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Dokblog 2013

»Es gibt eine spezielle Anziehung zwischen Israelis und Deutschen«

Bereits in ihrem ersten Dokumentarfilm »Erzählungen vom Verlorenen« (»Toldot Ha’Menutzachim«, 2009) begab sich die israelische Filmemacherin Yael Reuveny auf die Suche nach dem im Holocaust verloren gegangenen Bruder ihrer Großmutter.

  »Es gibt eine spezielle Anziehung zwischen Israelis und Deutschen« | Bereits in ihrem ersten Dokumentarfilm »Erzählungen vom Verlorenen« (»Toldot Ha’Menutzachim«, 2009) begab sich die israelische Filmemacherin Yael Reuveny auf die Suche nach dem im Holocaust verloren gegangenen Bruder ihrer Großmutter.

In ihrem ersten Langfilm »Schnee von gestern« (»Farewell, Herr Schwarz«), der im Deutschen Wettbewerb von DOK Leipzig gestern seine Deutschlandpremiere feierte, hat sie das Thema erneut aufgegriffen. Reuveny lebt wie viele Israelis ihrer Generation seit mehreren Jahren in Berlin. In »Schnee von gestern« zeigt sie, wie Familiengeschichten mehrere Generationen vereinnahmen und sucht eindrucksvoll nach einem Weg, das Geschehene hinter sich zu lassen.

kreuzer: 1995 habt ihr das erste Mal von eurer Verwandtschaft in Deutschland gehört. Allerdings habt ihr euch erst sehr viel später damit auseinandergesetzt. Warum?

YAEL REUVENY: Wir haben uns erst richtig damit auseinandergesetzt, nachdem meine Großmutter gestorben ist. Vielleicht musste sie erst sterben, damit wir frei mit dem Thema umgehen können. Es war meine Mutter, die immer wieder nachhakte und meinte, als ich bereits an der Filmhochschule war, warum ich keinen Film über die Familie in Cottbus mache. Viele Jahre lang war meine Antwort immer: >Da gibt es für mich keinen Film, damit will ich mich nicht beschäftigen.< Erst als ich 2006 nach Berlin gezogen bin, habe ich realisiert, dass ich daraus einen Film machen muss. Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde. Viele von den Charakteren in dem Film habe ich nicht gekannt, bevor ich anfing zu filmen. Ich war vorher zum Beispiel noch nie in Schlieben. Ich wusste nicht, dass der Ort an dem der Bruder meiner Oma lebte, auch der Ort seiner Gefangenschaft war.

kreuzer: Gerade der erste Teil deines Films schaut sich wie ein Krimi. Die Suche nach dem Großvater, der im Holocaust verschollen ist. Als Zuschauer will man unbedingt gemeinsam mit dir eine Antwort finden...

REUVENY: Ja, aber man findet sie nicht. Die Frage >Was ist passiert?<, die mich anfänglich beschäftigt hat, war letzten Endes die, die mich am wenigsten interessiert hat. Warum sie sich nicht getroffen haben, werden wir nie herausfinden. Es wurde für mich viel wichtiger herauszufinden, wie beide Seiten der Familie von diesem Treffen, das nie stattgefunden hat, beeinflusst werden.

kreuzer: In Tel Aviv gibt es schon seit einiger Zeit diesen Berlin-Hype. Viele junge Israelis zieht es hier her. Aber auch junge Deutsche sind von Israel fasziniert. Woran liegt das?

REUVENY: Es gibt eine ganz spezielle Anziehung zwischen Israelis und Deutschen. Sie haben etwas sehr starkes gemeinsam. Einerseits gibt es dieses sehr hippe Aufeinandertreffen, was sehr oberflächlich sein kann. Andererseits ist da das Wissen um die gemeinsame Geschichte, dass dem Ganzen Tiefe verleiht. Es findet zwar alles in der Gegenwart statt, aber die Vergangenheit hallt wie ein Echo nach. Viele Deutsche finden Israel sehr offen. Andersherum fühlen sich Israelis unwohl, wenn sie nach Deutschland kommen. Für viele ist es unangenehmer Deutsche in Deutschland zu treffen als in Israel.

kreuzer: Wie waren denn deine Erfahrungen? Du lebst seit einigen Jahren in Deutschland...

REUVENY: Das erste Jahr war schrecklich. Ich habe furchtbare Witze darüber gemacht. Ich habe jeden hier in Verlegenheit gebracht, weil ich es nicht verstanden habe. Es ist eine sehr inspirierende, aber auch sehr verwirrende Begegnung, wenn Israelis in Deutschland ankommen. Ich habe viele Phasen durchgemacht und entdecke das auch in Menschen um mich herum immer wieder. Man fragt sich selbst: >Was will ich von dir?< Will ich, dass du dich entschuldigst? Will ich die Geschichte deines Großvaters hören? Will ich mit dir zusammen Witze darüber machen? Will ich bei jeder älteren Person anfangen zu grübeln? Das will ich alles nicht. Aber was will ich dann?

kreuzer: Wenn man in Israel ist, ist es nichts ungewöhnliches, solche Witze zu hören...

REUVENY: Man muss aber verstehen, dass es etwas komplett anderes ist, wenn man diese Witze hier in Deutschland erzählt. Die Deutschen sind in einer verzwickten Position. Darum beneide ich sie nicht. Im Jahre 2013 ist es irgendwie einfacher an meiner Stelle zu sein. Aber ich habe Zeit gebraucht, um das zu erkennen, also habe ich diese Witze erzählt. Auch weil ich das Gefühl hatte, ich habe das Recht dazu, ein gewisses Unbehagen bei den Menschen um mich herum zu erzeugen. Wenn ich jetzt mitbekomme, dass Israelis das machen, verdrehe ich oft die Augen. Etwa wenn man hier Wasser mit Gas bestellt und jemand sagt >In Deutschland kommt wohl alles mit Gas<, denke ich, es ist nur Wasser, trink es doch einfach! Ich musste damit erst irgendwie klarkommen und selbst erwachsener werden.

kreuzer: Glaubst du, dass sich deine Familie mit dem Thema anders auseinander gesetzt hat, weil eine Kamera anwesend war?

REUVENY: Ja. Eine Kamera ist manchmal wie ein Röntgengerät. Leute kommen auf mich zu und sagen >Wow, wir haben nie solche tiefgründigen Gespräche in unserer Familie.< Aber die haben wir auch nicht. Wenn du eine Kamera irgendwo hinstellst, hast du eher das Recht Fragen zu stellen. Fragen, wie >Mama, hat deine Mutter dich geliebt?<, die man nicht am Abendbrottisch stellen würde. Es ist also kein Film, in dem die Kamera wie eine Fliege an der Wand ist. Sie nimmt eine zentrale Rolle ein. Der Film ist ja auch eine Reise, die ich als Filmemacherin gemacht habe. Ich glaube nicht, dass ich ohne die Kamera so weit gegangen wäre. Die Kamera hat die Realität meiner Familie auf jeden Fall verändert.

kreuzer: Der Film wurde bereits in Israel gezeigt. Wie waren die Reaktionen dort und was erwartest du vom Leipziger Publikum?

REUVENY: In Israel haben die Leute sehr positiv, sehr emotional reagiert, besonders die Generation meiner Eltern. Ich habe viele Mails und Kommentare auf Facebook erhalten. Viele wollen mir auch ihre Geschichte erzählen. Es verändert viele. Aber hier in Deutschland? Wir werden sehen wie der Film hier ankommt, aber ich bin ziemlich aufgeregt.

INTERVIEW: KATHARINA TRESS

> Fr 1.11., 16.15 Uhr CineStar 4, Sa 2.11., 22.30 Uhr CineStar 6


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