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Dokblog 2014

Tagestipps für Dienstag // 28.10.

Unsere Empfehlungen: »The Term« / »T’s World: The Over-identification of Terry Thompson« /Animalisches / »Spartacus und Cassandra« / »Jedes Bild ist ein leeres Bild«

  Tagestipps für Dienstag // 28.10. | Unsere Empfehlungen: »The Term« / »T’s World: The Over-identification of Terry Thompson« /Animalisches / »Spartacus und Cassandra« / »Jedes Bild ist ein leeres Bild«

Macht und Ohnmacht: »The Term«

Mitunter ist das Dagegen-Sein die einzige Gemeinsamkeit, die eine Gruppe Menschen verbindet. Auch auf die russische Opposition trifft das zu: Sie eint die Kritik an Präsident Wladimir Putin und der Wunsch nach seiner Abwahl – mehr nicht. Gut, manchmal werden pragmatische Bündnisse auf der Straße getroffen, meist aber agiert jede Gruppe für sich und man hat auch jeweils eigene Interessen.

Mit »The Term« haben die Regisseure Pavel Kostomarov, Aleksandr Rastorguev und Aleksej Pivovarov den breiten Fächer der Anti-Putin-Opposition aufgespannt und zeigen deren Unterschiedlichkeit. Da beschwören Nazis mit Hitler-Gruß und »Sieg Heil«-Gebrüll (»Sieg Oi!«) nach Anders Breivik – und machen Jagd auf »Nichtrussen«. Mal verzettelt man sich auf einer gemeinsamen Demo und läuft dort getrennte Wege oder muss sich gemeinsam von der Polizei verprügeln lassen. Unterschiedliche Köpfe kommen so in den Blick, von denen das russische It-Girl Kseniya Sobchak besonders schillernd wirkt. Die Ex-Patentochter von Putin ist mehrfach bei Liebeleien zu sehen, bevor sie eine Liaison mit einem oppositionellen Anführer beendet und von der Bildfläche verschwindet. Was genau sie Putin an Konzepten entgegenhält, bleibt genauso vage wie bei den anderen Gezeigten. Nur »Russland ohne Putin!« rufen sie immer wieder zusammen und immer wieder laufen Sicherheitskräfte auf.

Dazwischen sind Szenen aus dem Staatsfernsehen montiert, in denen sich Putin als Souverän von Volkes Gnaden wähnt und inszeniert. Putin beim Angeln, Putin am Piano und Putin als Anführer eines Kranichschwarms. In ungeordneten Szenenfolgen wird so ein chaotisches Bild auf eine unsortierte politisch Bewegung oder besser: viele Strömungen sichtbar. Daraus entfaltet die Doku ihre Sogwirkung. Man will verstehen und doch wird alles immer komplizierter, weil diffuser. So gelingen tiefe Einblicke, ohne dass dadurch ein Erklärstück entsteht. Macht und Ohnmacht, Wille und Unwille zum politischen Wandel werden hier beispielhaft. Und er warnt – auch hierin beispielhaft – vor der Verführung, allzu schnell von einer politischen Kraft, von einer homogenen Bewegung oder einheitlichen Opposition zu sprechen, sei es in Russland oder anderswo. TOBIAS PRÜWER

Dok Internationales Programm // 5 kreuzer

28.10., 22.15 Uhr, Cinémathèque Leipzig (naTo) // 30.10., 12.30 Uhr, Passage Kinos Wintergarten

Tiere sammeln: »T’s World: The Over-identification of Terry Thompson«

Es treten auf: eine Sprecherin, der Nachbar, das Gesetz, das Tier. Sie erzählen, wie das war, als Terry Thompson seinen Zoo freiließ. Hinzu kommen Aufnahmen von der Polizeikamera, Protokolle von Beteiligten, Bilder von Google-Streetview, außerdem nachgestellte Szenen mit Verfremdungen und Computeranimationen, bei denen mittels reduzierter Farbzahl Verfremdungseffekte hergestellt werden, die spielerisch Erzähltes umsetzen.

tsworldThompson hat in Ohio 15 Jahre lang die verschiedensten Tiere gesammelt: Bären, Löwen, Tiger, Wölfe, Affen und was man halt sonst so auf der Ranch hält. Die Ranch ist sein Besitz und auf seinem Grundstück kann er machen, was er will, auch mit Tieren. Eines Tages im Jahr 2011 beobachtet der Nachbar den Grundstücksübertritt einiger Raubtiere, flüchtet eilig in die Scheune und warnt per Telefon seine Mutter im Wohnhaus, die ihrerseits die Behörden alarmiert. Von seinem Versteck aus verfolgt der Nachbar bang den Durchzug von Großkatze, Grizzly und Co. Den Einsatzkräften bleibt nichts anderes übrig, als zur Waffe zu greifen. Was Thompson sich dabei gedacht hat – einerseits bei seinem Zoo, andererseits bei dessen Freilassung –, muss Spekulation bleiben: Er hat den Anlass für einen Suizid genutzt. FRANZISKA REIF

Dok Internationaler Wettbewerb Kurz, Animadok Award // 5 Kreuzer

28.10., 22 Uhr, CineStar 8 // 31.10., 13 Uhr, CineStar 8 // 2.11., 10.15 Uhr, CineStar 5

Animation – Love – Experiments: Animalisches

»Animalisches« von kreativen Animatoren wird heute im Astoria geboten. Die aus dem Internationalen Programm Animationsfilm ausgewählten Filme eint, dass sie von Tieren und deren Interaktionen mit Menschen handeln und darüber hinaus, dass ihre Animatoren filmische Experimente lieben.

shimmeringAus dem Programm stechen zwei Beiträge heraus. Von der renommierten Animationsfilmhochschule La Poudrière in Valence hat es »Scintillant dans l’ombre« von Édouard Guise in das Programm geschafft. Darin begleiten wir Hervé, von Beruf Fernlastfahrer, auf der Autobahn. Es passiert nicht viel auf der Fahrt. Aber wie man aus Horrorfilmen weiß, kann die menschliche Vorstellungskraft oder das Kopfkino doch sehr viel Unbehagen erzeugen. Was Guise ganz vorzüglich zu vermitteln versteht, ist die Atmosphäre einer Frühlingsnacht, aber auch – und das ist die wahre Kunst – Gerüche.

Von Ainslie Henderson und Will Anderson stammt die berührende Kombination aus Stop-Motion, Schauspiel und 3-D-Animation »Monkey Love Experiments«. Der schottische 8-Minüter basiert auf den Videos der für die NASA durchgeführten Experimente des berüchtigten US-amerikanischen Verhaltensforschers Harry Harlow. »Monkey Love Experiments« spielt 1969 im Forschungslabor einer Universität. Ein weiß bekittelter Wissenschaftler setzt mit einem Klemmbrett bewaffnet ordentlich seine Häkchen. Beobachtet wird er von Gandhi, einem seiner Versuchsobjekte. In den Zellen neben ihm sitzen andere kleine Primaten in Gesellschaft von affenähnlichen leblosen Plastikfiguren. Unwissentlich nehmen sie am sogenannten Monkey Love Experiment teil. Gandhi the Monkey verfolgt höchst aufmerksam die im Fernsehen übertragenen Vorbereitungen zur Mondlandung. Er beginnt die Gesten der zum Mond reisenden Affen zu wiederholen und versucht auch seinen Partner aus Plastik für den Himmelskörper zu begeistern. So bemüht er sich, ihm eine bessere Sicht auf den Apparat zu verschaffen. Was Harlow in seinen Versuchsreihen nachweisen wollte, wird gerade in dieser Sequenz evident: Ebenso wie Menschen lassen sich auch Tiere aus Liebe motivieren aktiv zu werden. Gandhi hegt starke Gefühle für die Gestalt aus Kunststoff und gerät daher in einen Zwiespalt. Dem Film merkt man auch im Formatwechsel vom für die 1960er Jahre typischeren 4:3 zu 16:9 (für die Momente, in denen die Sehnsucht auf den Mond zu reisen überwältigend wird) eine lange Beschäftigung mit dem Thema, ausführliche Recherchearbeit und eine Liebe zum Filmemachen an. Dass »Monkey Love Experiments« seine emotionale Kraft entfalten kann, liegt vor allem an der Gestaltung seines Hauptprotagonisten, aber ebenso am geschickten Ton- und Musikeinsatz wie zum Beispiel dem Lied »The First Monkey in Space« von Jason Mraz. In Anbetracht der vielen Kleinigkeiten erschließen sich die Eröffnungssequenz und die Rückblende unter Umständen erst beim zweiten Sehen. Auch deshalb empfehlen wir einen zweiten Kinobesuch zur Wiederholung des Programms »Animalisches« am 1.11. CLAUDIA CORNELIUS

Anima Internationales Programm

28.10., 22 Uhr, Passage Kinos Astoria // 1.11., 19.30 Uhr, Passage Kinos Astoria

Die Not der frühen Jahre: »Spartacus und Cassandra«

Die beiden Roma-Kinder Spartacus und Cassandra stehen vor einer großen Entscheidung. Gerade mal 10 und 13 Jahre alt, befinden sie sich am Scheideweg zwischen einem Leben mit ihren Eltern auf der Straße und einem Leben, das ihnen eine Schulbildung und einen festen Wohnsitz ermöglicht. Zum Glück hat Regisseur Ioanis Nuguet aus diesem schweren Thema kein graues Sozialdrama gemacht. Unter all die Dramatik, die diese Geschichte hergibt, hebt er stattdessen immer wieder Bilder poetischer Leichtigkeit.

spartacusAuf der einen Seite steht für Spartacus und Cassandra die Familie: Die Mutter ist geistesschwach und verdient ein bisschen Geld damit, Glockenblumen in einer belebten Pariser Einkaufsstraße zu verkaufen. Das wenige, das sie haben, vertrinkt der Vater gleich wieder. Eine ideale Bedingung für das Heranwachsen von Kindern sieht anders aus. Die Antwort auf die Frage: »Was tun?« scheint eindeutig. Sie könnten sich einfach für ein Leben mit Camille entscheiden. Die Trapezkünstlerin hat sich der beiden angenommen und kämpft für sie um ein besseres Leben. Doch schwer lastet die Verantwortung für Vater und Mutter auf den Kinderschultern. Sollen sie die eigenen Eltern wirklich sich selbst überlassen, um sich ein schöneres Leben zu ermöglichen? »Ich wache morgens auf und weiß nicht, ob ich das Recht habe, das alles zu erleben«, sagt Spartacus, als er mit seiner Schwester und Camille ein paar Tage auf einem Hof außerhalb von Paris verbringt. Die Kamera begleitet sie dabei stets auf Augenhöhe und lässt sie im Voice-Over über ihre Situation sinnieren, mal auf Rumänisch, mal auf Französisch. Nuguet konzentriert sich ganz und gar auf die Kinder und lässt sie nicht zum Spielball verschiedener Interessensparteien verkommen. Im Mittelpunkt steht ihre innere Zerrissenheit, der Nuguet unglaublich nah kommt. Ein emotionales Streitgespräch zwischen Spartacus und seinem Vater wechselt sich ab mit einer tränenreichen Verabschiedung Cassandras von ihrer Mutter. Doch unter die Passagen ihres rauen Alltags, über den Stress in der Schule, die kranken Eltern, mischen sich immer wieder Momente voller Magie. Momente, in denen die Kinder einfach Kind sein können. Sie balancieren auf Camilles Trapez, feiern Geburtstag, gehen schwimmen. »Spartacus und Cassandra« ist ein Film der Kontraste, zwischen Bildern kindlicher Leichtigkeit und großer Verzweiflung, an dessen Ende eine wichtige Entscheidung steht. KATHARINA TRESS

Dok Internationaler Wettbewerb // 4 Kreuzer

28.10., 13 Uhr, CineStar 8 // 30.10., 22 Uhr, CineStar 8 //2.11., 10.30 Uhr, Passage Kinos Universum

Unverhandelbare Öffentlichkeit: »Jedes Bild ist ein leeres Bild«

Ein einziger Husarenstreich breitet diese Doku aus. Hintersinnige – mancher mag auch Helmut Kohls offensichtliches Lieblingswort »hinterfotzig« anbringen – Kunst trifft auf Witz und entwickelt eine politische Dimension, wenn Christoph Faulhaber in Aktion tritt. Mit scheinbar naiven Unternehmungen zeigt der Künstler und Performer die Macht der Bilder auf und streitet darum, dass der öffentliche Raum möglichst für alle öffentlich bleibt. Überwachen und Absperren, Ausschluss und Kontrollbereiche sind seine Themen. Die Reaktionen auf seine Aktivitäten sind immer schon ein Teil dieser, weshalb Faulhaber auch alles haarklein dokumentiert. »Jedes Bild ist ein leeres Bild« ist eine Art zusammengeraffter Überblick auf zehn Jahre künstlerischer Dienst am Citoyen.

jedesbildDen Rahmen des Films gibt Faulhaber als Ich-Erzähler, der als Avatar in einer virtuellen Stadt herumsteuert. Das gibt schöne Effekte, wenn er dort TV schaut und dann der Bildschirm reale Bilder – wenn es so etwas gibt – von Faulhaber zeigt. Wenn er im Burberry-Outfit vor einem Burberry-Laden bettelnd posiert, mag das noch nach einfacher Provokation klingen, auch wenn Faulhaber schon hier das Regime der Bilder, die Verquickung von Marke und Image, befragt. Mit einem Pkw zeichnet er ein Autobahnkreuz in ein blühendes Rapsfeld – und verliert sein Stipendium, weil das den Kunstproteges zu heftig war. Als er eine US-Botschaft nicht fotografieren darf, mimt er eben einen Sicherheitsmitarbeiter, der genau dafür sorgt, dass niemand dort fotografiert – und hält die Kamera drauf. Schwierigkeiten mit dem Staatsschutz und anderen Institutionen nimmt der Künstler in Kauf, wenn er seine Projekte realisiert.

Faulhaber sagt, er mache keine politische Kunst, sondern seine Kunst werde eben politisch, weil der Kampf um die Bilder ein politischer ist. Damit beantwortet seine gewitzte Doku ganz nebenbei, auf welche Weise Kunst heute politisch sein kann: Indem sie sich in relevante, weil umkämpfte Bereiche hineinbegibt, sich nicht als Selbstbehauptung generiert, sondern wie hier Areale der Freiheit behauptet und – spielerisch oder nicht – um diese streitet.

Dok Internationales Programm, DOK im Knast // 5 Kreuzer

28.10., 19 Uhr, Passage Kinos Universum // 31.10., 17.30 Uhr, Cinémathèque Leipzig (naTo) // 1.11., 17 Uhr, JSA Regis-Breitingen


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