kehrseite neuer technologischer Möglichkeiten. Ein Land auf dem Weg in den Polizeistaat – der Zuschauer geht nicht unbedingt mit einem guten Gefühl aus dem Kinosaal. Trotzdem ist die Dokumentation unbedingt sehenswert.

»Do not resist«: USA | 2016 | 72 Minuten | Internationales Programm | R: Craig Atkinson | englisch | englische Untertitel | Deutsche Premiere

Passage Kinos Wintergarten: 6.11., 15.30 Uhr


Kommentieren


0 Kommentar(e)