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Bildungslücke: Folge 34 – Erhard Kaps: »Gefangen, inhaftiert, befreit« (1999) Größeres Bild

Bildungslücke: Folge 34 – Erhard Kaps: »Gefangen, inhaftiert, befreit« (1999) —

Erlebnisse eines Leipzigers. Leipzig: Tauchaer Verlag 1999. 192 S., 9,99 €

Wenn sich das Leben allmählich dem Ende zuneigt, greifen viele ältere Menschen zum Stift, zum Laptop oder zur Ghostwriterin. So viel ist schließlich in all den Jahrzehnten erlebt, gefühlt, gedacht worden, und man selbst war die ganze Zeit dabei! Wer schreibt, der bleibt – zumindest ein bisschen.

So hat auch der Leipziger Unternehmer Erhard Kaps (1915–2007) nach seinem achtzigsten Geburtstag seine Erinnerungen in mehreren Büchern festgehalten. »Gefangen, inhaftiert, befreit« ist der dritte Band dieser Reihe. Der Titel nimmt auf Kapsʼ Kriegsgefangenschaft in Bad Kreuznach 1945 sowie seine Inhaftierung als politischer Häftling im Zuchthaus Waldheim zwischen 1962 und 1965 Bezug. Beiden Erlebnissen widmet der Autor allerdings jeweils nur wenige Seiten. Der Großteil des Buches ist eine lose Sammlung von Erinnerungen und Betrachtungen, in der harmlose Anekdoten auf das Grauen des vergangenen Jahrhunderts treffen. So schreibt er arglos vom Urlaubsflirt im Schwarzatal, von der Freude der Kinder über die Dackel unterm Weihnachtsbaum, um im nächsten Moment auf die Deportation der jüdischen Nachbarn zu sprechen zu kommen und kurz darauf ausführlich über die Herstellungsprozesse im Kunststofffoliengewerbe zu informieren. Der Fahrradausflug und der Völkermord, die Mauertoten und der Zoff mit den Kollegen – hier stehen sie so unvermittelt nebeneinander wie sonst nur im echten Leben.

Leider ist Kaps alles andere als ein begnadeter Erzähler. Zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen vermag er nicht zu unterscheiden. Die innere Logik des Buches folgt dem Prinzip »Da fällt mir gerade noch ein«. All das würde man einem nicht-professionellen Schreiber wohl nachsehen, würde sich der Autor ein bisschen selbstkritischer, demütiger, bescheidener darstellen. Spätestens, wenn die Selbstbetroffenheit in Sätzen wie »Ich hatte viele jüdische Freunde und habe deshalb ganz besonders unter der Verfolgung der Juden durch Hitler gelitten« kulminiert, ist das Verständnis für die literarische Unbedarftheit allerdings erschöpft. Ein Buch gewordener Schaukelstuhl-Monolog, dem eine Ghostwriterin vermutlich gutgetan hätte.

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