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Stadtleben

Krisen abwenden, bevor sie eintreten

Das mobile Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes kümmert sich um Menschen, die durchs Versorgungsnetz fallen

  Krisen abwenden, bevor sie eintreten | Das mobile Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes kümmert sich um Menschen, die durchs Versorgungsnetz fallen  Foto: Francesca Russo und Martha Willnow vom mobilen Beratungsteam/Marcel Noack

»Es war der einzige Ort, an dem ich Hilfe bekommen habe.« Das sagt Atiq Abdullah über die psychiatrische Sprechstunde, ein Angebot des Sozialpsychiatrischen Dienstes (Spdi). Der 27-Jährige ist vor zwei Jahren aus Pakistan geflohen. Auf seinem Weg kam er in Bulgarien ins Gefängnis, wo ihm die Hand gebrochen wurde, die nicht richtig verheilt ist. Hier angekommen geht es dem Mann schlecht, er hat Schlafprobleme und Depressionen, ist suizidal. Besonders für Menschen mit unklarem Aufenthaltsstatus wie Abdullah ist es schwer, an therapeutische oder psychiatrische Hilfe zu kommen. Ihnen steht nur eine akute Notfallversorgung zu. Seit 2022 gibt es ­deshalb ein Modellprojekt in Leipzig, das diese Versorgungslücke schließen soll.

Ein mobiles Team sorgt dafür, dass geflüchtete Menschen in akuten psychischen Krisen schnell und unkompliziert Hilfe bekommen. Außerdem gibt es psychologische Sprechstunden auf Englisch, Spanisch, Französisch, Arabisch und Farsi. Francesca Russo ist Oberärztin für Psychiatrie und Leiterin des mobilen Kontakt- und Beratungsteams und bespricht mit Atiq Abdullah heute auf Englisch seine Medikation. Dabei fragt sie auch nach dem Status seines Asylantrags und wie es ihm derzeit geht. »Diese Infos sind für mich wichtig, um ein ehrliches Gespräch mit dem Klienten zu führen«, erzählt Russo hinterher. »Früher habe ich oft gesagt, ›das wird schon‹, aber es wird eben nicht bei allen. Manche werden abgeschoben.«

Diese Herausforderungen kennt Anika Lamb. Sie ist seit Projektbeginn als Flüchtlingskoordinatorin im Team angestellt. »Wir bekommen zum Beispiel Anrufe aus Gemeinschaftsunterkünften, wenn das Personal merkt, dass sich ein Bewohner extrem verändert, etwa abmagert oder sich auffällig verhält«, erklärt sie. »Wir können dann intervenieren, bevor es der Person schlechter geht und es zur Fremd- und Selbstgefährdung kommt.« Zusätzlich werden Sprechstunden in Gemeinschaftsunterkünften angeboten. Dadurch könne die Situation oft schnell stabilisiert werden, Geflüchtete wieder einen Sprachkurs besuchen oder sogar arbeiten gehen. Lamb beschreibt ihre Aufgaben als sehr vielfältig: »Es geht vor allem darum zu schauen, wo die Person gerade steht, die Hilfe braucht. Welche Leistungen übernommen werden, welche weiteren Hilfsangebote in Frage kommen.« Ziel ist die langfristige Anbindung ins Regelsystem. Das Modellprojekt kommt gut an. Rückmeldungen aus den Gemeinschaftsunterkünften lassen darauf schließen, dass es seltener zu akuten psychischen Krisen kommt, zu weniger Krankenwagen- und Polizeieinsätzen. Das Modellprojekt läuft zum Ende des Jahres aus. Aufgrund der positiven Evaluation möchte das Gesundheitsamt das Projekt weiterführen. Das Team hofft auf eine Integration des Projekts in die bestehenden Aufgaben des Spdi.


Psychiatrische Versorgung von marginalisierten Gruppen

Denn das mobile Team kümmert sich nicht nur um Geflüchtete. Ein Freitagvormittag: Francesca Russo und ihre Kollegin Martha Willnow stehen am Schwanenteich vor der Oper. An diesem Schwerpunktort ihrer Arbeit besuchen sie regelmäßig wohnungslose Menschen. »Bevor es das mobile Team gab, sind diese Menschen oft durchs Raster gefallen«, erklärt Russo. Bei einigen ist die Versicherungssituation unklar, wohnungslose Personen kommen schwer an einen Arzttermin. Psychische Erkrankungen erschweren zusätzlich, sich aktiv Hilfe zu holen. »Viele haben schlechte Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht, haben Zwang erlebt und wollen das auf jeden Fall vermeiden«, erzählt Russo. »Wir versuchen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie erleben so viele Widerstände und Stigmata. Wir stellen ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Sie entscheiden selbst, ob sie behandelt werden wollen«, ergänzt Willnow. Die Sozialarbeiterin hat davor als Streetworkerin gearbeitet. Diese unterscheidet sich zu ihrer jetzigen Arbeit durch das multiprofessionelle Team. Dadurch bekämen die Personen viel schneller die medizinische Unterstützung, die sie wirklich benötigen und müssen nicht erst neue Ansprechpartner suchen oder Wochen auf Termine warten. Die Ärztinnen und Ärzte im Team können im Akutfall direkt Medikamente aushändigen. Ein weiterer Vorteil ist das systemübergreifende Arbeiten mit der Psychiatrischen Institutsambulanz, denn so können Patientinnen und Patienten teilweise von den gleichen Personen weiterbehandelt werden, die sie schon kennen.

Die Arbeit selbst ist kleinschrittig. Erste Kontakte entstehen in Sprechstunden in Übernachtungshäusern oder nach Meldungen durch Polizei oder Ordnungsamt. Manchmal wird das Team ins Krankenhaus gerufen, wenn klar ist, dass die Person nach der Behandlung in die Obdachlosigkeit entlassen wird. Dann muss das Spdi-Team herausfinden, was die Person braucht. »Es kann eine Diskrepanz geben zwischen dem, was die Person möchte, und dem, was die Umgebung möchte«, sagt Russo. »Ein Gespräch ist das erste, was wir anbieten können«, ergänzt Willnow. »Wenn wir eine Vertrauensbasis haben, können wir von da aus weiterschauen, was der Person hilft.« Das kann mal ein Brötchen sein oder eben Unter­stützung bei psychiatrischen Problemen. Durch Medikamente oder die Weitervermittlung an andere Unterstützungsangebote.

»Unsere Arbeit ist nichts für schnelle Erfolge«, sagt Russo trocken. An Arbeit mangelt es nicht, die Zahl der Wohnungslosen steigt. »Nicht jede obdachlose Person ist automatisch psychisch krank. Aber beim Leben auf der Straße ist der Umgang mit Verlust oft ein großes Thema, von persönlichen Gegenständen, aber auch von nahestehenden Personen«, so Russo. »Gerade betreue ich eine Person, deren Partner bei der letzten Hitzewelle auf der Grünfläche vor dem Bahnhof verstorben ist.«

Neben der akuten Versorgung hat das mobile Team auch eine stabilisierende und präventive Funktion. Durch den niedrigschwelligen Ansatz erreicht es Menschen, die sonst durch das System fallen würden, wodurch psychiatrische Krisen frühzeitig erkannt werden. Das kommt allen zugute: Nicht nur den einzelnen Personen, sondern der ganzen Stadtgesellschaft.


Der Sozialpsychiatrische Dienst (Spdi) in Leipzig ist in den Verbund gemeindenaher Psychiatrie und nicht in das Gesundheitsamt eingegliedert – eine bundesweite Besonderheit. Der Verbund gehört zum St.-Georg-Klinikum und umfasst zusätzlich vier Tageskliniken und fünf Psychiatrische Institutsambulanzen. Das ermöglicht fließende Übergänge in der Betreuung zwischen Spdi und psychiatrischer Behandlung. Im Mobilen Kontakt- und Beratungsteam arbeitet Fachpersonal aus Medizin, sozialer Arbeit, Psychologie und Genesungsbegleitung zusammen. Es bietet Sprechstunden in Schwerpunktgebieten an, betreut wohnungslose Menschen stellt im Rahmen des Modellprojekts die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten sicher. Das Angebot des Spdi kann anonym und ohne Krankenversicherung in Anspruch genommen werden.


> Mehr Informationen zu den Leistungen des Sozialpsychiatrischen Dienstes gibt es
hier.


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