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Dokblog 2014

Ideologie, Kollektiv, Individuum

Der Länderfokus (Ex-)Jugoslawien ist ein vielfältiges Prisma

  Ideologie, Kollektiv, Individuum | Der Länderfokus (Ex-)Jugoslawien ist ein vielfältiges Prisma

Dick und doof schleudern sich gegenseitig Steine entgegen. Beide neandertalesken Humanoiden haben sich am Ende der letzten Eiszeit in Zentralbosnien aus je einem Eisberg geschält und jeweils einen imposanten Sonnentempel errichtet. Aber ihre Sonnensymbole unterscheiden sich, darum gibt es nun einen Krieg, der die Tempel bis auf die Grundmauern schleift. Nachdem sich die beiden sprichwörtlich in die Steinzeit zurückgebombt und ihre Leben gelassen haben, geht die Sonne unter und ohne die beiden Streithähne wieder auf. An »Ice Age« geschult, birgt »Tolerantia« (2008, R: Ivan Ramadan) eine unmissverständliche Botschaft: Nie wieder Krieg! Die Kurzanimation ist Teil des DOK-Länderfokus (Ex-)Jugoslawien.

Im Jahr 2014 einen Jugoslawien-Schwerpunkt zu machen, wäre vielen eingefallen. Und dann hätte es Filme zu Gavrilo Princip und Franz Ferdinand gegeben, über den vermeintlichen Schmelztiegel Balkan und Flächenbrand Erster Weltkrieg und wie das bis in heutigen südosteuropäischen Konflikten, Deutungen und Selbstbeschreibungen fortwirkt. DOK Leipzig aber folgt einem ganz anderen Weg mit dem Länderfokus (Ex-)Jugoslawien. Er beschäftigt sich mit der Genese des Staates sowie der Lage nach dessen Zerfall und versammelt dafür Dokus mit verschiedenen Zugängen. Animiert wie »Tolerantia«, befragt auch »Wanted« (2013, Jure Dolenc) die Gewalt in der Gesellschaft, aber auf sehr eigene und sehr schwarzhumorige Art und Weise. In einer matriarchalen Westernwelt – Männer sind Prostituierte, Freiwild und ziehen die Kinder auf – zanken sich zwei Frauen um Ehre und Saloon, die sich als Kinder mal gedemütigt haben. Die Groteske endet in sinnloser Rache-Rage.

Auch die Dokumentarfilme sprechen mit starker Sprache. Einfach anrührend ist der Kurzfilm »Screens«, der die persönliche und kollektive Trauer um die Ermordeten im Massaker von Srebrenica abbildet. Schirme und Tücher, die vor der Hitze, aber auch vom Blick der anderen abschirmen, erklären den Filmtitel. Ihre Trauer um ihre zwei verstorbenen Kinder verarbeitet oder tröstet Sena Mujanovic – dokumentiert in »Her Cinemas love« (2011, David-Jan Bronsgeest & Nejra Hulusic) –, indem sie ein altes Kino als Bar und sozialen Ort weiterbetreibt. Es ist das älteste Lichttheater Sarajevos, war als einziges auch während des Krieges als kleiner Trost und Treff offen. Senas Liebe zu dem Ort wie zum Kino kommt besonders zum Ausdruck, wenn sie – auf ein Plakat mit ihm hinweisend – Charlie Chaplin als ihren Bodygard nennt.

Warum wundert man sich über die wiederkehrende Gewalt, wenn man nicht über die Allgegenwart ihrer Repräsentanten in den Kinderzimmern staunt, fragt »Real Man’s Film« (2012, Nebojsa Slijepcevic). Er spürt Waffen im Alltag am Beispiel von Spielzeugwaffen nach, dokumentiert auf einem Wochenmarkt deren Faszination auf Jungen wie Mädchen, zeigt freudestrahlende, mit Plastik-Kriegsgerät posierende Kinder. Ein Junge mit weißem MG in der Hand etwa lacht in die Kamera – sein T-Shirt-Aufdruck »Life is so hard«. Dazu kommen wirkliche Schussgeräusche aus dem Off, es bricht somit die Realität ins scheinbar harmlose Kinderspiel – eine starke Wirkung. Erschütternd ist das Schicksal der sogenannten »Gelöschten«. Rund 20.000 Menschen löschte Slowenien im Februar 1992 nach der Unabhängigkeitserklärung aus seinen Akten – weil sie irgendwie serbischstämmig waren. Plötzlich waren sie keine Staatsbürger mehr, auf dem Papier nicht mehr existent. »Long Vacation« (2012, Damjan Kozole) gibt drei von ihnen exemplarisch ein Gesicht, verfolgt ihre Geschichten. Zum Beispiel der 13-jährige Alex, der nach Serbien in den Urlaub fuhr und für Jahre nicht mehr zurückkehren durfte. Manche Filme schlagen Bögen in die Vergangenheit, andere kommen direkt dorther.

»The Special Trains« (1972, Krsto Papić) zeigt die Reise von jugoslawischen »Gastarbeitern« nach München, wo sie zu Nummern entindividualisiert in einer Wartehalle landen. Zuvor waren sie von einem deutschen leitenden Arzt in ihrer Heimat geprüft worden: »Im Allgemeinen sagt man, dass die jugoslawischen Arbeiter sich sehr schnell anpassen.« Man sei mit »ihrer Qualität« »sehr zufrieden«...

In »Ustanak u Jasku« (»Aufstand in Jaska«, 1972, Želimir Žilnik) erinnern sich die Bewohner eines Dorfes an die Gründung der Partisanenbewegung, die immerhin den Grundstein für so etwas wie eine gemeinsame jugoslawische Idee bildet. Daran schließt »Yugoslavia. How Ideology Moved our Collective Body« (2013) an und ist in der Hinsicht, wie sich am Beispiel Jugoslawien kollektives Bewusstsein formt, der interessanteste Film. Anhand von Originalaufnahmen von 1945 bis 2000 untersucht Marta Popivoda, wie sich der Nationalstaat repräsentiert und wie sich nach dem Zerfall des Bundes Einzelideologien an diese Stelle setzen. Sie zeigt Demonstrationen und Menschenaufläufe, lässt Bewegungschöre zu Staatsfeiern und anderen offiziellen Inszenierungen einlaufen und diskutiert, wie Massenchoreografien auf den Einzelnen einwirken können.

Popivoda unterlegt die Szenen mit subjektiven Überlegungen und persönlichen Erinnerungen, die keine Allgemeingültigkeit beanspruchen, aber in ihrer Dekonstruktion des Kollektiv-Konstrukts spannende Denkanstöße auch über diesen Länderfokus hinaus geben.


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