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Kultur

Vom Lyrikhotel in die Trauerhalle

Die kreuzer-Lieblingsmomente beim Literarischen Herbst 2026

  Vom Lyrikhotel in die Trauerhalle | Die kreuzer-Lieblingsmomente beim Literarischen Herbst 2026  Foto: Dana Vowinckel, Ruth-Maria Thomas, Verena Keßler (v.l.)/Hannah Jäger

Einzigartige Konstellationen aus Menschen, Texten und besonderen Orten. Die haben Jörn Dege, Nils Kahlefendt und Anja Kösler auch dieses Jahr mit dem Literarischen Herbst wieder geschaffen. Bücherhungrige kreuzer-Redakteure und Redakteurinnen sind dem Ruf des Literaturfestivals gefolgt.

Axel Scheffler, »Die Grüffelo-Oma«

»Er würde ganz anders aussehen, wenn du ihn gezeichnet hättest«, sagt Axel Scheffler zu seinem Kollegen Thomas M. Müller in der ausverkauften Schaubühne Lindenfels. »Vor allem würde ihn dann niemand kennen!«, retourniert der Leipziger Illustrator, der diese Veranstaltung mit dem Grüffelo-Zeichner moderiert. In fünfzig Minuten liest Scheffler alle drei Bücher von vorne bis hinten, zeichnet zwischendurch nicht nur die Grüffelo-Oma und lässt in sein Skizzenbuch blicken. Erwachsene wie Kinder im Publikum sind beglückt über diese seltene Audienz zum Auftakt des Literarischen Herbstes. BENJAMIN HEINE


Beste erste Bücher

»Ich fange am Anfang an. Am richtigen Anfang, denn es gibt auch einen falschen Anfang.« So eröffnet Corinna Krenzer ihre Lesung bei der vielleicht beliebtesten Veranstaltung des Literarischen Herbstes. Der Weg zum Romandebüt mag schwierig sein, manchmal – wie im Fall von Leh-Wei Liao und Valeria Gordeev – führt er aber auch direkt auf die Nominierungslisten des Deutschen Buchpreises. Doch auf dem Weg zum Romanerstling zeichnet sich eine »Kaderschmiede« ab, wie Josef Braun, der gemeinsam mit Linn Penelope Rieger durch den Abend führt, feststellt. Magazine wie »Edit« und Wettbewerbe wie der »Open Mike« könnten den Weg in den oft verschlossenen Literaturbetrieb öffnen – die anwesenden Autorinnen und Autoren seien der beste Beweis. Brauns Plädoyer, laut zu werden, wenn man von Literaturkürzungen erfahre, wirkte über den Abend nach. Wie viel langweiliger wäre die Welt ohne Debüts, die von Abschiedsbrief-schreibenden Pferden und in Badewannen schwimmenden Haarteppichen erzählen? LEONIE BROMMER


Prune Antoine: »Eine Frau in Deutschland. Der Fall der Christiane K.«

Keine leichte Kost am Dienstagabend im Institut français: Die französische Autorin und Journalistin Prune Antoine stellt ihr Buch »Eine Frau in Deutschland. Der Fall der Christiane K.« vor – eine junge Mutter tötet 2020 in Solingen fünf ihrer sechs Kinder und wirft sich vor den Zug; sie überlebt, ebenso das sechste Kind. Überforderung, Gewalt in Partnerschaft und Kindheit sind die bedrückenden Themen. Doch der Abend ist ebenso von Antoines Kampfgeist, ihrer Suche nach Erkenntnis und Humor geprägt. Als Antoine, selbst Mutter einer Tochter und in Berlin lebend, nach den Unterschieden im Rollenverständnis von Müttern in Frankreich und Deutschland gefragt wird, rollt sie mit den Augen und sagt nachdrücklich: »Darüber könnte ich den ganzen Abend reden!« In Kurzform: Rabenmütter gibt es in Frankreich nicht – dafür reguläre Kinderbetreuung ab drei Monaten. ANDREA KATHRIN KRAUS


»Große Lieben, feine Unterschiede«. Ruth-Maria Thomas (»Die zweitgrößte Liebe«) und Dana Vowinckel (»Anton und Alma«)

Selten war Streit so unterhaltsam, wie bei der von Verena Keßler moderierten Literaturveranstaltung im Werk 2! So verrät Dana Vowinckel, dass ihr Streitszenen beim Schreiben am leichtesten fallen. Sie liebe Figuren, die genauso erbarmungslos stritten wie sie selbst. Autorinnenkollegin Thomas wirft ein, dass sie dann wohl besonders gut verschiedene Perspektiven einnehmen könne. Vowinckel lacht: »Aber nur in Romanen.« Kurz darauf dreht sich alles um Beziehungsfragen: Welche Unterschiede kann eine Beziehung aushalten – und welche nicht? Dabei plaudern beide Autorinnen selbstkritisch aus dem Nähkästchen. So erzählt Vowinckel, dass ihr häufig vorgeworfen werde, patriarchale Dynamiken einzubauen. Sie habe jedoch einen »realistischen Roman« über Anfang-Zwanzigjährige schreiben wollen, in deren Beziehungen Frauen oft mehr investierten als Männer. Auch Thomas haderte beim Schreiben damit, dass es in ihrem Roman um die »mittellose Frau und den reichen Typen« geht. Da ihre Protagonistin allerdings eine Nebenfigur aus ihrem Debütroman ist, konnte sie einige Eckdaten nicht mehr verändern. Und über Klassenunterschiede in Beziehungen wollte sie unbedingt schreiben. Zum Schluss wirft Vowinckel den Lesenden vor, immer zu erwarten, dass Liebespaare in Romanen zusammengehören. Eigentlich hätten Trennungen einen viel zu schlechten Ruf. Ihr Appell ans Publikum: »Und jetzt geht ihr alle nach Hause und fangt ‘ne Beziehungskrise an.« Auch wenn es viel um Streit geht, ist es auf der Bühne zwischen den Autorinnen mehr als harmonisch. So hat man das Gefühl bei einem Buchclub dreier guter Freundinnen zuschauen zu dürfen, die sich gegenseitig empowern. HANNAH JÄGER


Chronik der laufenden Ereignisse. Ein Abend mit Jochen Schmidt und Gerhard Henschel

Wenn Künstlerinnen und Künstler Dinge sagen, die man selbst seit Jahren für seine eigenen, wahnsinnig individuellen Gedanken hält, ist man natürlich hin und weg – von sich (ja eh) und der Künstlerin oder dem Künstler gleich mit. So geschehen am Mittwochabend, als Jochen Schmidt in die halbvolle Nato fragte: »Warum klingeln nicht ständig Leute bei ihren alten Wohnungen?« Schmidt sitzt mit Gerhard Henschel auf der Bühne, in einer für den Literarischen Herbst so typischen Doppelkonstellation, die man nirgendwo anders bekommt und also ausdrücklich loben muss. Auch wenn in diesem Falle beide Autoren aneinander abprallen. Was man vorher eben nicht wissen kann – und hier dennoch sehr unterhaltsam ist. BENJAMIN HEINE


Heike Geißler erhält den Sächsischen Literaturpreis 2026

Wir alle sollten viel öfter Verstecke in der Galeria spielen. So ungefähr lautet die Botschaft von Heike Geißlers Rede zur Verleihung des Sächsischen Literaturpreises. Den erhält die Leipziger Autorin für ihr bisheriges Schaffen. Am Literarischen Herbst-Donnerstag in der Leipziger Stadtbibliothek läuft das nach Protokoll vor sich hin, Barbara Klepsch hier, Skadi Jennicke da. Bis Geißler dann die Bühne betritt – und nutzt, um etwas zu sagen, das nicht nur »Danke« ist. Im besten Sinne würdig und engagiert ist das. Der Anteil von Weggefährten, Freunden und Freundinnen im Saal ist hoch, entsprechend warm und frenetisch wird am Ende gejubelt – und noch lange gequatscht. Die Galeria öffnet ja erst wieder um zehn Uhr morgens. BENJAMIN HEINE


Lyrikhotel Eins: Sascha Kokot und Christoph Wenzel

Es herrscht eine heimelige Atmosphäre in der Möbelkooperative Süd. Auf diversen Stühlen und Sofas versammelt, wird an diesem Abend den Lyrikern Sascha Kokot und Christoph Wenzel gelauscht. Die wohnliche Vertrautheit geht auch von den beiden Autoren aus, denen man anmerkt, wie gern sie miteinander sprechen und dass dieses Treffen keinesfalls rein beruflich ist. Kokot macht den Aufschlag mit Gedichten aus seinem zuletzt erschienen Band »Geisternetze«, Wenzel schließt mit Texten aus »landläufiges lexikon« an. Dazwischen kommen sie ins Gespräch: Über Stürme der Entrüstung bei Abiturienten in NRW zum Beispiel, die sich mit einem von Kokots Gedichten konfrontiert sahen. Aber vor allem über rurale (also ländliche) Räume. »Rural« kann wohl als Wort des Abends gelten, wiederholt bedenken beide Autoren die Gemeinsamkeiten ihrer Biografien sowie ihrer Gedichte mit diesem Begriff. Nach der Lesung bildet sich sofort ein angeregter Gesprächskreis, die gemütliche Atmosphäre ist ansteckend. JOACHIM KERN


Hier kommt keiner lebend raus. Poetische Revue über das Sterben mit Mely Kiyak und Jan Kuhlbrodt

Das Ungewöhnliche an diesem Literaturabend: der Ort. Wir schlendern im Dunkeln über den Südfriedhof Richtung Trauerhalle. Von dort erklingt Orgelmusik. Ankunft der Königin von Saba. Auf Wunsch ihres lieben Mitlesenden Jan Kuhlbrodt, verkündet die Königin dieses Abends, Mely Kiyak. Ich bin zwar in erster Linie seinetwegen gekommen, freute mich aber über die Kombination aus den beiden. Wie wir zu Beginn erfahren, wollten die Organisierenden unbedingt Mely Kiyak dabeihaben und sie habe sich, wie sie selbst sagt, als »Opfergabe« eine Veranstaltung mit Jan Kuhlbrodt gewünscht; Wolfram Lotz, der im Publikum sitzt und mit dem sie am Tag darauf lesen wird, kenne sie nicht. Nach diesem etwas ungeschickten Auftakt lauscht das Publikum beinah andächtig (trotz teils schwieriger Akustik) den Gesprächen, Texten und Gedichten zum Tod und Sterben. Ernst, Ironie und eine große Liebe zum Leben zeichnen diesen Abend aus, denn »alles Traurige ist irgendwann auch witzig.« MARTINA LISA


Martina Hefter »Nach der Sonne schauen«. Buchpremiere mit Livemusik von Hallo Volte

Vielleicht liegt es an dem Ort, an dem sonst Theater gespielt wird, dass man sich trotz ausverkauftem Saal wie in einem gemütlichen Wohnzimmer fühlt. Vielleicht sind es auch die zwei tiefen Sessel und der IKEA-Tisch auf der Bühne. Ein Samstagabend in der Residenz: Martina Hefter, die unbestreitbare Star-Autorin der Herzen aus Leipzig, feiert ihre Buchpremiere. »Mit Vorband!«, verkündet Thorsten Ahrend, der durch diesen Abend führt, gleich zu Beginn. Und die befreundeten Musiker von Hallo Volte mit Jörn Dege an Gitarre und Gesang untermalen die gemütliche, lockere Stimmung. Ein Gespräch unter Freunden könnte man es nennen: Allein unter (ihr zugewandten) Männern sitzt Martina Hefter auf der Bühne und unterhält sich in beiläufiger Leichtigkeit mit dem Moderator, während die Zeit voranschreitet und keiner eine Uhr dabeihat. Manchmal geht ein Gesprächsfaden verloren, dann wird er wieder gefangen, man springt – ähnlich wie in Hefters Roman – im besten Sinne nach hinten und nach vorn. »Bestürzend schön« möchte man mit der Romanfigur rufen, aber lesen Sie selbst. Denn Sie haben das Glück, wie Jörn Dege betont, dass Sie es noch vor sich haben. Solange die erste Auflage reicht. Danach wissen Sie auch, was es mit dem Titel auf sich hat. MARTINA LISA


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