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Tomas Blum: Wofür wir uns schämen Größeres Bild

Tomas Blum: Wofür wir uns schämen —

Leipzig: Liesmich Verlag 2019. 224 S., 14,95 €

Würde man die Handlung von »Wofür wir uns schämen« lediglich nacherzählen, hätte wohl kaum jemand Lust, das Buch zu lesen. Der Ich-Erzähler um die 40 arbeitet in einer Agentur als Projektleiter. Er lebt allein, ist geschieden, hat keine Kinder. Von seiner rothaarigen Kollegin fühlt er sich auf mysteriöse Weise angezogen. Dass er mit ihr durch ein einschneidendes Kindheitserlebnis verbunden ist, gibt er erst im Lauf der Zeit preis. 

So aufgeschrieben klingt der Plot wahlweise trivial oder effekthascherisch – dass die Geschichte dann aber doch lesenswert ist, liegt an Blums Erzählstil. Der zieht den Leser rein in die Gedankenwelt des Protagonisten, der – man erfährt es erst gegen Ende des Buches – Gregor heißt. Ein bisschen Geduld ist also erforderlich und der Wille, sich auf Gregors subjektiv verengte, assoziativ vorwärts treibende Perspektive einzulassen. Denn natürlich wird die Leserin zu Beginn nur mit sehr bruchstückhaften Informationen über das Kindheitsgeschehen angefüttert, die ganze Geschichte erschließt sich aber erst kurz vor dem Finale.

Die sich langsam enthüllenden Ereignisse berühren wirklich, ebenso wie die Beziehung der beiden, die sich zögerlich und unter zwischenzeitlichen heftigen Abstoßungen entwickelt. Hier werden zwei Menschen, die sich aus innerer Not auf einsame Eisberge gerettet haben, von der Strömung immer wieder aufeinander zugetrieben. Sogar der anfangs etwas anstrengende Stil nimmt nach einer Weile gefangen und Gregor kommt der Leserin unerwartet nahe – obwohl die Nähe zu anderen Menschen genau das ist, wovor er bisher geflüchtet ist.

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