anzeige
Dokblog 2013

Mit Zuviel gegen den Überfluss?

Die Gesellschaft des Spektakels kritisiert man am besten mit einem Spektakel – lernen wir aus der Promo-Aktion von »My Stuff«

  Mit Zuviel gegen den Überfluss? | Die Gesellschaft des Spektakels kritisiert man am besten mit einem Spektakel – lernen wir aus der Promo-Aktion von »My Stuff«

»Igitt!«, schreit eine geschätzt Zwölfjährige. »Das ist eklig.« »Nackt und barfuß, also nee«, meint eine ältere Frau lachend zu ihrem Mobilphone-Gesprächspartner. Eine Jüngere kommentiert: »Der ist ja gar nicht ganz nackt.« Einige Männer halten mit der Handykamera drauf, als sich der Flitzer durch die Fußgängerzone schiebt. Flankiert wird der Fastnackte mit der Papiermaske vorm Gesicht, der sich am Dienstagnachmittag vom Augustusplatz aus über die Grimmaische Straße bis zum Bildermuseum seinen Weg sucht, von zwei menschlichen Flyer-Spendern. Die Doku »My Stuff« soll beworben werden – auch wenn die Vorstellung um die Uhrzeit bereits ausverkauft ist. Vielleicht ist ja am Samstag noch was zu machen?

Mit einem »Event in Leipzig« wurde der konsumkritische Film beworben, in dem der Regisseur Petri Luukkainen via Selbstexperiment das Glück der Genügsamkeit erfährt. Er schließt sein Hab und Gut weg und darf sich ein Jahr lang jeden Tag nur einen Gegenstand zurückholen. Er startet nackt – das führte wohl zu der Schnapsidee, eben jemanden (fast) hüllenlos durch die City zu schicken. »Das kannst du schon so machen …«, mag man über den harmlosen Spaß denken. Immerhin lockte ja noch ein »My Stuff«-Container auf dem Augustusplatz, wo es mehr zu erfahren geben sollte. Denkste. Da stand also ein gemieteter Cargo-Container mit einem Werbebanner verhangen verloren vor der Oper herum. Auf einem Tablet durfte man sich den Filmtrailer anschauen – das war’s. Auf der Pressekonferenz zuvor spielte noch ein Saxofonist und der Regisseur sprach ein paar Minuten – und jemand trat nackt auf.

Widerspruch als Werbegag? So bewirbt man also einen Film, der die sinnfreie Konsum- und Eventkultur aufs Korn nimmt. Die Paradoxie als Propaganda-Style kennt man ja: »Krieg dem Krieg!«, lautet ein alt-linker Demospruch. »Wir verachten die Gewalt – und bekämpfen sie«, singen Die Skeptiker in »Straßenkampf«. Und wollte nicht einst so eine gelbsüchtige Kleinpartei mehr »Brutto vom Netto«? Aber die »My Stuff«-Sache wirkt irgendwie armselig in ihrer Hemdsärmeligkeit. Vielleicht liegt auch hierin der Clou. Der Regisseur kommentierte den Auftritt des Nackten dann noch mit »Mann, ist mir das peinlich!« – um dann seine Kamerafrau anzuweisen, ja draufzuhalten. Auch Events – und seien sie selbstinszeniert – müssen dokumentiert werden.


Kommentieren


0 Kommentar(e)