anzeige
Dokblog 2014

Tagestipps für Donnerstag // 30.10.

Unsere Empfehlungen: »Rules of the Game« / »Echo« / »Double Happiness« / » Padrone e Sotto (Master and Vassal)« / Volkseigener Blick

  Tagestipps für Donnerstag // 30.10. | Unsere Empfehlungen: »Rules of the Game« / »Echo« / »Double Happiness« / » Padrone e Sotto (Master and Vassal)« / Volkseigener Blick

Nachhilfeunterricht in Kapitalismus: »Rules of the Game«

rulesofthegameIn »Les Arrivants«, der 2009 im Programm des DOK Leipzig lief, führt das Regiegespann Claudine Bories und Patrice Chagnard die Absurdität vor, mit der in einem kleinen Büro in Paris über die Zukunft von Asylbewerbern entschieden wird. Dieses Jahr kehren sie mit einem Film zurück, der sein Augenmerk auf die Chancen – oder besser Chancenlosigkeit – junger Arbeitssuchender in Frankreich legt. Erneut schonungslos und grotesk zugleich.

»Verstehst du? So funktioniert das Arbeitsleben, Hamid, das ist kein Spiel hier«, versucht ein Mitarbeiter der Firma Ingeurs Hamid und eine Gruppe junger Arbeitssuchender aufzuklären. Doch Hamid und seine Mitstreiter kennen weder die Regeln, die es braucht, um im Bewerbungsgespräch zu überzeugen, noch haben sie die Motivation, die es braucht, den Job zu halten. Die Firma Ingeurs versucht das zu ändern. Für jeden unterschriebenen Arbeitsvertrag bekommen sie Geld vom Staat. Dementsprechend motiviert ist ihre Arbeit. Mit Flipcharts, Bewerbungstrainings und Beratung wollen sie Thierry, Kevin und Lolita auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Doch die zeigen sich widerspenstig. Lolita ist ständig patzig und übelgelaunt, Hamid würde am liebsten seinen Bruder umbringen. Wirklich sympathisch wirken sie nicht, Empathie lässt sich nur schwerlich zu ihnen aufbauen. Was auch daran liegt, dass der Film nicht nach dem Warum fragt. Die Protagonisten werden auf Distanz gehalten. Filmemacher Claudine Bories und Patrice Chagnard verlassen das Gebäude nur, um eine Außenansicht desselben einzufangen. Keiner der Jugendlichen wird nach Hause begleitet, niemand erklärt sich in direkten Interviews. Es werden keine Hintergrundinformationen gegeben, die das Problem mit Sentimentalität verwässern könnten. Genau darin liegt die Stärke des Films. Es geht nicht um Einzelschicksale, sondern darum, die Oberflächlichkeit offenzulegen, von denen unser System durchzogen ist. Denn niemanden interessiert, welche Probleme Lolita eventuell zu Hause hat, warum ihr das Lächeln vergangen ist. Was zählt ist der richtige Händedruck, die ersten dreizehn Sekunden. KATHARINA TRESS

DOK Internationaler Wettbewerb / 4 Kreuzer

30.10., 10.30 Uhr, CineStar 8 // 31.10., 19.30 Uhr, CineStar 8 //1.11., 11 Uhr, Schaubühne Lindenfels 

Bewegter Text: »Echo«

echoDas Herz schlägt noch, schön rot und plastisch. Plastisch weht auch die Gardine im Raum leise im Wind und plastisch sind die Geräusche: Man kann sich vorstellen, dass Glas zerspringt und in winzigen Perlen durch das All rieselt. Als Nächstes plätschert dann Wasser. Oder der Mensch plätschert hindurch. Der Wasserhahn tropft, Blut tropft auf den Boden und eine Infusionslösung tropft in den Schlauch, der in einen hoffnungslosen Menschen im Krankenbett führt. All dies sind vielleicht nur die wirren Träume eines jungen Mannes, der in halb sitzender, halb liegender Position ein Nickerchen hält. Zwischen Zeichnungen von Figuren und Strukturen ist es auch Schwärze, aus der Formen und Personen im Lithografie-Stil entstehen, die durch den Text von Peter Thiers führt. Beim »Lab P – Poetry In Motion« hat im März dieses Jahres eine Jury die Animationsfilmemacher und Autoren ausgewählt, die am »Programm zur Förderung von Lyrik und künstlerischem Animationsfilm in Mitteldeutschland« teilnahmen, Thiers und Damaris Zielke waren dabei. Zielkes Kunst besteht darin, Anregungen vom Text zu übernehmen, ihn indirekt zu verbildlichen, ohne diese Bildhaftigkeit zu platt zu betreiben und die Zeichnungen so zu einer Art Poetry-Slam mit viel Intuition, aber ohne Auseinandersetzung mit den Worten werden zu lassen. Die Darstellungen scheinen sich selbst in Form ineinandergreifender Assoziationen in einen traumhaft-erratischen, bisweilen gruseligen und verzweifelten, zudem sicher einsamen Wahn zu treiben. FRANZISKA REIF

Anima Internationaler Wettbewerb, Teil des Programms »Sonderbares« // 5 Kreuzer

30.10., 19.30 Uhr, Passage Kinos Astoria // 31.10., 13 Uhr, Passage Kinos Astoria

Kopiertes Glück: »Double Happiness«

doublehappinessZunächst der Schock: Wenn es möglich ist, einen ganzen Ort zu kopieren, was ist dann noch alles möglich? In China wird eine österreichische Stadt nachgebaut. Aber nicht irgendeine Stadt in irgendeinem österreichischen Stil, sondern ganz konkret Hallstatt im Salzkammergut. Zum Schock trägt die Präzision der Kopie bei: Die verschiedenen Formen von Dächern, Fenstern, Giebeln, Türen und Balkonen wurden original übernommen, die Infrastruktur auch, die Kirche wurde genau vermessen und die Speisekarte einer in Österreich nicht mehr existenten Beisel hängt nun in China. Wer Bilder vom Marktplatz mit dem denkmalgeschützten Brunnen sieht, spürt die ambivalente Idylle des Weltkulturerbes am Nordrand der Alpen – es könnte aber auch sein, dass eigentlich eine Luxusresidenz nahe einem ehemaligen Fischerdorf in der Provinz Guandong zu sehen ist.

Und das ist das eigentliche Dilemma. Denn aus dem Fischerdorf Shenzhen ist eine 12-Millionen-Einwohner-City geworden. Es braucht in China schnell Platz und Wohnraum für viele Menschen. Städte bestehen nicht aus gewachsenen Vierteln, sondern bringen ihre Einwohner in praktisch-imposanten oder einfach nur gesichtslosen Wolkenkratzern unter. Bei diesem Verlust von Heimat und Erinnerung scheint es nichts auszumachen, wenn aus China ein kleiner Themenpark wird, der westliche Kulturen abbildet, ohne dass kommenden Generationen klar werden könnte, wie China tatsächlich aussieht. Selbst die Natur ist nicht wild, sondern ein designtes Fantasieprodukt: Um die Hallstätter Seen nachzuempfinden, wird bei Bedarf ein Berg gesprengt oder ein großes Loch gebaggert. Das ergibt prächtige Kulissen, vor denen sich posieren lässt, in Gated Communities und für Touristen. Solche Entwicklungen werden freilich auch in China kritisch gesehen. Gemäß dem geteilten Glück, das sich verdoppelt, scheint aber unter den Stimmen, die im Film zu Wort kommen, die Zustimmung zu überwiegen.

In diesem Sinne ist man auch in Hallstatt/Österreich nicht ausschließlich ablehnend. Eine Hotelbesitzerin zog die Schlussfolgerung: Wenn die Chinesen so gut nachbauen können, dann können sie doch auch was für uns bauen. Also bestellte sie die komplette neue Einrichtung für ihr Haus in China. Und das Hallstätter Stadtmarketing kokettiert damit, dass die Stadt kopiert wurde: »Oft fotografiert, einmal kopiert, nie erreicht« wirbt der aktuelle Claim. FRANZISKA REIF

Wettbewerb für junges Kino / 4 Kreuzer

30.10., 15.30 Uhr, CineStar 5 // 31.10., 19 Uhr, CineStar 5 // 1.11., 17.45 Uhr, CineStar 6

Machtspiele im gleißenden Licht der Provinz: » Padrone e Sotto (Master and Vassal)«

padroneesottoEs ist ein Phänomen, das ich bei jedem Urlaub südlich von Florenz beobachte: Egal wie klein die Stadt, im Zentrum befindet sich immer eine dieser völlig schmucklosen Kneipen, in denen das Licht zu grell ist und die Männerstimmen zu laut. Man kommt nicht umhin, verlegen hineinzuschielen in diese Orte, an denen Touristen offensichtlich unerwünscht sind. Wo besonders Frauen keinen Platz haben, denn hier wird derb gesprochen und häufig gedroht. Doch nicht nur mir sind diese Herrenrunden fremd, in »Padrone e Sotto« lässt den Schweizer Regisseur Michele Cirigliano eine Frage seit seiner Kindheit keine Ruhe: Warum müssen bei den täglichen Kartenspielen einige Männer immer verlieren, während andere immer gewinnen? Wie wird man zum Alphatier? Und wie vermeidet man es, zum »Sotto«, also zum Vieh, zu werden?

Cirigliano hat sich exemplarisch seinen Heimatort ausgesucht, um sich dem Thema zu nähern, und erzählt dort anhand von vier Männern sein Gesellschaftspanorama. Er folgt seinen Protagonisten auf der Jagd, beobachtet ihren Umgang miteinander außerhalb der Bar und spiegelt ihr Verhalten wieder zurück an die Spieltische. Im Internationalen Programm von DOK Leipzig hat man in diesem Jahr die Gelegenheit, auf eine Reise tief in die italienische Seele zu gehen, bei der man ganz nebenbei noch verstehen lernt, wie ein Dorf funktioniert, welche Abhängigkeiten bestehen, welche Vorurteile und uralte Traditionen ein Leben in der italienischen Provinz regulieren.

DOK Internationales Programm / 4 Kreuzer

30.10., 22.15 Uhr, CineStar 6 // 1.11., 10 Uhr, CineStar 6

Volkseigener Blick – Die Meister der DEFA-Kamera im Gespräch

Die Kamera ist im Dokfilm so wichtig wie die Regie. Die DEFA-Schule des Dokumentarfilms schrieb Filmgeschichte, indem sie einen ganz eigenen visuellen Stil entwickelte. Die durch Regisseure wie Jürgen Böttcher, Volker Koepp u.a. weltbekannten Filme beziehen einen Großteil ihrer Wirkung durch den poetischen Realismus der Kameramänner um den Nestor der Schule Christian Lehmann und den bis heute viel beschäftigten Thomas Plenert. Erstmals finden sich die Meister in dieser Konstellation zusammen, um nicht nur über die DEFA, sondern vor allem über die Kamera im Dokumentarfilm und die Rolle des Kameramanns im künstlerischen Prozess zu sprechen. Ein Thema von fundamentaler Bedeutung für das gesamte Genre. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei für alle Teilnehmenden. Keine Akkreditierung notwendig.

30.10., 16.30–18 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum (Deutsch mit englischer Übersetzung)

Moderation: Prof. Peter Badel, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, Potsdam und Stefanie Eckert, DEFA-Stiftung, Berlin

Panelisten: Christian Lehmann, Kameramann, Berlin // Thomas Plenert, Kameramann, Berlin // Hans-Eberhard Leupold, Kameramann, Regisseur, Berlin // Wolfgang Dietzel, Kameramann, Berlin // Werner Kohlert, Kameramann/Regisseur, Dresden


Kommentieren


0 Kommentar(e)