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Dokblog 2014

Das Gedächtnis rekonstruieren

Jean-Gabriel Périot gilt aufgrund seiner Methode als radikaler Grenzgänger. Die Sonderreihe »History, Director’s Cut« stellt seinen expressiven Animadok-Zugang vor und Périot selbst erläutert seine manipulativen Dekonstruktionen in einer Meisterklasse

  Das Gedächtnis rekonstruieren | Jean-Gabriel Périot gilt aufgrund seiner Methode als radikaler Grenzgänger. Die Sonderreihe »History, Director’s Cut« stellt seinen expressiven Animadok-Zugang vor und Périot selbst erläutert seine manipulativen Dekonstruktionen in einer Meisterklasse
#67
#67

Wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, was würde man anders machen? Und was heißt zurückdrehen überhaupt? Läuft dann erst mal alles rückwärts, bis man an einem Punkt auf dem Zeitstrahl gelandet ist, an dem es wieder vorwärts geht? In »Undo« spielt Jean-Gabriel Périot mit diesen Gedanken um die Umkehr, den Weg zurück in die Vergangenheit. Der Film von 2005 ist konsequenterweise auch mit rückwärts spielender Musik unterlegt. Lava, die sich in den Vulkan zurückzieht, Feuer, das einen grünen Wald hinterlässt, Lawinen, die bergan rollen, unversehrte Häuserruinen, geheilte Verletzte, freie Gefangene. In der Fußgängerzone laufen alle rückwärts, auf den Feldern bringt niemand die Ernte ein, Eva legt den Apfel hin und der Urknall implodiert in der Weite des Universums. Welch Poesie. Urknall, Katastrophen oder den Garten Eden hat Périot freilich nicht selber gefilmt, vielmehr reiht er collagenartig Bilder der Vergangenheit aneinander.

Die Arbeit mit Archivmaterial ist so etwas wie sein Markenzeichen, die Bilder müssen keineswegs bewegt sein, wie in »Nijuman no borei – 200000 Phantoms«, wo Ansichten aus der Zeit von 1914 bis 2006 den Genbaku Dome in Hiroshima einfangen. Hier zeigt sich eine Kritik am Menschen und an zeitgeschichtlichen Machtverhältnissen, die sich durch sämtliche Arbeiten zieht. So bilden Tomaten in »#67« die Allegorie für eine Welt, in der Lebensmitteln, Arbeitsbedingungen, ökologischen Konsequenzen und politischen Entscheidungen gegenüber Gleichgültigkeit herrscht. Dazu gibt es keine Kommentare oder Dialoge wie in »Dies Irae«. Die Montage von 9.000 Bildern zeigt wie in unendlicher Schleife Straßen, Alleen, Boulevards, Flure, Foyers, Tunnel, Schächte – menschenleer erst, dann übervoll mit Autos, Häusern und Wolkenkratzern. Zu dieser Aneinanderreihung von Ausschnitten passt die Technik, Foto-Schnipsel miteinander zu kombinieren, etwa Jugendbilder von Périot mit Hochglanzbildern im sarkastischen Kommentar auf die Ungleichbehandlung Homosexueller »Before I Was Sad«. Mit comichaften Zeichnungen animiert ist »Devil Inside« und ganz ohne Animation kommen Ente, Frosch und Esel in »Loving Flirts« aus.

Die Filme Périots bestehen also aus vielen Bildern – gern auch in schneller Folge gezeigt –, und die müssen nicht unbedingt schön sein oder bleiben: Beeindruckende Landschaften werden zu Ödland, die fröhliche Arbeitswelt artet in Straßenschlachten aus, bei den Demonstrationen in »The Delicate Art of the Bludgeon« brennen Autos. Einzelpersonen werden zu Gruppen, Gruppen wiederum zu Individuen. In vielen repetitiven Momenten wird Expressivität erzeugt, Bilder überlagern sich, eindringliche Musik unterstützt die Kompositionen und ihren emotionalen Gehalt. Das Bildarrangement zeigt ewige Daselbigkeiten, Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch und politische Kritik an Zeit und Zeitgeschichte. Der Gang in die Archive der Menschheit ist ein sorgfältig austariertes Spiel mit der Erinnerung, ihren Bildern und den Krisen.

Périot, der sich selbst als Dokumentarfilmer bezeichnet, bewegt sich an der Grenze zwischen Animation, Dokumentation und Kunst. Immerhin findet der Regisseur, Videokünstler, Kameramann und Cutter viele Wege, Aufnahmen zu manipulieren und über Entkontextualisierungen und Neuanordnungen andere Perspektiven zu sehen. Somit deckt sich sein Zugang mit dem Leipziger Verständnis von Animadok als animiertem Dokumentarfilm.

History, Director’s Cut 1 (78 min), Do 30.10., 21.30 Uhr, Passage Kinos Universum, Sa 1.11., 11.30 Uhr, Cinémathèque Leipzig (naTo)


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