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Jean Stafford: Die Berglöwin Größeres Bild

Jean Stafford: Die Berglöwin —

Aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid und Jürgen Dormagen. Zürich: Dörlemann 2020. 352 S., 25 €

Die Geschwister Ralph und Molly wachsen im sonnigen Kalifornien auf, wo sie sich im Alter von zehn und acht Jahren mit Scharlach anstecken. Die Folgen der Krankheit isolieren die beiden von anderen Kindern, und auch in ihrer überspannten Familie, bestehend aus der Mutter und zwei älteren Schwestern, sind sie die Außenseiter. Nach dem Tod des Großvaters nimmt ihr Onkel die beiden mit auf dessen Farm in Colorado, wo sie in eine andere Welt eintauchen: Hier gelten die Regeln der Natur und der Männer. Während Ralph nach einer Weile Gefallen an der neuen Umgebung findet und sich anpasst, wird Molly immer neurotischer. Bei der Jagd auf eine Berglöwin geschieht schließlich ein Unglück, das beider Kindheit jäh beendet.

Es braucht eine Weile, bis die Leserin realisiert, dass »Die Berglöwin« eine Coming-of-age-Geschichte ist. Die amerikanische ­Autorin Jean Stafford führt verwirrend detailreich, aber nur scheinbar auf Umwegen in das familiäre Umfeld von Ralph und Molly ein, bevor sie die beiden in den Fokus nimmt und abwechselnd aus der Perspektive des Jungen oder des ­Mädchens erzählt. Ihre ­Erzählweise besticht durch die genauen Schilderungen eigenwilliger Menschen und Landschaften. Staffords Ton ist spöttisch, wenn sie sich mit dem Kampf der Kinder gegen die unglaubwürdigen Erwachsenen verbündet. Und obwohl Ralph und Molly nie sympathisch wirken, berührt die kindliche Verstörung, mit der sie auf das reagieren, was ihnen zustößt.

»Die Berglöwin« ist einer von drei Romanen Jean Staffords (1915–1979). Dass das Buch, 1947 erstmals erschienen, jetzt mit einem Nachwort versehen neu herausgegeben wird, ist eine schöne Gelegenheit für deutschsprachige Leser, die Autorin in einer aktuellen Übersetzung zu entdecken.

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