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Dokblog 2016

»Die Türken sind filmverrückt«

Der Länderfokus Türkei zeigt vielfältiges Filmschaffen

  »Die Türken sind filmverrückt« | Der Länderfokus Türkei zeigt vielfältiges Filmschaffen

Der Zug setzt sich in Bewegung in eine ungewisse Zukunft. Eine Familie ist unterwegs mit ihrem gesamten Hab und Gut von Batman im Osten des Landes ins 1000 Kilometer entfernte Umland von Ankara. Dort werden sie den Sommer über auf den Feldern schuften mit hunderten anderen wie ihnen. Kurden, die für einen Hungerlohn Gemüse ernten, das auch in unseren Supermärkten landet.

»He bû tune bû« – Es war einmal. So beginnt eine ganz reale Geschichte in der Türkei der Gegenwart. Das DOK Leipzig rückt das Land am Rande Europas in diesem Jahr in den Fokus. Nie zuvor war der Länderfokus so aktuell und politisch brisant wie in diesem Jahr. Ein Großteil der insgesamt 18 Dokumentar- und Animationsfilme ist kaum älter als ein Jahr. Die kurzen und langen Werke bieten einen umfassenden Einblick in den Zustand der türkischen Gesellschaft und das vielfältige Filmschaffen in der Türkei, das in einem zunehmend repressiven Umfeld entsteht. »Wir haben Filme von Kurden, Filme von Armeniern«, erzählt Grit Lemke, Programmatorin des Festivals. »Es gibt da eine große ethnische Vielfalt bei den Filmen, eine große künstlerische Vielfalt, und man wird das Land ganz anders wahrnehmen, als man es bisher wahrgenommen hat.«

Die Filmemacher erzählen ihre eigenen, ganz realen Geschichten, die die offizielle Geschichtsschreibung der Regierung herausfordern. Die vermehrten Versuche der türkischen Regierung, Festivalaufführungen von Dokumentarfilmen zu zensieren, machen den diesjährigen Länderfokus umso wichtiger. Themen wie Gentrifizierung, der Völkermord an den Armeniern und der Kurdenkonflikt werden ungefiltert dokumentiert. Der kurdische Regisseur Selim Yıldız schildert in seinen Film »I Remember«, seine ganz
persönlichen Erinnerungen an das Massaker der türkischen Armee in Roboski. Nachdem man seinen Film zensieren wollte zog er ihn im April diesen Jahres vom Ankara Film Festival zurück. Nun erhält er in Leipzig seine internationale Premiere.

Der Fokus Türkei beleuchtet aber auch andere Seiten der türkischen Seele, wie Grit Lemke betont: »Es gibt Filme mit unglaublich viel Humor und Selbstironie, was ja jetzt nicht unbedingt etwas ist, was einem bei der Türkei nach den Vorgängen des letzten Jahres gleich einfallen würde. Aber da sieht man, dass das wirklich ein Volk mit einem großen Herzen und mit einer unauslöschbaren Liebe zum Film ist. Das sind Filmverrückte, die Türken. Das sieht man an diesen Filmen, die tatsächlich alle unabhängig entstanden sind.«

Der Dokumentarfilm ist eine wichtige Stimme des türkischen Volkes. Es braucht Festivals wie das DOK Leipzig, damit sie gehört werden kann.

Programme:

»Ein stolzer Kampf«: 5.11., 17.30 Uhr, Cinémathèque Leipzig

»Original Kopie«: 5.11.. 19.30 Uhr, Passage Kinos Astoria

 »Militärnation«: 6.11., 11 Uhr, CineStar 6


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