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Bildungslücke: Folge 11 – Thomas Bachmann: »Das Dagobertprinzip« (1996) Größeres Bild

Bildungslücke: Folge 11 – Thomas Bachmann: »Das Dagobertprinzip« (1996) —

Ein Krimi aus Leipzig. Leipzig: Maxime-Verlag 1996. 172 S., 9,95 €

Der Untertitel verspricht nichts Gutes: Einen »Krimi aus Leipzig« kündigt das Cover an. Ist Thomas Bachmanns Debütroman »Das Dagobertprinzip« ein früher Vertreter der Boom-Gattung Regionalkrimi? Wie so viele seiner Artgenossen zugekleistert mit Lokalkolorit und bevölkert von sogenannten »schrulligen« Typen, hinter denen die Krimi-Handlung in den Hintergrund tritt?

Glücklicherweise ganz und gar nicht. Nicht mal besonders kriminell oder kriminalistisch geht es im »Dagobertprinzip« zu – vielmehr ist das Buch Schelmenroman, Provinzposse und Anarcho-Utopie in einem. Seine Helden sind so gewöhnlich wie charmant: Heiner, Horst und Fritz, allesamt Stammgäste von Klaras Imbisswagen vorm Arbeitsamt, sind frustriert über die Plätze, die das neue System ihnen nach der Wende zwischen Arbeitslosigkeit und Nachtschicht zugewiesen hat. Bei Dosenbier und Billigkaffee träumen sie – inspiriert vom titelgebenden Kaufhauserpresser – von Ruhm und Reichtum. Doch es bleibt nicht beim tatenlosen Stammtischlamento: Bald schon überzieht das bierbäuchige Spaßguerilla-Trio die Stadt mit kreativen Sabotageakten, sprüht allen Blitzern die Linsen zu und wirft Stinkbomben ins Polizeigebäude. Die Aktionsfotos verschachern sie zu immer höheren Preisen an die Presse, die jeden Schritt aufgeregt verfolgt und dafür mit einer gigantischen Auflagensteigerung belohnt wird. Denn die Bevölkerung kann von dem geheimnisvollen Klamauk gar nicht genug bekommen – sehr zum Ärger der Kommissare, die lange Zeit völlig im Dunkeln tappen und bald mit unangemessener Härte zurückschlagen. »Wir sind hier in Sachsen, junger Freund« – ein Satz, der, sagt ihn ein Polizist, über alle Zeiten hinweg als Drohung zu funktionieren scheint.

Doch der Roman spielt nicht simpel Gut gegen Böse, Machtlose gegen Mächtige aus. Thomas Bachmann, 1961 in Erfurt geboren und seit vielen Jahrzehnten in Leipzig zu Hause, gelingt es, mit liebevoll gezeichneten Charakteren und lakonischen Dialogen eine Geschichte zu erzählen, in der es niemandem erspart bleibt, seine eigene Moral zu hinterfragen. So entsteht eine mal melancholische, mal überdrehte Parabel auf die Nachwendestimmung, in der das frische Lüftchen nach »dem großen Knall« ziemlich schnell wieder dem abgestandenen Mief gewichen ist.

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