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Spiritfarer

Entwickler, Publisher: Thunder Lotus / Plattform: PC, PS4, Xbox One, Switch / Preis: 25 €

Wer zu viel über das Loch nachdenkt, der fällt hinein. Das ist auch unser Problem mit dem Tod: Alle sinnvollen Herangehensweisen sind versperrt. Hartnäckig leben wir, und wenn wir über den Tod reden wollen, dann haben wir nichts zu sagen. Die Toten schweigen, noch hartnäckiger. Das Wissen um die Beliebigkeit religiöser Welterklärungen, um die Trostlosigkeit wissenschaftlicher Wahrheit macht die Sache unaussprechlich. Wir meiden den Tod, weil uns die Beschäftigung damit verzweifeln lassen muss.

Wie blöde und unproduktiv diese Einstellung ist, das bringt »Spiritfarer« auf den Punkt. In dem Spiel übernehmen wir als frisch gestorbene Heldin Stella den frei werdenden Posten des Fährmanns über den überraschend großen Fluss der Toten. Stella ist augenscheinlich noch jung, voller Tatendrang, und wird ohne Eingewöhnungszeit in ihren neuen Job geworfen. Charon gibt ein paar letzte Tipps, dann ist er weg. Und für Stella beginnt ihre unwahrscheinliche Reise auf einem total verbauten Hausboot.

Optisch erscheint »Spiritfarer« wie eine goldene, falsche Erinnerung an ein Disney, das es nie gab. Die Inselwelt im Totenmeer ist zweidimensional und dermaßen liebevoll händisch animiert, dass es sich irgendwie analog anfühlt, auf eine nostalgische Art real. Die ansteckend gutgelaunte Stella schippert durch diese Welt und hüpft herum wie in einem Jump’n’Run. Sie lernt früh den Doppelsprung, den sie aber nur gelegentlich für Minispiele zur Ressourcenbeschaffung braucht. »Spiritfarer« steuert sich wie ein Plattformer, aber es ist keiner. Es ist ein Mix aus Management, Crafting und Afterlife-Simulation im Sinne eines »Animal Crossing«: Nicht die Spieler verändern als göttlicher Mauszeiger die Welt, sondern Stella wird gesteuert, wie sie Blitze fängt, angelt, gärtnert, sägt, webt, schwimmt und navigiert. Stella sammelt verlorene Seelen ein, die wie Tiere aussehen.

Jeder Passagier hat noch eine Wunschbehausung, die es auf dem Boot zu bauen, und einen Ort, den es zu besuchen gilt. Und alle haben Lieblingsspeisen, Marotten und Tipps. Jeden Morgen weckt Stella ihre Toten und verbringt einen schönen Tag mit ihnen. Sie bekocht und beheimatet die Reisenden, umarmt sie, plaudert und muss sich dann irgendwann von ihnen verabschieden.

Das fühlt sich relevant an, echt. So sind das Leben und das Sterben im Großen und Ganzen wirklich. Auf eine transzendente Weise ergibt hier alles Sinn. »Spiritfarer« gründet keine neue Religion, es ist auch kein beliebiger Best-of-Mythos-Mix. Aber es ist die bestmögliche Einladung in die Welt der Toten.

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