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Kultur

»Ich bin wie ein neugeborenes Baby mit nackten Augen«

Dora Kaprálová im Gespräch

  »Ich bin wie ein neugeborenes Baby mit nackten Augen« | Dora Kaprálová im Gespräch  Foto: David Konecny

Die tschechische Schriftstellerin Dora Kaprálová wurde für ihren im September erschienenen Roman »Die Mariborhypnose« mit dem Europäischen Literaturpreis 2026 und dem Literaturpreis Magnesia Litera ausgezeichnet. Wir haben mit ihr über Selbsthypnose beim Schreiben gesprochen, außerdem über naive Charaktere, Heimat und Hoffnung in der Dunkelheit – und Aquariumfutter als Romansujet.


Sie sind umgeben von Literatur und Kunst aufgewachsen: Ihr Vater war der Dichter Zeno Kaprál, Sie spielten bereits früh Theater, später studierten Sie Dramaturgie und Drehbuch. Heute arbeiten Sie als Journalistin und Schriftstellerin. Warum schreiben Sie?

Das Schreiben bringt mir absolute innere Freiheit, ich vergesse alles. Ich bin wie ein neugeborenes Baby mit nackten Augen. Als ich acht Jahre alt war, habe ich angefangen, einen Roman über Aquariumfutter zu schreiben. Aber ich bin nie damit fertig geworden, vielleicht auch, weil ich damals noch kein Publikum hatte. Wie mein Vater habe ich als Kind kleine Gedichte geschrieben, aber ich wollte das niemandem zeigen. Auch, weil ich damals immer mit der Realität verbunden sein wollte. Ich dachte, dass man ohne die Wirklichkeit leicht verloren sei. Deswegen habe ich auch erst mal im Bereich Film und Dokumentation gearbeitet. Alles, was ich über das Schreiben weiß, habe ich dann während meiner Zeit beim tschechischen Rundfunk gelernt.


Welche Geschichten möchten Sie denn heute erzählen?

Das einzige überzeugende und sinnvolle Thema meines Schreibens war für mich schon immer das Leben an sich. Mit all dem Schrecken und der Schönheit, die uns umgeben. Eine fast dokumentarische Aufzeichnung des Wunders, das wir erleben, vermischt mit Poesie, der Königin der Wüste und der Königin der Küste, alles andere ist nur Staub. Die Welt ist ein unsicherer Ort, besonders in der heutigen dunklen Zeit des Pseudofeudalismus, der Oligarchen, des Klimawandels, des wachsenden Nationalismus und der gnadenlosen Kriege. Vielleicht versuche ich deshalb – insbesondere in meinem neuesten Roman »Die Mariborhypnose« –, auch in der Dunkelheit einen Funken Hoffnung zu finden. Das Schreiben empfinde ich als Trost, als Leuchtturm auf stürmischer See, als Insel der Intimität, die uns zurück zu uns selbst und zu dem Wesentlichen führt, zum Beispiel zur Liebe.


Sie sind vor einigen Jahren von Tschechien in Deutschlands Hauptstadt gezogen. Was macht das mit einem, nicht mehr in seinem Heimatland zu leben?

Es macht mich immer nervös, wenn ich höre, dass ich nicht in meiner Heimat lebe. Doch ich lebe zu Hause, in meiner Muttersprache. Ich habe kein anderes Zuhause, keine intimere Adresse. Ich betrachte mich jedoch eher als europäische, transnationale Autorin denn als tschechische. Der Begriff der »nationalen Literatur« ist mir fremd. Er riecht nach falscher Sentimentalität, Nostalgie und versteckter Grausamkeit. Ich schreibe einfach zufällig in der Sprache, die ich als Kind mit der Muttermilch aufgesogen habe.


Hat sich Ihr Blick auf Ihr Heimatland durch das Leben in Berlin verändert?

Vielleicht haben sich einige Details und Umstände geändert, da ich häufiger über das schreibe, was ich in Deutschland erlebe – aber nicht nur dort. Ich empfinde diese Art von doppelter Heimat sogar als einen befreienden Schritt.


Könnten Sie sich derzeit vorstellen, eines Tages nach Tschechien zurückzukehren?

Ich bin froh, dass ich zur tschechischen Literaturszene eine gewisse Distanz habe. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich dank meiner Bücher, meiner Zusammenarbeit mit tschechischen Theatern oder dem Radio ständig in Tschechien bin. Zudem haben wir in Mitteleuropa nach wie vor die Möglichkeit der Rückkehr, auch wenn diese heute zunehmend eingeschränkt ist. Der Gedanke, dass diese Freiheit eines Tages vorbei sein könnte, macht mir Angst.

Vor einer Woche fuhr ich mit dem Flixbus nach Bamberg, und an der Grenze bei Marienbad wurden wir von sieben Polizisten kontrolliert. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an die Angst vor der Grenzpolizei. Alle waren korrekt, nur ein Polizist sah aus wie ein Massenmörder. Wäre ich eine Romanfigur, hätte ich wohl gefragt: »Herr, sind Sie ein Massenmörder?« In letzter Zeit liebe ich genau solche naiven, gutmütigen Figuren ohne Selbstschutzinstinkt. Aber zum Glück bin ich keine solche Figur, sonst wäre ich wohl nie über die Grenze gekommen. Stattdessen habe ich mir sein Tattoo genau angesehen, es war die Zahl 224. Mir schossen tausend Möglichkeiten durch den Kopf, was das zu bedeuten hat, dass er vielleicht ein böser Nazi ist. Und dann habe ich gegoogelt, dass die Zahl »today tomorrow forever« bedeutet. Also, vielleicht war er einfach ein romantischer Typ, der gerne ins Feuer schaut, singt und weint. Aber: Was macht so ein Träumer in Polizeiuniform an der Grenze? Die Welt ist voller Rätsel.


Für Ihren neuen Roman »Die Mariborhypnose« haben Sie mehrere Preise gewonnen – herzlichen Glückwunsch! Warum haben Sie die slowenische Stadt Maribor als Schauplatz gewählt?

Der ursprüngliche Auftrag meines tschechischen Verlegers lautete: Fahr nach Maribor und schreib einen literarischen Reiseführer. Ich wollte jedoch viel lieber einen fragmentarischen Roman schreiben: einen Roman über den hypnotischen und physiognomischen Zustand des Schreibens, in dem alles ins Schwingen gerät, alles zusammenpasst, auch wenn man am Anfang das Gefühl hat, kaleidoskopische Geschichten zu lesen. Der Verleger stimmte all dem großzügig zu. Ich hatte nur zwei Wochen in Maribor. Da ich diese Stadt aus der Perspektive eines Wesens erfassen wollte, das dort sein ganzes Leben von der Geburt bis zum Tod verbringt, kam mir die Stubenfliege in den Sinn. Das Summen im Buch wird durch das Schreiben selbst verursacht. Ich habe das Buch nach meiner Rückkehr in Berlin geschrieben; in den Pausen zwischen dem Schreiben habe ich Gotan Project gehört, dabei Hula-Hoop getanzt und jongliert. All das war wahrscheinlich eine Form der Selbsthypnose, in die ich mich beim Schreiben gestürzt habe.


Auch in Ihrem Roman spielt Hypnose eine zentrale Rolle. Es wird beschrieben, wie wir Menschen auf der Suche nach der absoluten Wahrheit der Massenhypnose verfallen, während die Stubenfliege einfach ihrer Bestimmung vertraut. Was ist das Besondere an der Perspektive dieses Insekts?

Ich glaube, dass die Fliege schon allein deshalb ein göttliches Geschöpf ist, weil wir sie so sehr verachten. Mich hat schon immer die Sichtweise der Menschen am Rande der Gesellschaft interessiert, derer, die übersehen und unsichtbar sind. Denn wenn sie niemand sieht, sehen sie umso mehr.


Ein weiteres Thema ist die Illusion, die den Menschen eine Pause von der Realität bietet, gleichzeitig aber auch schädlich sein kann. Warum beschäftigt Sie diese Flucht aus der Realität?

Es gibt einen Unterschied zwischen einer unschuldigen Illusion und einer heimtückischen Lüge. Literatur ist ihrem Wesen nach mythologisch, verspielt und auf subversive Weise verrückt. Sie versetzt uns in eine andere, höhere Realität und befreit uns von Trauer und Hoffnungslosigkeit. Zumindest nehme ich die Literatur selbst so wahr. Albert Camus hat einmal jenen berühmten Satz gesagt, dass Literatur die einzige Lüge sei, die die Wahrheit verbirgt. Dem stimme ich gerne zu.

Ganz anders verhält es sich mit Fake News. Es gab sie schon immer, und sie waren schon immer gefährlich. Das menschliche Verlangen in seinem naiven Streben nach tröstlicher Vollkommenheit ist unschuldig. Aber Neid und die daraus resultierende Lüge sind gefährlich. Und auch darüber wollte ich in »Die Mariborhypnose« erzählen.

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> Dora Kaprálová: Die Mariborhypnose. Berlin: Mikrotext 2026. 160 S., 24 €


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