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Dokblog 2016

Machtlos

Preisträger der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb: »Furusato« von Thorsten Trimpop

  Machtlos | Preisträger der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb: »Furusato« von Thorsten Trimpop

»Wer weiß, was wir alles abbekommen haben, als damals die Wolke aus dem Osten kam...« Manchmal hört man derartige Sätze aus dem Munde der Eltern oder Großeltern. Tschernobyl ist zum Synonym geworden für den unsichtbaren Schrecken, den die Nutzung der Atomkraft in sich trägt. Und fast stand dieser unglückselige Ort allein da auf der Welt. Bis am 11. März 2011 die Erde vor Japans Ostküste bebte. Genau da beginnt Thorsten Trimpops Film »Furusato«. Die Eröffnungssequenz des diesjährigen Goldene Taube-Preisträgers in der Kategorie »Deutscher Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm« ist unglaublich stark, wenngleich nur eine Karte zu sehen ist, die den Verlauf und die Stärke der Beben um die japanischen Inseln herum zeigt. Vibrierende Punkte ploppen da an etlichen Stellen auf, jedes dieser Signale wird begleitet von einem schaurigen Dröhnen. Am 11. März dann plötzlich verdichtet sich alles, die Animation zeigt ein einziges riesiges rot vibrierendes Durcheinander, das Dröhnen schwillt an, die Einstellung scheint nicht enden zu wollen.

Nach der nuklearen Katastrophe von Fukushima wurden die Gebiete um das leckgeschlagene und später teilweise explodierte Atomkraftwerk herum evakuiert. 20 Kilometer misst der Radius dieses bis heute aufrechterhaltenen Evakuierungsgebietes. Trimpop geht wenige Jahre nach dem GAU hinein in die Zone und filmt im Alleingang ebenso, wie die verborgene Gefahr radioaktiver Strahlung den Alltag der Menschen bestimmt, die direkt in den angrenzenden Gebieten leben. Knackende Geigerzähler, Mundschutz, Messgeräte in allen Haushalten. Die Tiere leiden unter rätselhaften Symptomen, feiner schwarzer Staub sammelt sich am Straßenrand und es scheint das Denken zu herrschen: »Wenn ich nur einen Bogen darum mache – groß genug, um es nicht zu sehen, passiert mir nichts.«

Seine Protagonisten – ein junger Mann mit dem Wunsch nach Veränderung, ein Aktivist, der auf taube Ohren stößt und im Laufe des Films zunehmend erkrankt, eine unbeirrbare Pferdezüchterin und ein Manager des Kraftwerkbetreibers Tepco – lassen ihn nah heran an sich und ihre Ansichten. Dabei gelingen viele Szenen, die nachwirken, verblüffen, fassungslos machen.

»Furusato«, so erklärt Trimpop im Filmgespräch, ist ein japanischer Begriff für einen Ort, an dem man geboren wurde und der auch die letzte Ruhestätte sein wird. Er beschreibt ein Ideal, das nicht wenige der abgebildeten Menschen trotz des GAUs für die Regionen rund um Fukushima reklamieren. Der Regisseur drehte allein, ausgestattet mit Kamera und Mikrofon fing er Bilder und Töne ein. Eine Dolmetscherin begleitete ihn und ermöglichte die Kommunikation. Diese Arbeitsweise merkt man dem Film an: auf epische Bilder wird verzichtet und nicht immer wird klar, warum manches davon Eingang in den finalen Schnitt fand. Keinesfalls jedoch nimmt dies »Furusato« die Relevanz, die Dringlichkeit seiner Botschaft: Der Umgang mit einer nuklearen Katastrophe ist ein Verdrängen, ein Von-sich-weisen, ein trauriges Eingeständnis der Machtlosigkeit gegen die unsichtbare und unkontrollierbare Zerstörung von Lebensräumen. Die Arbeiter, die in Schutzanzügen die üppigen Büsche und dunkle Erde von den Hängen der Umgebung abtragen, um sie in schwarze Plastiksäcke zu füllen, welche wiederum streng geordnet direkt neben der Brandung des Meeres platziert werden, sind das vielleicht deutlichste Bild, das man dafür finden kann.

»Furusato«: D/USA 2016 | 92 min | Deutscher Wettbewerb | R: Thorsten Trimpop | Weltpremiere


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