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Dokblog 2013

Aufruhr, Widerstand!

Es gibt kein ruhiges Hinterland. Ob in Italien, Brasilien, der arabischen Welt: Filme zeigen den Menschen in der Revolte

  Aufruhr, Widerstand! | Es gibt kein ruhiges Hinterland. Ob in Italien, Brasilien, der arabischen Welt: Filme zeigen den Menschen in der Revolte

Für Karl Marx war die Revolution der Motor, korrekter: die Lokomotive der Geschichte. Der libertäre Gustav Landauer brachte sie auf folgende Formel: Die Revolution sei der Weg von »einer relativen Stabilität über Chaos und Aufruhr, Individualismus (Heroismus und Bestialität, Einsamkeit des Großen und armselige Verlassenheit des Massenatoms) zu einer anderen relativen Stabilität.« Wie aber formt sich solcher Aufruhr, wie finden die revolutionären Massen zusammen und tropft das Utopische in den Wirklichkeitsraum? Der thematische Schwerpunkt »Revolution und (Volks-)Aufstand« präsentiert Innenansichten weltbewegender und die Politik erschütternder Ereignisse.

Es ist nicht überraschend und ganz im Gegenteil völlig richtig, dass sich viele Filme mit den revolutionären Umwälzungen in der arabischen Welt auseinandersetzen. Waren doch viele im »Westen« geplättet, wenigstens medial so nah an Ereignissen zu sein, die sie nur aus den Geschichtsbüchern kennen. Richtig nah dran sind einige Dokumentarfilme. Als eine Art Vorspiel lässt sich »Min stulna revolution« (»My Stolen Revolution«, Nahid Persson Sarvestani, Norwegen, Internationales Programm Dokumentarfilm) begreifen. 30 Jahre nachdem sie in iranischen Gefängnissen gefoltert wurden, treffen ehemalige Freundinnen wieder aufeinander. Ein sehr persönlicher Film, in dem doch die Grauen der Vergangenheit deutlich werden – als Spiegel gegenwärtiger Ereignisse. Wie es ihr inmitten des syrischen Bürgerkriegs geht, wie sie Leben organisiert, zeigt eine junge Frau in ihrem Videotagebuch. Es sind intime Einsichten, fast klaustrophobisch, wie sich die Gefangenschaft in der eigenen Wohnung hier gestaltet.

Ägypten vor und nach dem Umsturz haben zwei Filme zum Thema: Die Veränderungen im Gesundheitssystem schildert ein Dialog auf und am Rand des Nils – »Mohammad sauvé des eaux« (»Mohammad Saved From The Waters«, Safaa Fathy, Frankreich, Internationales Programm Dokumentarfilm) – und besticht durch seine besondere, ruhige, ja: besonnene Darstellungsart. Den medialen Komplex umkreist »Crop« (Johanna Domke & Marouan Omara, Ägypten, Wettbewerb für junges Kino). Machtstrukturen werden anhand von Gebäuden und Inneneinrichtungen, Gängen, Konferenzzimmern und räumlich geschlossenen Systemen ersichtlich. Den Einsatz der Kunst im Auftrag der Revolution schließlich gibt der fantastische Film »Art War« (Marco Wilms, Deutschland, Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm) am ägyptischen Beispiel wieder, der im DOK-Blog noch gesondert besprochen wird. Einem Jahr des Kampfes in Libyen ist die als Tagebuch angelegte Doku »Dagbok fra revolusjonen« (»Diary From The Revolution«, Norwegen, Internationales Programm Dokumentarfilm) gewidmet. Filmemacher Nizam Najar besucht seine ehemalige Heimat, weil er es nicht aushält, in der Ferne sicher zu leben, während sich seine Freunde gegen Gaddafi auflehnen. Er sammelt subjektive Einsichten, und diese Erfahrungen zu teilen, ist die Stärke des Films.

Angesichts der aktuellen Ereignisse gerät länger Vergangenes mitunter in Vergessenheit. Sie mögen in diesem Jahr etwas randständiger auf der DOK sein als in anderen Jahren. Aber es gibt sie, die Filme, die aus anderen Regionen und Zeiten von den Menschen in der Revolte berichten. Es werden die Occupy-Bewegung in London (»Grasp The Nettle«, Dean Puckett, Großbritannien, Internationales Programm Dokumentarfilm) oder der verlorene politische Kampf der Linken in Brasilien (»Diário de uma busca«/»Diary, Letters, Revolutions«, Flavia Castro, Brasilien, Sonderprogramm Brasilien) gezeigt. Von der »Reise zum sichersten Ort der Erde«, der Suche nach einer Endlagerstelle für Atommüll, und einem zähen Kampf italienischer Arbeiter um ihren Betrieb (»On The Art Of War«, Internationales Programm Dokumentarfilm) wird im DOK-Blog noch zu berichten sein.

Anmerkung: In der thematischen Auswahl 2013 »Revolutionen und (Volks-)Aufstand« laufen auch noch die Filme »Everyday Everyday« (Reem Karssli, Syrien, Internationaler Wettbewerb für kurzen Dokumentarfilm), »Nae Pasaran« (Felipe Bustos Sierra, Großbritannien, Internationales Programm Dokumentarfilm) und »Rio 2096: A Story Of Love And Fury« (Luiz Bolognesi, Brasilien, Sonderprogramm Brasilien).

> »My Stolen Revolution«:  Mi 30.10., 21.30 Uhr Passage Kinos Universum, Do 31.10., 20 Uhr Passage Kinos Wintergarten

> »Mohammad Saved From The Waters«: Di 29.10., 17 Uhr Passage Kinos Filmeck, Do 31.10., 17.30 Uhr Cinémathèque in der naTo

> »Crop«:  Mi 30.10., 22.30 Uhr CineStar 6, Fr 1.11., 13.30 Uhr CineStar 4

> »Art War«: Di 29.10., 19 Uhr CineStar 4, Mi 30.10., 17 Uhr Schaubühne Lindenfels, Sa 2.11., 11.30 Uhr CineStar 6, So 3.11., 11 Uhr JSA Regis-Breitingen

> »Diary From The Revolution«:  Do 31.10., 20 Uhr Passage Kinos Filmeck, Sa 2.11., 14 Uhr CineStar 5

> »Grasp The Nettle«: Do 31.10., 13.30 Uhr Passage Kinos Universum, Sa 2.11., 20 Uhr Cinémathèque in der naTo

> »Diary, Letters, Revolutions«:  Fr 1.11., 10.30 Uhr, Sa 2.11., 17.30 Uhr Cinémathèque in der naTo

> »Reise zum sichersten Ort der Erde«: Mi 30.10., 19 Uhr CineStar 5, Fr 1.11., 18.15 Uhr JSA Regis-Breitingen, Fr 1.11., 20 Uhr Cinémathèque in der naTo

> »On The Art Of War«: Mi 30.10., 11 Uhr Passage Kinos Wintergarten, Do 31.10., 20 Uhr Cinémathèque in der naTo


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