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Dilek Güngör: Ich bin Özlem Größeres Bild

Dilek Güngör: Ich bin Özlem —

Berlin: Verbrecher Verlag 2019. 160 S., 19 €

Özlem lebt in Berlin, arbeitet als Lehrerin für Fremdsprachen, hat einen Mann und ein Kind. So weit, so gewöhnlich. Doch obwohl Özlem sich große Mühe gibt, möglichst normal zu sein, erlebt sie immer wieder Ausgrenzung. Immer wieder geben ihr Fremde und Bekannte das Gefühl, nicht dazuzugehören. Özlem hasst den Ausdruck vom »Leben zwischen zwei Kulturen«. Und dennoch wird sie gezwungen, genau das zu tun. Tagtäglich muss sie sich fragen lassen, woher sie denn eigentlich komme. Und das nur, weil ihre Eltern, vor ihrer Geburt, aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Dilek Güngörs Sätze sind schlicht. Der Aufbau ihres Buches ist eine Aneinanderreihung alltäglicher Situationen, gegen die sich ihre Protagonistin zur Wehr setzen muss.

Die Stärke des Buches liegt nicht in seiner Form, sondern in seinem Inhalt. Und da wird es für den Leser schnell herausfordernd. Immer wieder gerät Özlem in Situationen, die scheinbar harmlos sind – bis man genauer darüber nachdenkt. Während Özlem innerlich versucht, eine Antwort auf die Identitätsfrage zu geben, die alle an sie stellen, wächst ihre Wut. In einer der stärksten Szenen konfrontiert sie ihre gut betuchten Freunde mit deren rassistischen Äußerungen. Und muss sich von ihnen anhören, dass sie sich nur besonders machen wolle. Geschickt zeigt Güngör, wie schwierig solche Argumentationen zu widerlegen sind. Und wie anstrengend es ist, in einer Gesellschaft, die von Identitätsfragen besessen ist, nicht dazuzugehören. Da rettet auch das Ende nicht. Dort heißt es: »Ich muss lachen. Mit Zufriedenheit können Leute wie ich nichts anfangen.« Ein aktueller Roman, der noch lange nachhallt.

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