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Dokblog 2013

»Einen Orden für Menschlichkeit kann man Wagner nicht nachwerfen«

Wagner für Dummies? – Zeichner Schwarwel verpackt das Komponistenleben in einen animierten Kurzfilm. Ein Studiobesuch

  »Einen Orden für Menschlichkeit kann man Wagner nicht nachwerfen« | Wagner für Dummies? – Zeichner Schwarwel verpackt das Komponistenleben in einen animierten Kurzfilm. Ein Studiobesuch

Wagner winkt. Wie ein Superheld lächelt er das Publikum erhaben von oben hinabblickend an und träumt von tausend Musen. Dann platzt die süße Blase. Blitze zucken und das Geschehen, das da heißt: »Richard – Im Walkürenritt durch Wagners Leben«, nimmt psychedelische Züge an. Richard Wagner hätte diese Komposition des Leipziger Comiczeichners Schwarwel gewiss gefallen. Denn dieser hat das Komponistenleben fantasievoll und vieltönend in Szene gesetzt. Der siebenminütige, im semirealistischen Zeichenstil gehaltene Kurzfilm ist dabei mehr als Wagner für Dummies. Wobei auch das nicht das Schlimmste wäre, glaubt man Schwarwel: »Wenn die Leute so mit Wagners Musik in Berührung kommen, dann ist es doch gut.« Er habe ja auch über Stanley Kubricks »A Clockwork Orange« Beethoven und »2001: A Space Odyssey« Johann Strauss und Richard Strauss schätzen gelernt.

Seine Premiere hatte die Kreuzung aus Hoch- und Popularkultur im Rahmen der Leipziger Richard-Wagner-Festtage Ende Mai. Noch ist einiges zu tun, als wir den Zeichner Mitte Mai im Studio besuchen, das in der Leipziger Kulturfabrik Werk 2 ansässig ist. Und doch nimmt er sich die Zeit, durch sein Reich – das Glücklicher Montag Studio – zu führen und vom Wagner-Vorhaben zu berichten. Wenn Schwarwel nicht gerade solche künstlerischen Wagnisse eingeht, entstehen hier Cartoons für Zeitungen, Designs und Grafiken für Poster und Werbung sowie Animationen. So hängt das Plakat für das Karl-Marx-Musical Tobias Künzels an der Wand, das ab November in Chemnitz zu sehen ist – Schwarwel hat es kreiert.

Es war keine Schnapsidee, die zum Film führte. Schwarwel näherte sich bereits 2008 in der Cartoon-Ausstellung »Wagner für Doofe« dem Phänomen Richard Wagner. Im Ankündigungstext wird bereits die ganze Komplexität sichtbar: »Nicht zu kurz kommen dabei natürlich dicke Frauen, Tristan und Isolde, das Schmuckgeschäft im Frühmittelalter, Mord und Totschlag, Inzest in Bayreuth, der Knilch mit dem Oberlippenbärtchen, Surfen mit dem Vietcong, Wartburg, Rhein, Triumph, Wahnsinn sowie wallende Nebel und Gewänder.« Der Film sei ein Weiterspinnen der Idee, so Schwarwel. Thomas Meitsch, dieser bürgerliche Name verbirgt sich hinter dem Pseudonym, wirkt leicht unter Strom, erklärt aber geduldig, wie aus dem schwarz-weißen Storyboard, das ringsum die Wand im Studio wie ein Fresko schmückt, der Film wird. Zwei Mitarbeiter sitzen an Rechnern, übernehmen die farbige Ausgestaltung der Einzeleinstellungen und ihre Animation, damit sie zu bunt-bewegten Bildern werden. Wie Wagners Träume zerstäuben und sich dann ein Fabelwesen herniedersenkt, ist zu sehen.

Wagner in Leipzig? »Ich glaube schon, dass die Zeit in Leipzig für Wagner prägend gewesen ist«, meint Schwarwel. »Und wenn es nur an der Schule war, zu erfahren, dass Schule eben nicht sein Ding ist.« Lachend schiebt der gebürtige Leipziger Jahrgang 1968 hinterher: »Ich hoffe ja auf eine ähnliche Vita, ein Abi habe ich ja nicht.« Seit 1987 zeichnet der zu DDR-Zeiten als Dachdecker und in den Theaterwerkstätten Arbeitende seine Schweinevogel-Comic-Strips. Das ist ein wilder Typ, der mit seinen Freunden die Welt kommentiert und seit Langem aus der Stadt nicht mehr wegzudenken ist. Seit der Nachwendezeit verdient Schwarwel sein Geld als Grafiker. Bis 2011 war er Art Director der Band Die Ärzte, mit deren Schlagzeuger er auch einen Comic-Verlag betrieb. Schwarwel, so kann man sagen, hat sein Leben der (Gebrauchs-)Kunst gewidmet, wie Wagner. Wobei der Zeichner weitaus sympathischer herüberkommt als der Komponist, den viele Zeitgenossen zumindest nicht als Kumpeltyp in Erinnerung hatten. »Einen Orden für Menschlichkeit kann man Wagner nicht nachwerfen«, witzelt der Grafiker. Den Zeitplan wird er einhalten, ist er sich sicher. Er weiß nur noch nicht, wie viel Schlaf ihn das kosten wird in den nächsten Wochen. Wie begegnet er dem Stress?

»Unter Hochdruck hilft nur Slayer«, lobt Schwarwel das schnelle Getöse der US-Metalkombo, die ihm bei der Fertigstellung des Streifens unterstützend unter die Arme greift. Sonst darf es auf der Arbeit wie privat auch gern mal Mozart oder Beethoven sein. Auf Wagner steht der Zeichner gar nicht so, da besteht also eher ein professionelles Verhältnis. Das merkt man dem Film nicht an. Mit Witz und Schwung ist im Studio ein kleines Lebensbild des großen Komponisten entstanden, der auch gut geerdet wird. »Ein bisschen überzeichnet ist es schon«, gibt Schwarwel zu, der mit dem Kurzfilm »Herr Alptraum« im vergangenen Jahr mehrere Preise absahnte. »Aber es ist auch ein Comic, keine Doku.« Die künstlerische Freiheit bekommt dem Hochkulturthema sehr gut. Aber warum ist der Film genau sieben Minuten lang? »Die Version vom Walkürenritt ist einfach nicht länger. Das eigentliche Stück hat ja mit drei Minuten und ein paar Zerquetschten eine richtige Popmusiklänge, die von uns verwendete Interpretation hat noch einen schönen Mittelteil.« So, wie Wagner also gewissermaßen das Theater auf die Musik reduziert hat, beginnt auch Schwarwel bei der Musik als Basis.

Die im Film verwendete musikalische Neudeutung stammt von der Band Speedmöik und oszilliert zwischen experimentellem Jazz und tonangebendem Metal. An ihr als dramaturgischem Band hangelt sich die Story entlang. »Anfangs war es eine Aneinanderreihung, ein Heruntererzählen der Biografie. Jetzt ist es trotz der Kürze ein richtiger Spielfilm geworden, mit wechselnden Spannungspunkten et cetera.« Und dieser sei »am Tode festgemacht«, also in der Rückschau aus von Wagners Tod in Venedig erzählt, so Schwarwel. Zur bereits beschriebenen, absolut groovigen Gitarrenversion vom »Walkürenritt« findet sich Wagner nach einem Streit mit holder Weiblichkeit plötzlich inmitten von Mythen wieder und ist zwischen germanischen Göttern und Jesus Christus hin und her gerissen. Weggefährten wie Nietzsche ziehen vorbei, bevor er als kleiner Bub in die napoleonischen Kriege zurückversetzt wird – er wurde ja kurz vor der Völkerschlacht zu Leipzig ebendort geboren. Als Fliegender Holländer, Revolutionär und Chauvinist tanzt er durch die kurzen Sequenzen und blickt als umkränzter Popstar von Bayreuth auf sein bühnenreifes Leben zurück – bevor die Götterdämmerung in Form eines feueratmenden Drachens Wagners Welt überrollt. Und ab.

Richard – Im Walkürenritt durch Wagners Leben:1.11.,16.10, Passage Kinos Astoria


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