anzeige
anzeige

Rezensionen

Josephine Tey

Josephine Tey

Der falsche Erbe. Aus dem Englischen von Harry Kahn und Christina Müller. Mit einem Nachwort von Ruth Rendell. Zürich: Oktopus 2025. 416 S., 24 €

Josephine Tey.

Die Familie Ashby lebt auf ihrem Landsitz Latchetts im Süden Englands, die Volljährigkeitsfeier des ältesten Sohnes, Simon, steht kurz bevor, alles scheint in bester Ordnung zu sein, das Leben verläuft in ruhigen Bahnen und bescheidenem Wohlstand. Bis der tot geglaubte Patrick wieder auftaucht, der seinem angeblichen Zwillingsbruder täuschend ähnlich sieht: »Alles schien die Angaben des jungen Mannes zu bestätigen.« Der erzähltechnische Kniff: Die Leser wissen, dass er ein Betrüger ist. Die Familie weiß das nicht – jedenfalls fast die ganze Familie. Denn es gibt ein Geheimnis in der Familiengeschichte, das nur einer kennt und das erst am Schluss aufgeklärt wird. In dieser Familie haben fast alle eine Affinität zu Pferden, denn zum Landgut gehört ein Gestüt. Simon ist begeisterter Rennreiter, seine Schwester Eleanor züchtet Pferde und in den Beschreibungen bestimmter Eigenschaften der Pferde zeigen sich Ähnlichkeiten mit ihren Besitzern. Der heimgekehrte älteste Sohn fügt sich problemlos in die Familie ein, alle schätzen und mögen ihn, bis auf Simon, der nun nicht mehr der Erbe des Gutes sein wird. Zwischen Simon und Patrick entwickelt sich ein spannendes Pokerspiel um das Erbe. Tey schildert die raffinierten kriminellen Machenschaften, die einen Fremden zum Erben von Latchetts machen – leider ist die Übersetzung problematisch hinsichtlich Grammatik und Idiomatik. Der Konflikt köchelt nach Patricks plötzlichem Auftauchen unter der Oberfläche, kommt schließlich zum Ausbruch und hat einen weiteren Toten zur Folge. Es gelingt Tey, die Spannung aufrechtzuerhalten, und insbesondere Pferdeliebhaber werden die vielen Geschichten um diese Tiere zu schätzen wissen. Für alle anderen hat der Roman gewisse Längen. Joachim Schwend

Johannes Herwig (Text)/Alexandra Langenbeck (Ill.)

Johannes Herwig (Text)/Alexandra Langenbeck (Ill.)

Ein Fall für Ino. Der Inselschatz. Bamberg: Magellan 2026. 192 S., 16 €, ab 9 J.

Johannes Herwig (Text)/Alexandra Langenbeck (Ill.).

»Äh« – wer hätte gedacht, dass ein so universelles Zeichen von Ahnungslosigkeit ein so eloquentes Stilmittel abgeben würde, wie es in Johannes Herwigs neuem Kinderkrimi geschieht. Die Hauptfigur Ino geht herzlich offen mit den eigenen Wissenslücken um und gerät damit schnell zum Sympathieträger und zur Identifikationsträgerin für alle. Hilfreich dafür ist auch, dass Inos Geschlecht im gesamten Roman offengelassen wird. Zum Plot: Nachdem Inos Mama und Ino einen Urlaub auf einer kleinen Insel gewonnen haben, überschlagen sich die Ereignisse: Ino wird mit Merle, der Tochter der örtlichen Hotelbesitzerin, in ein Abenteuer verwickelt. Dieses umspannt die gesamte Insel. Anders als bei altbekannten Abenteuergeschichten (»Fünf Freunde« und Konsorten) geht es erfrischend realistisch zu. Die Kinder müssen Mut beweisen, aber ihre Gegenspieler sind weder die Mafia noch ausländische Geheimdienste. Merle bildet dabei das couragierte Gegenstück zur oftmals unsicheren Figur Ino, schließlich ist sie die erfahrene und ortskundige Anwohnerin. Durch Inos Augen lernen wir zusammen die Insel und alle Geheimnisse kennen – ergänzt durch liebevolle Schwarz-Weiß-Illustrationen von Alexandra Langenbeck. Wer bereits Texte von Herwig kennt, wird den gewohnten Stil in der Figurenrede und die Freude an Vergleichen wiedererkennen. Der Übergang zum Kinderbuchautor ist aber gut gelungen – das Buch eignet sich ausgezeichnet als spannende Sommerlektüre. Und deutet bereits an: Vielleicht hören wir von Ino in Zukunft noch mehr. Joachim Kern

Eva Ibbotson

Eva Ibbotson

Ein Tanz für mich allein. Aus dem Englischen von Michaela Link. Zürich: Kampa 2025. 320 S., 25 €

Eva Ibbotson.

Harriet Morton wächst mit ihrem Vater und ihrer Tante in einem lieblosen Elternhaus auf. Sie darf nicht auf die Universität, denn ihr Vater, Universitätsprofessor in Cambridge, erachtet Frauen an der Universität als unpassend. Stattdessen soll sie in eine ungeliebte Verbindung mit einem Kollegen gedrängt werden. Diesem Schicksal entkommt sie, indem sie mit einer Balletttruppe flieht, an das berühmte »Teatro Amazonas, angeblich das luxuriöseste und schönste Theater der Welt«. Sie hat ihre Berufung gefunden in einem Leben als Tänzerin fern ihres Elternhauses. Bis sie der Zorn ihres Vaters einholt. Eine Reihe von Missverständnissen und Schicksalsschlägen und Harriet ist wieder im Elternhaus, eingesperrt in einer Dachkammer. Und weil sie nach Ansicht ihres Vaters und insbesondere ihrer Tante keine Vernunft annehmen will, droht die Psychiatrie. Ein reicher Engländer, einer der Gummibarone (»Der Dschungel, den andere fürchteten oder verabscheuten, hatte ihn reich beschenkt.«), ist auch zurück in England und noch nicht am Ende seiner Tricks: Er will Harriet für sich zurückholen und schließlich findet die Geschichte ein Happy End auf dem Landgut der Familie. Harriets bewegende Geschichte ist eine von familiären Verwicklungen und Schicksalsschlägen, Egozentrismus und Menschenverachtung, ein Drama der Irrungen und Wirrungen mit vielen Nebenhandlungen, die wichtig sind fürs Verständnis. Schmunzeleffekte und positive Wendungen gleichen die Dramatik des Geschehens immer wieder aus, ohne dass die Spannung leidet. Am Schluss stehen die Bösen ziemlich dumm da – vielleicht gibt es ja doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Ein ausgesprochener Lesegenuss, der den Wunsch nach mehr weckt. Joachim Schwend

Sophie Morton-Thomas

Sophie Morton-Thomas

Das Nest. Aus dem Englischen von Lea Dunkel. Bielefeld: Pendragon 2025. 301 S., 22 €

Sophie Morton-Thomas.

An der Ostküste Englands ereignen sich Grausamkeiten um einen Wohnwagenpark. Die interessante Erzähltechnik entspinnt sich von den zwei zentralen Charakteren aus: einerseits Fran, Mutter eines zehnjährigen Sohnes, die den Wohnwagenpark leitet. Andererseits Tad, Mitglied einer Roma-Familie, die neben dem Wohnwagenpark ihre Wohnmobile aufgestellt hat. Zwischen den beiden Gruppen bildet sich eine Freundschaft, die zur Schicksalsgemeinschaft wird. Die beiden Erzählperspektiven ergänzen sich und bieten verschiedene Sichtweisen auf die Ereignisse. Fran ist begeisterte Hobbyornithologin und folglich vom Nest einer seltenen Zwergseeschwalbe fasziniert: »Eine Zwergseeschwalbe sitzt darin. Die Mutter. Sie wacht über ihre Eier. Der wunderschöne Anblick raubt mir fast den Atem und ich spüre Tränen in meinen Augen brennen.« Außerhalb des Nests gibt es weniger Idylle. Zwischen Frans Familie und der ihrer Schwester, die mit Partner und Tochter ebenfalls auf dem Campingplatz wohnt, kommt es zu Spannungen. Dann verschwindet die Lehrerin der Kinder und wird einige Tage später erschlagen aufgefunden. Der Verdacht fällt auf Ellis, Frans Schwager: Die Polizei ruft ihn zur Fahndung aus. Die Kinder finden immer wieder »Vögel. Kopflose Vögel.« Wer tötet und verstümmelt die Tiere? Eines Tages sind die Eier aus dem Nest der Zwergseeschwalbe verschwunden und Fran versinkt zunehmend in Depression und Verzweiflung: »Meine Beinahe-Kinder, die Zwergseeschwalben-Eier.« Tads Bericht am Schluss deckt auf, welche Hinter- und Abgründe hinter der Ermordung der Lehrerin, den toten Vögeln und den verschwundenen Eiern stecken. Das Ende bleibt offen. Die Übersetzung zeigt idiomatische Schwächen, das schmälert aber die Spannung und den Lesegenuss kaum. Anna Kow

Thomas Kunst

Thomas Kunst

Masleboi. Berlin: Suhrkamp 2026. 223 S., 25 €

Thomas Kunst.

Laut SWR ist Thomas Kunst ein Unikum in der deutschsprachigen Literaturlandschaft. Seine Lyrik und seine Romane, die er selbst als »explodierende Großgedichte« bezeichnet, düngen seit vielen Jahren die Gegenwartsliteratur. In Kritikerkreisen ist Kunst eine große Nummer, größere Leserkreise hat der knuffige Wüterich mit seiner Arbeit noch nicht erschlossen. Nun erschien sein neuer Roman »Masleboi«, der uns auf 223 Seiten vermutlich nach Mexiko entführt. Dort lebt Herr Masleboi, Sammler von (unter anderem) Konservenbüchsen und großer Freund der Konservenbüchsenkost. Mal schaut er von seiner Villa aufs Meer, mal tanzt er beim Stralsunder Abiball, mal bedrückt ihn der Schiffsfriedhof in North Carolina als bittere Metapher der schrecklichsten aller Welten. Immer dabei das geliebte Pinguinmädchen, alias seine Katze Wü, die wir aus Kunsts gleichnamigem letzten Gedichtband kennen: »In einem Krieg würde ich meiner Katze ein Geschirr anlegen.« Masleboi denkt oft und gern an seine Masahlena, die ihm Lebens=Komplizin ist. Denn es gibt viel zu berichten, von deutschen U-Booten und auch der Fritz Heckert, dem einstigen Urlauberschiff des FDGB. Und mit der hässlichen Gegenwart ist auch nicht zu spaßen: »Alle fünf, sechs Tage wurde die Überdecke des Ozeans hin zum Horizont verschoben.« Es herrscht buntes Treiben in Südamerika, in satten Farben tauchen wir ein in Kunstens anspielungsreiche Sprachgewitter und Wortkapriolen. Eine feinnervige Suade in Fetzen und Farben. Gelegentlich geraten wir in ostdeutsche Gefilde, dem Pinguinmädchen ist das egal, es lernt, sich im Garten der Villa ohne Geschirr zu bewegen. Frank Willmann

Martin Lechner

Martin Lechner

Die Verwilderung. Salzburg: Residenz 2025. 389 S., 28 €

Martin Lechner.

»Einschlafen konnte ich immer erst, wenn der Käfig zugesperrt wurde.« Marlies ist 17 Jahre alt und in ihr wüten nicht nur die Launen ihrer Pubertät und die Wut über den schmarotzenden Liebhaber ihrer Mutter oder den Jungen, der sie ständig versetzt. Es lebt noch etwas anderes in Marlies und nach einem Autounfall beginnt dieses Etwas, sich in ihr zu rühren. Ihr linker Zeigefinger wird zu einer grässlichen Klaue, die ständig gegen ihren Willen zuckt, und als sie das erste Mal jemanden damit verletzt, verändert das alles. Martin Lechners Roman ist gespickt mit komplexen Bildern und spannenden Charakteren. Diese sind zwar oft in ihren Handlungen oder Motiven sehr einfach entwickelt, die Geschichte funktioniert trotzdem. Nur die Dialoge sind an manchen Stellen schwer verständlich, besonders Marlies handelt und spricht häufig auf eine Art und Weise, die nicht rational erscheint. Zugegeben: Rationales Denken gestaltet sich schwierig mit einer monsterhaften Kralle an der Hand, die ein Eigenleben entwickelt. »Die Verwilderung« ist der dritte Roman des in Berlin lebenden Lechner. Sein Debütroman »Kleine Kassa« stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014. Marie Rosum

Nils Langhans

Nils Langhans

Irgendwann kommt immer ein Meer. Frankfurt/Main: Schöffling & Co. 2025. 128 S., 20 €

Nils Langhans.

Wenn ein Mensch stirbt, bleibt den Zurückgebliebenen nur die Erinnerung. Aber diese ist selektiv, hat oft Leerstellen und bietet Platz für eigene Interpretation. Genau hier setzt der Debütroman von Nils Langhans an. »Irgendwann kommt immer ein Meer« nähert sich dem Verhältnis zu seinem schon länger verstorbenen Vater. Trotzdem ist es kein Trauerroman im klassischen Sinn, sondern ein Werk, das sich dem Verlust zögernd öffnet. Fast wirkt es wie ein spätes Ringen um Vertrautheit. In episodischen, verdichteten Szenen folgt der Roman dem Ich-Erzähler durch eine Zeit aus Erinnerungen, Sprachlosigkeit und verhaltener Nähe. Vieles bleibt unausgesprochen, manches wiederholt sich. Die Erzählweise ist fragmentarisch, die Kapitel sind kurz. Die Sätze – mal ruhig, mal spröde, mal lakonisch – umkreisen das Thema der Trauer, ohne in Pathos zu verfallen. Langhans gelingt es, die Beziehung zwischen Vater und Sohn jenseits von Klischees darzustellen. Es entsteht ein leises, realistisches Bild zweier Menschen, die nebeneinanderher lebten. Jeder Satz scheint abgewogen. Umso mehr stört beim Lesefluss die durchgehend nicht reflexive Verwendung des Verbes erinnern. Wohlwollend könnte man sagen, der Autor unterstreicht damit die distanzierte Verarbeitung des Todes. Das nicht reflexive Erinnern wirkt jedoch wie ein Fremdkörper, vor allem weil es mehrfach pro Seite erscheint. Alles in allem bleibt der Text eigentümlich kühl und reserviert. Er gleitet ohne dramatische Spannungsbögen dahin und gleicht einem mechanischen Abrufen von Erinnerungen. Jegliche Emotionen sind stark gebändigt. Der minimalistische Roman verlangt dem Leser letztlich eine gewisse Geduld, Kombinationskraft und Interpretationsbereitschaft ab. Manja Reinhardt

Anne Herzel

Anne Herzel

Lichter unter London. 3 Bd.: Verlorene Städte, Vergessene Sterne, Schlammlerche. Ludwigsburg: Cross Cult 2025–26. Jeweils 18 €

Anne Herzel.

Tiefenforellen und Magmaschnecken, wandernde Steine und Prunkalligatoren: Allerhand seltsame Wesen tummeln sich in den Londoner Katakomben. Zumindest, wenn man der Leipziger Autorin Anne Herzel glaubt. Ihren Chroniken zufolge ist die Unterwelt der englischen Hauptstadt nicht nur von Monstern besiedelt. Dort leben Menschen, die kein Vitamin D brauchen und sich im Kampf mit den Oberweltlern befinden. Denn diese wollen den kapitalistischen Raubbau unter die Erde bringen. Es geht in »Lichter unter London« um unerschöpfliche Energiequellen und einen permanenten Abstieg. Zumindest in den ersten beiden Bänden. Der dritte ist Mitte April erschienen. Die Protagonistin der ersten beiden Bände ist Maeve O’Sullivan. Eine Wette führt die irische Studentin der Untergrunderforschung ins Londoner U-Bahn-System, um von dort in tiefere Schichten zu gelangen. Was Maeve nur aus der Theorie und damit geschönt kennt, erweist sich als raue Realität. Dort warten Schätze und Gefahren. Nur wenige Menschen arbeiten in der Tiefe und behalten ihre kolonialistischen Geheimnisse für sich. Fantastisches zusammengeschüttelt hat Herzel, im fränkischen Dinkelsbühl geboren und mittlerweile an der Pleiße lebend. Es ist eine Mischung aus Coming-of-Age-Roman, Abstiegstrauma und Fantasy-Parforceritt. Um es bildlich zu machen: »Skulddugerry Pleasant«, »The Descent« und »Yoko Tsuno« werden mit dem Zauberstab verrührt. Besonders an Letztere erinnert der erste Band »Verlorene Städte«, gleichen die Begegnungen mit der unterirdischen Zivilisation doch den Episoden der Comic-Serie, wenn die geheimnisvollen Vineaner auftauchen. Wie der Comic durch die Ligne claire besticht, verfügt Herzels Sprache über klare Züge, ist verständlich und reichlich bildlos. Dafür taumeln Maeve und ihre Gefährten von einer Turbulenz zur nächsten, bleiben Tempo und Spannung hoch. Das ist zugänglich für eine breite Leserschaft. (...) Tobias Prüwer

Alice Urciuolo

Alice Urciuolo

Verehrung. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Freiburg i. Breisgau: Nonsolo 2025. 392 S., 24 €

Alice Urciuolo.

»fVerehrung«, etymologisch für Bewunderung und Anrufung, betitelt diesen bittersüßen Bildungsroman und dessen zwischenmenschliche Beziehungen trefflich: die der Eltern zu ihren Kindern, der Kinder zu ihren Peers, der Jugendlichen zu ihren Geliebten. Er spielt im August in Pontinia, ein Ort der Mittelschicht in Mittelitalien, gegründet übrigens 1935, nachdem Mussolini die dortigen Sümpfe zu Agrarland gewandelt hatte. Auch heute steht die Stadt noch immer in tiefer Verehrung zum Duce, wie die Erzählinstanz einführend bemerkt: Auf hiesigen Schulwänden mischen sich »faschistische DUCE REGNA-Kritzeleien mit Liebeserklärungen«. Hier hadert Diana mit ihrem Muttermal, vergöttert der faschistoide Gianmarco ihre Cousine Vanessa, himmelt Vera ihren Bruder Giorgio an, der wiederum Obsessionen für Elena hatte, getötet vor einem Jahr, von ihrem Freund. Den Grund haben alle Charaktere dieses von Blickwechseln geprägten Romans selbst zu finden. Es geht um Leere, Lasten, Leidenschaft – dem Erwachsenwerden in einem Ort des Wohlstands, der völlig frei von jeder Verantwortung und Kultur ist. Hier verehren die Alten, was mal war, verschweigen Unangenehmes, erwarten von allen Verehrung, untereinander und vor allem für sich selbst. Verehren heißt auch Selbstaufgabe, quasi Unterwerfung als Lebenseinstellung. Verehrung schafft ein unheimliches wie gewaltvolles Kleinbürgertum. Alice Urciuolos Debütroman erzählt das alles ganz leicht. Dabei liegt die eigentliche Schwere in den Entscheidungen, die die 15- bis 20-jährigen Hauptfiguren des Romans zu treffen haben. Jene für oder gegen eine unbestimmte Zukunft. Für eine Welt vielleicht, die nicht durch verklärte Romantik, Prestigebedürfnisse und ein politisches Vakuum zusammengehalten wird. »Verehrung« ist ein Plädoyer für das Abenteuer im Unbekannten. Marcel Hartwig

Tessa Hadley

Tessa Hadley

Die Party. Aus dem Englischen von Marion Hertle. Zürich: Kampa 2025. 128 S., 22 €

Tessa Hadley.

Zwei Partys bilden zentrale Wendepunkte im Leben der Schwestern: Evelyn, die Verträumte, studiert Französisch, Moira, die Energische, Kunst und Modedesign. Sie kommen aus einem konservativen, bürgerlichen Elternhaus und leben in Bristol. Evelyn geht regelmäßig in die Kirche und unterrichtet in der Sonntagsschule, doch sie erkennt, »dass das Licht dieser Religion zu blass und dürftig war, um die ganze Wirklichkeit dessen zu umfassen, was sie wollte«. Auf einer Party in einem Pub im anrüchigen Hafenviertel von Bristol lernen sie zwei offensichtlich wohlhabende Herren kennen, die nicht so recht in das Milieu des Pubs mit den Studierenden und deren linksalternativen Thesen zum britischen Empire und der Gesellschaftspolitik passen. Die beiden Herren laden die Schwestern ein paar Tage später zur nächsten Party in einem hochherrschaftlichen Haus in einem teuren Vorort von Bristol ein. Ein kleiner Kreis von Gästen langweilt sich durch den Abend mit Gesellschaftsspielen und reichlich Alkohol. Zu fortgeschrittener Stunde ziehen sich alle in die vielen Schlafzimmer im Haus zurück. Am nächsten Morgen, »diesem wunderschönen, eiskalten Morgen«, ist die Welt für Evelyn und Moira eine andere. Sie sind beide auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden einen großen Schritt vorangekommen. Evelyn und Moira fühlen sich, »wie sie es am meisten wollten, geheimnisvoll und unergründlich«. In bildreicher Sprache vermittelt Hadley einen Eindruck von der Gesellschaftskritik der jungen Generation im Gegensatz zur dominanten konservativen englischen Standesgesellschaft. Die beiden jungen Frauen lebten bisher irgendwo zwischen diesen Welten und finden ihren Weg in ein eigenes, selbstgewähltes Dasein. Eine bewegende und sehr lesenswerte Geschichte. Joachim Schwend

Mads Ananda Lodahl

Mads Ananda Lodahl

Sauna. Aus dem Dänischen von Andreas Donat. Berlin: Albino 2025. 248 S., 25 €

Sauna

Zwei Männer Anfang zwanzig begegnen sich am Tresen der Schwulensauna: Johan arbeitet hier, William ist zu Gast, die beiden gefallen einander. Dass William trans ist, wie er Johan offenbart, stellt für diesen nicht nur kein Hindernis dar, sondern einen Anlass, das eigene Denken und Fühlen wachsen zu lassen: »Seit Milliarden von Jahren dehnte sich das Universum aus, warum sollte ich also darauf bestehen, dass alles so blieb, wie es war, und dass alle Jungs gleich zu sein hatten?« Zwischen Johan und William entwickelt sich schnell eine innige Liebesbeziehung, in der es durchaus normal ist, tagelang nichts voneinander zu hören. Das erscheint einerseits als Zeichen für großes Vertrauen und eine Zuneigung, die sich ihrer sicher sein kann. Andererseits wird bald aber auch deutlich, dass die beiden Männer ganz unterschiedliche Themen und Ziele haben: Während Johan in der Körperlichkeit seines Geliebten revolutionäres Potenzial entdeckt, will William einfach nur endlich oberkörperfrei am Strand liegen können. Anders als sein Freund sehnt er sich weder danach, die Geschlechterordnung zu zerstören, noch, den Kämpfen der Schwulenbewegung um Anerkennung innerhalb des Systems Anarchie entgegenzusetzen. Ihm geht es in erster Linie darum, als Mann in der Welt existieren zu können. Mads Ananda Lodahl illustriert sehr gut die Konflikte, die sich ergeben, wenn eine (mögliche) Zugehörigkeit zur Norm für beide Seiten unterschiedliche Konsequenzen und Bedeutungen hat. Und auch, wie schwierig es sein kann, über den Tellerrand der eigenen Kämpfe zu blicken. Eine sweete, humorvoll und klug erzählte Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte, die zu lesen sich sehr lohnt. Anna Kow

Kate Briggs

Kate Briggs

Die Unendlichkeit eines Tages. Aus dem Englischen von Sabine Voß. Hamburg: Nagel & Kimche 2025. 576 S., 24 €

Kate Briggs.

Helen, übermüdet, geht mit Rose, ihrem Baby, in der Wohnung umher, um sie in den Schlaf zu wiegen. Es ist eine komplexe, behutsame Choreografie für zwei, die beständig aufeinander reagieren. Endlich schläft das Kind, wodurch auch für Helen die Aussicht auf Schlaf in greifbare Nähe rückt – da klingelt die Post an der Tür. Mehrmals! Wer dachte, der Tag einer Mutter und ihres Säuglings halte nicht genügend Spannungsbögen bereit, wird hier eines Besseren belehrt. Die fragile Abhängigkeit der beiden Protagonistinnen voneinander, von Briggs in präziser, treffsicherer Sprache (übersetzt von Sabine Voß) beschrieben, bietet Fallhöhen und Plot-Twists. Was der störende Paketbote ins Haus bringt, ist ein Buch: Henry Fieldings »Tom Jones – Die Geschichte eines Findlings«. Mit Ankunft des Romans im Roman begibt sich dieser zunehmend ins Essayistische. Briggs stellt die intime Nahaufnahme von Helen und Rose in Dialog mit den Weiten der Literaturästhetik. Das Alltägliche wird Ausgangspunkt philosophischer Betrachtung – ganz im Sinne Roland Barthes’, aus dessen Vorlesungen zum Romanschreiben der englische Originaltitel »The Long Form« entlehnt ist. Immer wieder bricht das Konkrete ins Abstrakte. Dies gelingt großartig, wenn Helen, nass vom Spaziergang, mit Rose im Tragetuch in eine Vorlesung von E. M. Forster des Jahres 1927 hereinplatzt und ihr Baby als radikale Verweigerin der strukturierten Zeit anführt. Oft wirken die langen Nacherzählungen von Fielding und anderen jedoch wie eine Flucht, als würde dem radikalen Experiment eines ganzen Romans über die zarte und nervenaufreibende Zweisamkeit einer Mutter und einer Neugeborenen nicht ganz vertraut. Dabei berühren und interessieren deren Erlebnisse, und Briggs beweist eindrücklich ihren literarischen und philosophischen Gehalt. Annika Henrich

Mary Horlock

Mary Horlock

Das Geheimnis von Litt le Sark. Roman. Übersetzt von Birgit Salzmann. Zürich: Oktopus 2025. 352 S., 24 €

Mary Horlock.

Für Menschen, die ihre Lektüre nach der Skurrilität des Handlungsortes auswählen, ist »Das Geheimnis von Little Sark« ein Muss. Sark ist eine der Kanalinseln, östlich von Guernsey gelegen, Little Sark ihr südlicher Zipfel. Die Ortsnamen verraten britische und französische Einflüsse. Gegenwärtig leben laut Wikipedia etwa 500 Menschen in dieser sehr pittoresken Abgeschiedenheit. Beste Zutaten also für einen klassischen Krimi mit einer Menge seltsamer Käuze. Elise Carey ist die Postbeamtin von Sark. Seit ihr Mann nach einem heftigen Streit spurlos verschwunden ist, zieht sie ihre Tochter Phyll allein groß. Phylls bester Freund Everard, der stille Sohn des eitlen Major Earnest Hyde, verbringt seine Ferien auf Sark. Weitere Figuren sind die alte Maud Pratt, ehemalige Hebamme von Sark, das Künstlerpaar Paul und Ann Cecil samt Tochter sowie die Urlauberin Sarah Williams, eine junge Witwe. Dazu gesellen sich eine unheimliche Fremde (der Geist einer ermordeten Frau?) und ein junges Paar, das tot aus dem Meer geborgen wird. Mary Horlocks Roman spielt auf zwei Zeitebenen: 1923 und 1933. In beiden Jahren geschehen schicksalsträchtige Ereignisse, die die Inselbewohner miteinander verbinden. Die Autorin, selbst auf Guernsey aufgewachsen, spielt mit Versatzstücken von Agatha-Christie-Krimis ebenso wie mit denen von Mystery-Geschichten. Dabei ist ihr Ton oft vertraulich, sie bezieht den Leser ein – beziehungsweise die Leserin. Denn im Verlauf der Handlung wird immer deutlicher, dass es hier um Gewalt von Männern an Frauen und Kindern geht. Und um den Zusammenhalt von Frauen über die Generationen hinweg. Am Ende ist klar, dass es manchmal Geister braucht, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Andrea Kathrin Kraus

Ralf Schlatter

Ralf Schlatter

Die 7½ Leben des Paul Ungewitter. Innsbruck: Limbus 2025. 128 S., 20 €

Ralf Schlatter.

Alles beginnt im Café des Livres in Paris. Am Nebentisch des Erzählers sitzt ein schweigsamer, großer Mann. Er gibt ihm den Namen Paul Ungewitter und beginnt ihm imaginäre Leben anzudichten. Daraus entspinnt sich ein literarisches Kaleidoskop. In sieben Episoden lebt Paul Ungewitter verschiedenste Leben. Die Geschichten handeln von Liebe, Schuld, Geld, Tourismus, Sport, aber auch vom eigenen Blick auf die Welt. Mal sind sie traurig, mal absurd, mal komisch, oft alles zugleich. Dabei ist Paul immer auch auf der Suche nach Sinn, Nähe, Vergebung und letztlich nach sich selbst. In jeder Episode verlässt Paul das Café, und am Ende steht sein Tod. Unweigerlich fühlt man sich an »Lola rennt« erinnert. Bei beiden geht es um die Frage nach dem Warum und das Verhältnis zwischen Schicksal und Zufall. Während bei Lola kleine Veränderungen in den Handlungen zu völlig anderen Enden führen, erlebt Paul Ungewitter sieben alternative Existenzen. Seine Figur wird von außen erzählt, von einem Beobachter, der aus Pauls bloßer Erscheinung ganze Lebensgeschichten spinnt. »Lola rennt« ist rasant und temporeich, »Paul Ungewitter« ruhiger, literarischer und versponnener. Stilistisch zeigt Schlatter hier seine ganze Stärke. Er schreibt mit geschliffener, poetischer Sprache, einer Mischung aus Melancholie und feinem Witz sowie mit einem liebeswerten Hang zu einer leicht altmodischen Sprache – wo liest man sonst von Manchesterstoff und Schäferstündchen? Besonders gelungen ist das Spiel mit Wiederholungen und Variationen. Es gleicht einem literarischen Musikstück, das Themen immer wieder neu aufnimmt, bricht und weiterführt. Das Buch ist ein Lesegenuss für alle, die Freude am Spiel mit Realität und Fiktion haben. Manja Reinhardt

Robin Bergauf

Robin Bergauf

Wo beginnt der Osten, Genosse? Leipzig: Liesmich 2025. 244 S., 16,95 €

Robin Bergauf.

Den Protagonisten Alex könnte man alshochfunktionalen Tagedieb bezeichnen. Während des russischen Überfalls auf die Ukraine liegt er im Bett, sieht seiner pragmatischen Freundin Liz beim Unruhigsein zu und denkt nach. Würde er diese Rezension lesen, würde er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem gedanklichen Essay zur Etymologie des Wortes »Tagedieb« verlieren – und vielleicht würde er mich auch hauen wollen, denn das will er oft, wenn ihn jemand wütend macht oder überfordert. Alex’ emotionale Kompetenz weist erhebliche Mängel auf. Und das Verstricken in seinen eigenen Gedanken, die ihm meist alle gleich wichtig erscheinen, so dass er in entscheidenden Momenten kein Wort herausbekommt, hindert ihn auch daran, seine Doktorarbeit zu beenden. Mit ihr will er beweisen, »dass die Ost-West-Trennungsidee ausgedient hat«. Doch der Krieg in der Ukraine und ein heftiger Streit mit Liz werfen sein akademisches und alltägliches System über den Haufen, was nur noch vom Einzug zweier neuer Mitbewohner übertrumpft wird: Sophiia und der Kater Genosse sind aus der Ukraine geflohen und ziehen bei Alex und Liz ein, deren Beziehung bereits ordentlich kriselt. Die in der DDR aufgewachsene Autorin Robin Bergauf hat eine vielversprechende Konstellation geschaffen: mit humoristischem Potenzial und Stoff zum Nachdenken. Die Charakterstudie des überprivilegierten, verkopften, lebensunfähigen und notorisch (vom Weltgeschehen und sich selbst) verwirrten Alex gelingt ihr gut – das wird vor allem dadurch spürbar, dass man ihn mehrmals packen und schütteln möchte. Durch die lebenslustige und intuitiv handelnde Sophiia mit seinen eigenen Ungereimtheiten konfrontiert, hinterfragt Alex diese zwar, legt deshalb aber noch lange nicht seine altkluge Manier ab. Er dient der Autorin als Sprachrohr für allerlei politische und gesellschaftliche Überlegungen, was die Lektüre streckenweise etwas schwergängig macht. (...) Alexandra Huth

Emeli Glaser

Emeli Glaser

Rahnsdorf Ripper und andere Männergeschichten. Neu-Isenburg: Westend 2025. 144 S., 20 €

Emeli Glaser.

Emeli Glasers Kurzgeschichten lassen einen etwas ratlos zurück. Sie regen zum Denken an – so weit, so gut. Die Ratlosigkeit mag ein wenig aus der Erwartungshaltung kommen: »Männergeschichten« aus Berlin verspricht der Titel. Und ja, die Geschichten spielen in Berlin und Männer gibt es auch, aber viele der Texte haben eine größere Allgemeingültigkeit, greifen das kleinbürgerliche Leben ganz allgemein auf und an. Dabei scheint der Schwerpunkt der Kurzgeschichten gar nicht so sehr auf den titelgebenden Männern zu liegen: Drei der sieben Storys haben eine ähnliche Pointe, nämlich das rechte politische Spektrum, bestehend aus Nazis, Reichsbürgern und rechten Esoterikern. Das erscheint vor allem bei der zweiten Geschichte – »Optionale Anschlussfragen« – etwas unnötig, denn das Eintauchen in eine Welt von Pseudowissenschaften wäre auch oder gerade ohne diesen Twist sehr gut aufgegangen. Auch das mentale DDR-Erbe und ein schwelender Ost-West-Konflikt beeinflussen die Texte mehr als der Fokus auf Männer. Darüber hinaus vermitteln die Geschichten vor allem ein durchgehendes Gefühl von Tristesse und Einsamkeit, das als gemeinsamer Nenner unserer Gesellschaft ausgestaltet wird. Das trifft einen Nerv, nicht nur in Berlin. Die abschließende Titelgeschichte, in deren Mittelpunkt eine Bande Polizei spielender junger Mädchen steht, ist besonders überzeugend, das Durchlesen des kurzen Bandes lohnt also insgesamt doch. Joachim Kern

Charles Derennes

Charles Derennes

Ungeheuer am Nordpol. Heidelberg: Flur 2025. 256 S., 22 €

Charles Derennes.

Manchmal fragt man sich schon, wieso einige Bücher übersetzt werden und andere nicht. Das »Ungeheuer am Nordpol«, erstmals 1907 erschienen, hat schlappe 118 Jahre auf seine Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche warten müssen. Zu Unrecht, ist es doch wunderbar anschlussfähig für Fans von Science-Fiction à la Jules Verne, aber auch anderer Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Denn Charles Derennes’ Roman bietet neben einer spannenden Abenteuergeschichte auch eine geschickte Verknüpfung zweier unterschiedlicher metafiktionaler Techniken. Zu Beginn beteuert der Erzähler der Rahmenhandlung die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Das Ende lässt allerdings offen, wie zuverlässig der als Quelle zitierte Erzähler der Binnenhandlung tatsächlich ist. Immer wieder geht es so neben der fantastischen Geschichte auch um die Frage nach Authentizität im grundsätzlich fiktionalen Roman. Die Handlung knüpft insofern daran an, als die Überlegungen zur Nordpol-Reise selbst und vor allem zum genutzten Transportmittel wissenschaftlich fundiert wirken und das Buch so auch zur »wissenschaftlichen Phantastik« gezählt werden kann, wie der Umschlag schon verrät. Die Handlung ist gut gealtert: Die Entdeckung geheimnisvoller Echsenmenschen schließt nahtlos an gegenwärtige Verschwörungstheorien an, zugleich wird kritisch das menschliche Bedürfnis reflektiert, alles in der Natur beherrschen zu wollen und dabei zu schnell von sich auf andere zu schließen. Dieter Meiers Übersetzung überzeugt ebenfalls. Sie biedert sich weder dem Publikum der Gegenwart zu sehr an, noch wirkt sie gekünstelt oder unverständlich. Joachim Kern

Ariel Magnus

Ariel Magnus

Die Verbliebenen vom Tempelfeld. Berlin: Mikrotext 2025. 248 S., 25 €

Ariel Magnus.

Jamil, etwa 18 Jahre alt, ist allein aus Syrien geflüchtet und in einer temporären Unterkunft auf dem Tempelhofer Feld in Berlin untergebracht worden. Die Unterkunft ist mittlerweile aufgelöst, aber Jamil, der sonst nirgendwo hinkonnte, ist einfach dortgeblieben, in seinem Container. Der stillgelegte Flughafen um ihn herum ist zu seiner ganzen Welt geworden, die er sich meistens mit Santiago teilt, einem Tagträumer und Idealisten. Ergänzt wird die »Feldfamilie« durch weitere Figuren, die alle nicht so recht dorthin passen, aber dann wiederum doch, weil sie sich sehr gut ergänzen und die ganze Welt auf den Flugplatz bringen. Ihre Hauptidee, aber bei Weitem nicht die absurdeste, ist, die größte Veranstaltung auf das Tempelhofer Feld zu bringen, die es dort je gab, denn es könne ja nicht sein, »dass die Nazis mit ihrer Kundgebung am 1. Mai 1933 immer noch den Besucherrekord auf dem Tempelfeld hielten, auch wenn sie damals die Zuschauer fürs Kommen bezahlt hatten«. Das Thema: ein Musikfestival, bei dem die Bands alle etwas mit Essen zu tun haben. Der Autor Ariel Magnus wurde als Enkel deutsch-jüdischer Einwanderer in Buenos Aires geboren, hat schon selbst über zwanzig Romane geschrieben und viele weitere übersetzt. »Die Verbliebenen vom Tempelfeld« ist sein erster Roman, der direkt auf Deutsch erschienen ist; die jahrelange Erfahrung und Beschäftigung mit der deutschen Sprache ist in jeder Zeile zu lesen. Immer wieder wird Sprache reflektiert, gebogen und ironisch gebrochen. Mit großartigem Humor werden alle möglichen Themen verhandelt und dieser Clash der Kulturen im Mikrokosmos verliert trotz aller Skurrilität niemals seine Ernsthaftigkeit. Nicht mal Fliegen ist schöner. Alexander Böhle

Han Kang (Text)/Jin Tae-Ram (Ill.)

Han Kang (Text)/Jin Tae-Ram (Ill.)

Han Kang (Text)/Jin Tae-Ram (Ill.): Donnerfee und Blitzfee. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Berlin: Die Andere Bibliothek 2025. 32 S., 20 €

Han Kang (Text)/Jin Tae-Ram (Ill.).

Oft schildern Mythen die Entstehung von Naturphänomenen. »Donnerfee und Blitzfee« handelt vom Ursprung des Gewitters und ist ein Kinderbuch der südkoreanischen Literatur-Nobelpreisträgerin Han Kang. Darin erzählt sie von zwei kleinen Feen, die sich bei ihrer Arbeit im Himmelreich langweilen. Jeden Tag müssen sie zusammen mit ihren Kolleginnen Wolken weben und dabei lange Flügelgewänder und komplizierte Hochsteckfrisuren tragen. Gerne würden sie sich die Welt genauer ansehen, doch ein Ausreißversuch scheitert. Zur Strafe müssen sie einen riesigen Berg Wolken spinnen – danach dürfen sie gehen. In kurzen Röcken und ohne Kopfputz erkunden sie die Welt. Als sie sich an einem Regentag einmal langweilen, öffnen sie die beiden Kästchen, die sie bei ihrem Abschied von der obersten Fee erhalten haben. Darin liegen ein Silberzacken und eine Trommel. Was lässt sich damit wohl anstellen? Han Kang erzählt die Geschichte in schlichten, zeitgemäßen Worten. Ihre beiden Feen sind keine ätherischen Naturgeister, sondern verhalten sich wie Kinder, die lieber spielen möchten, statt fleißig zu sein. Ihr unerschrockener Umgang mit dem aufblitzenden Silberzacken und dem gewaltigen Trommelwirbel schafft für ängstliche Gemüter vielleicht eine neue Perspektive auf Gewitter. Ob nun furchtsam oder mutig: Die Illustrationen von Jin Tae-Ram erfreuen alle, die es zart und niedlich, aber ohne überflüssiges Beiwerk mögen. Fröhlich und neugierig purzeln ihre kleinen Feen durch die in warmen Farben leuchtenden Bilder. Andrea Kathrin Kraus

Daniela Chmelik

Daniela Chmelik

Die Bärin. Sulzbach: Ulrike Helmer 2025. 200 S., 22 €

Daniela Chmelik.

Dinah, 40 mit Kinderwunsch, taumelt in ihr Beziehungsende: »Mein Grübeln und Fühlen ist ein Sumpf. Ich will nicht fühlen. Ich will ein dickes Fell.« Als sie sich ein Bärinnenkostüm überstreift, passiert es: »Sie poetisiert und manchmal ahnt sie, dass sie damit ihr Leiden fixiert. Sie wetzt Sätze« mit einem Herz aus »Hack«. Sie lungert am Fernseher in ihrem vierten Stock herum, liest Bücher und schaut Filme über Bärinnen, recherchiert zu Susan Sontag und sucht nach einem vorläufigen, später nach einem neuen Narrativ. Dinah lässt sich an die Ostsee und nach Sarajevo spülen, ringt mit dem Widerfahrenen und dem Gewollten: »Es gibt genug Gründe gegen dich. Warum leide ich? Mein Leiden ist unverhältnismäßig. So doll, wie ich leide, so toll ist unsere Beziehung gar nicht gewesen.« Immer wieder zieht es sie zu ihrem Fenster. »Er hält Kontakt wahrscheinlich nur, weil er ein schlechtes Gewissen hat, sagt die Bärin sich. Und sie hält Kontakt, um festzuhalten, was verloren ist.« Ihr Netzwerk aus Freundinnen und Freunden hält zu ihr, bringt sie auf Spur und zurück in einen machbaren Alltag. »›Das Medikament unserer feministischen Praxis ist Wut!‹, ruft Karo ins Telefon.« In ihrem zweiten Roman lotet Daniela Chmelik das Verlassenwerden in seiner Tiefe und Widersprüchlichkeit aus, die Zeit, in der die »emotionale Grundsicherung« abhandenkommt. Die Komplexität, mit der Chmelik die widersprüchlichen und ambivalenten Gefühle der Protagonistin einfängt, formuliert das sonst Weggeschwiegene aus. Liebevoll auserzählt sind jene Szenen, in denen Dinah mit ihrer Nichte Pilvi und anderen Kindern zusammen ist. Es ist ein Buch über Autoaggression, Frauen und Wut sowie die Bedeutsamkeit von Freundschaft. Suse Schröder