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Stadtleben

Von Wahlfamilien und Weiterbewilligungsanträgen

Careleaver berichten von ihren Erfahrungen aus der Jugendhilfe

  Von Wahlfamilien und Weiterbewilligungsanträgen | Careleaver berichten von ihren Erfahrungen aus der Jugendhilfe  Foto: Jani Klos, Valeria Anselm, Lea, Tanja Abou (v.l.n.r)/Jonas Fritzsche

Donnerstagabend, halb acht im Café Ocka in Leipzig. Schon vor Beginn ist es voll, alle Stühle sind belegt. Vor allem junge Menschen sind gekommen zur Gesprächsrunde und Lesung, organisiert vom Leipziger Careleaver-Kollektiv. Durch diesen Abend führte Jani Klos, pädagogische Projektassistenz vom Care-Kollektiv.

»Careleaver sind Menschen, die Erfahrungen mit Jugendhilfe gemacht haben – etwa in Wohngruppen, Pflegefamilien oder durch Inobhutnahme«, erklärt Katja Meier, hauptamtliche Projektleiterin des Leipziger Careleaver-Kollektivs. Im Jahr 2024 lebten in Deutschland rund 210.000 Kinder und Jugendliche in stationären Hilfen oder anderen Formen der Jugendhilfe. Schätzungen zufolge verlassen jährlich etwa 30.000 junge Menschen zwischen 16 und 21 Jahren das Hilfesystem. Seit 2021 ist das Thema Leaving Care auch in die integrierte Kinder- und Jugendhilfeplanung der Stadt Leipzig aufgenommen. Hilfs- und Informationsangebote in diesem Bereich sind wichtig, weil junge Menschen mit Pflegehintergrund sonst oft ohne soziales Netz dastehen, sobald sie volljährig werden.

An diesem Abend sitzen nur Menschen auf der Bühne, die selbst Careleaver sind. Valerie Anselm und Lea lesen persönliche Texte über ihre Erfahrungen in Wohngruppen, über Wahlfamilien, den Begriff »Zuhause« und die diversen Schwierigkeiten im Aufwachsen. Ständig wechselndes Personal in der Betreuung und das professionelle Distanzverhältnis von Sozialarbeitenden zu den Jugendlichen machte es für beide schwer möglich, etwas Vergleichbares wie familiäre Nähe oder Wärme zu empfinden. Anselm berichtet auch davon, wie sie sich im Alter von 14 Jahren selbstständig mithilfe von Paragrafen rechtfertigen musste, um in einer Wohngruppe bleiben zu können. Ergänzt und bestätigt werden die persönlichen Geschichten durch Forschungsergebnisse von Tanja Abou von der Universität Hildesheim. Für die erste große Langzeitstudie zum Thema Leaving Care begleiten sie und ihr Forschungsteam seit 2020 rund 1.300 junge Menschen über neun Jahre beim Übergang in ein selbstständiges Leben. Besonders an diesem Abend ist, dass alle Careleaver auf der Bühne studieren oder bereits ein Studium abgeschlossen haben. Wie Lea in einem ihre Texte erklärt, trifft das nur auf etwa ein bis drei Prozent der Careleaver zu. Dabei strebt auch nur ungefähr die Hälfte der Jugendlichen überhaupt ein Abitur an, sagt Tanja Abou. Ein Grund für die niedrige Quote sei, dass vielen Careleaver seitens der regelnden Institutionen wie Jobcenter und Jugendamt kein Studium zugetraut wird. Ein weiterer Grund liegt laut Abou aber auch in den Anforderungen, die bereits während der Zeit in der Jugendhilfe auf die Jugendlichen zukommen. Während Gleichaltrige sich auf Schule und Abitur konzentrieren, müssen Careleaver häufig schon früh existenzielle Fragen klären: Wo werde ich wohnen? Was passiert nach dem Ende der Maßnahme? Wird der nächste Weiterbewilligungsantrag angenommen? Eine Konzentration auf die eigene berufliche Zukunft sei in dieser Zeit nur schwer möglich. Dieser Druck zur Selbstständigkeit wurde von Jugendlichen in Jugendhilfemaßnahmen bereits in einer qualitativen Studie des Landesjugendamts Sachsen aus dem Jahr 2024 hervorgehoben, neben unzureichender Nachbetreuung, fehlender Beteiligung und mangelnder Unterstützung bei Bildung und persönlicher Entwicklung.

Tanja Abou ist frustriert darüber, dass auch die Careleaver in ihrer Studie vor denselben Problemen stehen, wie sie damals in den 90er Jahren. Tröstend sei dennoch, dass es Plattformen gibt, an denen Erfahrungen ausgetauscht und geteilt werden können und so fällt innerhalb des Abends auch häufiger der Satz: »Ich war so froh, dass bei dir so zu lesen.«


> Das Leipziger Care-Kollektiv hat Erfahrungen von Careleavern gesammelt und hörbar gemacht. Zum digitalen Hörarchiv geht es über diesen Link.

> Anselm, Valeria (2026): Wo ist mein Zuhause? Von größtem Schmerz und kleinsten Wundern. Frankfurt am Main: Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH), 2026. 187 Seiten. 16,90€

> Die Langzeitstudie der Uni Hildesheim zu Careleavern gibt es hier.


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