Stadtleben

Party bis zum Mittagessen

Das Flower Power feiert seinen dreißigsten Geburtstag – mindestens bis zum Sonnenaufgang

  Party bis zum Mittagessen | Das Flower Power feiert seinen dreißigsten Geburtstag – mindestens bis zum Sonnenaufgang  Foto: Party trotz Baugerüst: Das Flower Power bei Tag/Christiane Gundlach

»Hier fliegt heut die Kuh« – War Achim Mentzel jemals im Leipziger Flower Power? Das an der Decke kreiselnde Laden-Maskottchen mit Euter hätte ihm vielleicht gefallen. »Erst komm ich und dann kommst du.« Wenn nichts mehr geht, geht noch was im Flower Power. Diese Devise gilt seit dreißig Jahren.

Die Afterparty-Absteige in der Riemannstraße hat jedenfalls Anfang der 2000er sonntags als Wohnzimmer getaugt. Dort gab es keinen Tatort, sondern Jam-Session, und man konnte in Ruhe ein gutes Buch bei Gezapftem lesen. Als »Leipzigs schrillste Musikkneipe« 1996 eröffnete – gegründet von André Streng, 2017 übernahm sein Bruder Daniel Weise –, kostete der halbe Liter Ur-Krostitzer fünf D-Mark und täglich legten »Rock-DJs« auf. Zu den letzten dreißig Jahren gehörte das mittwöchliche Hitparaden-Raten bei der »Aktion zur Rettung des Ohrwurms« ebenso wie Wodka-Softeis. Pöbelnde Gäste, alkoholbedingt zur fortgeschrittenen Uhrzeit keine Seltenheit, prügeln sich zum Glück stets vor der Tür – die Security-Leute immer alert und hilfsbereit schon zu einer Zeit, als das vor Läden noch nicht so üblich war. Sie greifen auch ein, wenn Frauen penetrant angetanzt werden oder Männer nicht einsehen wollen, dass es nicht jede Frau im Flower Power darauf abgesehen hat, ausgerechnet mit zu ihnen nach Hause zu gehen. Geradezu ein Ritt auf der Rasierklinge ist das Dartsspiel in der hinteren Ecke: Hier fliegen die Pfeile über den Gang, den Gäste auf dem Weg zum Klo passieren müssen.

Nach einer kreuzer-Geburtstagsparty in der Moritzbastei landeten Redaktion und Verlag samt Geburtstagsgästen bis Ladenschluss im Flower Power. Auch viele kreuzer-Gastropartys fanden hier ihren Abschluss. Die Betriebsamkeit des längst angebrochenen Tages in der Welt draußen ist ein Kulturschock: Die Rollläden schotten Tageslicht und Berufsverkehr von diesem Ort ab, der über keine Uhr verfügt und somit die Illusion aufrechterhält, dass es bestimmt erst zwei Uhr morgens ist. Zum Frühstück ging’s nach dem Kneipenbesuch noch in die Knolle am Bayrischen Platz oder in den 23-Stunden-Imbiss auf der Karli. Diese Institutionen – »Rührei satt!« – sind längst untergegangen. Die Kuh im Flower Power kreiselt noch.

»Feiern wie damals« lautet das Motto für die Sause zum runden Geburtstag: Angekündigt sind drei Fässer Freibier und dreißig Flaschen Kurze (Pfeffi, Kirsch, Mexikaner …). Man kann das als Verheißung verstehen oder als Drohung. Am besten am nächsten Tag nichts vornehmen. 


> 30. Flower-Power-Geburtstag: 7.11., ab 19 Uhr, Flower Power, Riemannstr. 42, 04107 (Zentrum-Süd)


Kommentieren


0 Kommentar(e)