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Dokblog 2013

Beflügelte Bildräume

Die beste animierte Doku wird erstmals bei DOK Leipzig mit einer Taube prämiert

  Beflügelte Bildräume | Die beste animierte Doku wird erstmals bei DOK Leipzig mit einer Taube prämiert

Wie erinnern, wenn die Bilder fehlen? Wie erhellt man das Gedächtnis, illustriert man Vergangenes ohne entsprechendes Material? Man kreiert grafischen Ersatz. Und dass der oft sogar Mehr-Wert für die Erinnerung schafft, zeigen einige Nominierte für die Animadok-Taube.

Die animierte Doku hat längst die Nische verlassen und wird weithin anerkannt. Erinnert sei nur an den Oscar-nominierten Film »Waltz with Bashir« über den ersten Libanonkrieg. Kann man zum Beispiel Zeugen zu ihrer eigenen Sicherheit nicht zeigen, bieten sich artifizielle Bilder für Interviews oder Reportagen an. Aber auch gegenüber dem Mangel an Visualität, der dem Dokumentarfilm oft die Bilder nimmt, kann die Animation andere Darstellungsarten schaffen. Zudem gelingt es der Animation, Erinnerungsräume auszugestalten, denen sonst die Bilder fehlen würden.

Der dokumentarische Animationsfilm ist seit 1996 fester Bestandteil des DOK Leipzig, dem hier eine Vorreiterrolle zukommt. Zwar haben auch andere Filmfestivals immer mal wieder solche Filme im Programm, aber DOK hat sie zur jährlichen eigenständigen Programmkategorie gemacht. Als Zwei-Sparten-Festival boten sich dem DOK gute Bedingungen, um das recht neue filmische Subgenre zu beleuchten. Damals hatten weder die deutsche Filmwissenschaft, noch Kritiker einen Begriff vom animierten Dokumentarfilm. So ist es konsequent, dass das DOK als weltweit erstes Festival überhaupt einen Hauptpreis für den besten animierten Dokumentarfilm einführt. Alle preisverdächtigen Filme können an dieser Stelle nicht vorgestellt werden, einige werden später im Blog besprochen, zwei sollen hier stellvertretend zeigen, wie man mit animierten Bildern Erinnerungsräume beflügelt.

Sehr persönlich geht es in »Casa« (Daniela De Felice, Frankreich, Wettbewerb für junges Kino) zu, der die Geschichte eines Haus und die Erinnerungen daran erzählt. Verschwommen wie aus dem Gedächtnis sind die Bilder gehalten, die in ihrer eher starren sequenziellen Abfolge einem Comic gleichen. So ziehen die einzelnen Panels vorbei, eine Frauenstimme führt von Bildrahmen zu Bildrahmen. Während man sich hineinziehen lässt in den poetischen Skizzenreigen von ausgewaschenen Tuschezeichnungen, bricht dieser ab – und man merkt, dass dies nur der Vorspann war. Nachdem man das Haus vom Keller bis zum Dach durchforstet hat, tauchen diese Bilder wieder als Narrativ des Vergangenen auf und ergänzen die realen Szenen zum hübschen Kopfkino.

CASA de Daniela De Felice / Bande annonce from novanima on Vimeo.

Von der Waffe der Solidarität berichtet »Nae Pasaran« (Felipe Bustos Sierra, Großbritannien, Internationales Programm Dokumentarfilm). Schottische Arbeiter liefern ein schönes Beispiel für die Internationale, als es sie noch gab. Kurz nach Pinochets Putsch in Chile schickt das Militärregime Kampfflugzeuge zur Wartung nach Schottland, ins Rolls-Royce-Werk nach East Kilbride. Das sollten sie auf Jahre nicht mehr verlassen – die Arbeiter verweigerten nicht nur die Arbeit, sondern auch die Herausgabe an Kriegsflugzeug-Antreiber. Mit historischen Bildern und zurückhaltenden Animationen, wo die Aufnahmen fehlen, wird ihre Geschichte vom kleinen Aufstand gegen den großen Diktator vermittelt. Wie die Runde der mittlerweile alt gewordenen Arbeiter in ihren Gesprächen um die Erinnerung an die Tat kreist, so tauchen die Animationen als Ansichten der Fabrik, Containerlagerplätzen und schließlich jenes LKW auf, der Teil eines mutmaßlichen Geheimdiensteinsatzes ist. So entsteht ein einnehmender Film über die Machbarkeit von Geschichte – und deren Darstellbarkeit.

Nae Pasaran Trailer from Debasers Filums on Vimeo.

Anmerkung: Für die Animadok-Taube sind neben den im Text genannten Filmen auch »It's Up To You« (Kajsa Næss, Norwegen, Animadok), »Eugenic Minds« (Pavel Štingl, Tschechische Republik, Slowakei, Internationales Programm Dokumentarfilm), »Emergency Calls« (Hannes Vartiainen, Pekka Veikkolainen, Finnland, Internationaler Wettbewerb für kurze Dokumentarfilme), »Marcel, King Of Tervuren« (Tom Schroeder, USA, Internationaler Wettbewerb Animationsfilm) nominiert.

> »Casa«: Do 31.10., 22.30 Uhr, Fr 1.11., 11 Uhr CineStar 6

> »Nae Pasaran«: Mi 30.10., 11 Uhr Passage Kinos Wintergarten, Do 31.10., 20 Uhr Cinémathèque in der naTo


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