Stadtleben

»Wir zeigen, was Demokratie und kulturelle Vielfalt bedeuten«

Das Wir-Festival in Halle bietet ein Alternativprogramm zur rechten Buchmesse

  »Wir zeigen, was Demokratie und kulturelle Vielfalt bedeuten« | Das Wir-Festival in Halle bietet ein Alternativprogramm zur rechten Buchmesse  Foto: Wir-Festival in Halle/Marco Warmuth

Jürgen Schreiber, Mitglied im Koordinierungskreis des Netzwerks Wir-Festival, kommt mit dem Fahrrad zum August-Bebel-Platz in Halle gefahren. Hier zwischen den vielen Cafés und Bars soll am Samstag das zweite »Wir-Festival« stattfinden. Im Interview spricht Schreiber über den Umgang mit der rechten Buchmesse und den Einfluss der Landtagswahl auf das Festival.

Vor ziemlich genau einem Jahr fand das erste Wir-Festival statt. Parallel dazu gab es die erste rechte Buchmesse in Halle. Als Gegenveranstaltung haben Sie das Festival damals nicht verstanden.

Es ist als Reaktion auf die Buchmesse entstanden. Uns hat es damals ziemlich geschockt, dass es diesen Versuch gibt, rechtsextremistische Positionen zu normalisieren, in die Mitte der Gesellschaft zu tragen und eine Publikumsmesse zu etablieren. Wir wollten dem etwas Konstruktives entgegensetzen und zeigen, was Demokratie und kulturelle Vielfalt bedeuten und was das für uns für einen Wert hat. Das ist nach wie vor unsere Position. Wir haben die Buchmesse in der Vergangenheit weitgehend beschwiegen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Jetzt versuchen wir, eine Balance hinzubekommen. Der Fokus soll darauf liegen, was wir als Initiative aus der demokratischen Zivilgesellschaft machen können, um Menschen zu erreichen.


Gab es noch einen anderen Grund, warum das Festival erneut organisiert wurde?

Die Landtagswahl stand natürlich im Fokus. Die Ergebnisse der Wahlumfragen standen schon lange im Raum. Auch die Buchmesse hat sehr früh gesagt, dass sie wiederkommen wird. Dann kam die Wahl und der Schock war nochmal groß, obwohl wir schon mit vielen schlechten Nachrichten gerechnet hatten. Aber der Plan, dass wir das Wir-Festival als permanente Struktur aufbauen wollen, den gibt es schon länger. Wir sind gerade dabei, uns als Verein aufzustellen.


Welchen Einfluss nehmen die Wahlergebnisse der Landtagswahl auf das Festival?

Das Festivalprogramm im letzten Jahr war sehr progressiv. Progressiv ist es auch immer noch, wenn auch weniger dezidiert politisch, aber dafür kulturell breiter gefächert, weil wir auf die demokratische Mitte abzielen. Wir versuchen mittlerweile, einen Spagat hinzubekommen. Einerseits nach wie vor auf die Mitte abzuzielen und gleichzeitig klarzumachen, dass wir an der Seite von ausgegrenzten Gruppen stehen. Wenn es hier im Land eine Regierung geben sollte, die zentralen demokratischen Werten wie Menschenwürde und Selbstbestimmung den Kampf ansagt, ist das ein ganz wichtiges Zeichen. Das ist auch die Idee bei den Wir-Sprechblasen im öffentlichen Raum. Diesen zu bespielen und zu zeigen, dass das hier nicht nur braunes und menschenfeindliches Land ist.


Erreicht das Wir-Festival nicht vor allem die Menschen, die sich ohnehin für eine offene Gesellschaft engagieren?

Ja, ich glaube in allererster Linie ist das sicherlich die Gruppe, die wir am ehesten ansprechen und aus der wir unsere Aktiven rekrutieren. Trotzdem bekommen wir das Feedback, dass wir Menschen erreichen, die nicht antidemokratisch sind, die aber genervt sind von Antifa-Parolen und vom ewigen Abarbeiten an »Ihr seid Rechtsextremisten und Nazis«. Das sind Menschen, die sich sehr darüber freuen, dass es etwas Positives gibt, an das man sich dranhängen kann. Wir werden sicherlich keinen überzeugten Rechtsaußen-Wähler überzeugen. Das ist eine Arbeit, die wir auch gerne machen würden und die auch immer im Hinterkopf ist. Aber da muss man langfristig ran.


Letztes Jahr gab es ein großes Festivalwochende. Was kann man in diesem Jahr erwarten?

Es wird dieses Mal nur einen komprimierten Festivaltag geben. Auf jeden Fall wird das Programm breit gefächert sein. Wir haben Lesungen, weil wir ja ursprünglich – insofern schon ein Gegenentwurf – als Literaturfest starten wollten. Wir haben zum Beispiel Ella Carina Werner da. Es war auch der Wunsch, viele Leute aus der Region und aus Halle zu holen und die Nachbarschaft mit reinzunehmen. Es wird Angebote für Kinder und Workshops geben. Die Cyberagentur, die in Halle sitzt, macht einen interaktiven Vortrag über »Kryptokalypse«. Es gibt Angebote fürs gemeinsame Kochen, weil es uns wichtig ist, Begegnungsformate zu schaffen, wo man ins Gespräch kommen kann. Da wird dann zum Beispiel kurdische Küche gekocht oder CO2-neutrales Backen angeboten.


> Wir-Festival:7.11., August-Bebel-Platz, Halle. www.wir-halle.de​

> Festivaltickets für die Veranstaltungen im Puschkinhaus, in der Wohnunion und im Kunstraum gibt es für ermäßigt für 5 € beziehungsweise 10€. Die Veranstaltungen auf dem August-Bebel-Platz sind kostenfrei besucht.


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