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Dokblog 2014

Tagestipps für Freitag // 31.10.

Unsere Empfehlungen: »Killing Time« / »Naomi Campbel«/ Hommage Jon Bang Carlsen / »Toto and His Sisters« / »The Shelter« / DOK Talk Special: Maidan – Krim – Kreml.

  Tagestipps für Freitag // 31.10. | Unsere Empfehlungen: »Killing Time« / »Naomi Campbel«/  Hommage Jon Bang Carlsen / »Toto and His Sisters« / »The Shelter« / DOK Talk Special: Maidan – Krim – Kreml.

Zwischen zwei Toden oder Dostojewski in Texas: »Killing Time«

killingtime»Killing Time« erzählt nüchtern (wie die folgenden Eröffnungssätze) von der Zeit zwischen zwei zusammenhängenden Toden im Bundesstaat Texas, USA. Dabei handelt es sich einmal um den Tod von Elroy Chester und desweiteren um den Tod von Willy Ryman, einen Feuerwehrmann, der von Elroy Chester getötet wurde. Ryman schaute unerwartet bei seinen beiden Nichten zu Hause vorbei, gerade als Chester diese sexuell missbrauchte. Chester erschoss daraufhin den ungebetenen Gast Ryman. Diese Vorfälle passierten vor über 15 Jahren. In der Folge wurde Elroy Chester zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wird in Texas üblicherweise mit der Giftspritze vollzogen.

Eine Besonderheit des Films ist, dass wir Elroy Chester, also die Person, die alle Fäden zusammenhält, bis kurz vor dem Ende nie zu Gesicht bekommen. Es gibt keine Bilder von Interviews oder Telefonaten mit ihm. Wenn wir ihn dann schließlich zu sehen bekommen, ist er tot, für die Angehörigen auf einer Liege aufgebahrt in der Gefängniskirche unter entwaffnend trostloser 90er-Jahre-Büro-Deckenverkleidung. In diesen Momenten des Films wird der Tod fast zur Nebensächlichkeit. Fast bekommt der Zuschauer das Gefühl, dass die Hinterbliebenen ein wenig erleichtert sind aufgrund des finalen Eintretens dessen, was nicht vermeidbar erscheint und womit sie ohnehin schon viele Jahre gerechnet haben.

Gegliedert in einen kurzen, beeindruckenden Prolog, im Folgenden in die Abschnitte »Verbrechen« und »Strafe«, entfaltet »Killing Time« langsam ein Panorama einer Tat in all ihren Dimensionen. Wir sehen Interviews mit Polizeibeamten, den Vergewaltigungsopfern, den Freunden und Angehörigen von Chester. Die Kamera ist hautnah dabei, während Chesters engste Familie im Besucherzentrum direkt gegenüber des Gefängnisses abwartet, ob der Supreme Court noch mal für einen Aufschub der Vollstreckung plädiert. Die letzten Stunden und sämtliche darin stattfindende Handlungen sind bürokratisch und institutionell strukturiert: Es besteht die Möglichkeit eines letzten Besuches, ein Pfarrer steht zum Gespräch bereit, später kommt der letzte Anruf. Alle Anwesenden winden sich durch die Stunden, jeder schlägt so gut es eben geht die Zeit tot. Kühl und sachlich wie ein Aktenschrank vermeidet »Killing Time« glücklicherweise eine Wertung seines Inhalts und entwickelt gerade deshalb einen stillen, intensiven Sog. Der Film funktioniert als eine Art Spiegel: Er wirft die Zuschauer auf sich selbst zurück und bleibt dadurch noch lange im Kopf. STEPHAN LANGER

Internationaler Wettbewerb / 4 Kreuzer

31.10., 13 Uhr, Cinestar 8 // 2.11., 10.15 Uhr, Cinestar 5

Dichtung und Wahrheit: »Naomi Campbel«

naomicampbelDieser Film ist Trans-Genre. In einer Mischung aus Dokumentation und Spielszenen erzählt er aus dem Leben Paula Dinamarca, einer Transsexuellen mit Sinti-Roma- und chilenisch-indigener Herkunft, die via OP ihren Penis loswerden will. Die Regisseure Nicolás Videla and Camila José Donoso haben Paula einen Camcorder gegeben, mit welchen sie ihr Slumleben und ihre Tätigkeit als Telefon-Tarotkartenlegerin festhält. Eingebettet sind diese Szenen in eine Story um Paulas Bewerbung bei einer Reality-TV-Show, mit deren Hilfe sie ihre Geschlechtsumwandlung bezahlen will.

Bilder aus dem ärmsten Quartier Santiagos treffen hier auf Gespräche in der Psychologen-Praxis (Schöne Perle: »Sie wollen also eine Frau werden?« »Ich bin schon eine Frau. Ich will mich nur schöner fühlen.«) Wackelfilmchen folgen auf professionelle Sequenzen. Synkretistische Religionsriten rücken ins Bild, wenn Paula das Verhältnis zu sich selbst auslotet. Mit der biologischen Frauwerdung verbindet Paula auch als eine Art Heilsversprechen ein Entkommen aus dem Slum. Geschlechterverhältnisse treten auch in der Beziehung zu ihrem Freund zu Tage, ebenso Fragen der Ethnizität, wenn sie beim Schönheitschirurgen eine farbige Frau trifft, die gern wie Naomi Campbell – daher der Filmtitel, allerdings nur mit einem »L« – aussehen würde. Die Sex-Arbeiterin berichtet, wie es ist, als Frau wie Farbige auch außerhalb ihres Jobs zum Lust-Ding objektiviert zu werden.

Es ist dieser Knotencharakter verschiedener diskursiver Stränge, der den Film so interessant macht. Daher wiegt die Frage, was nun wirklich echt, was Skript ist, nicht so schwer. Damit ist dieser Film auch einer jener Festivalbeiträge, die die Grenzziehung zwischen Fiktion und Dokumentation reflektieren, was ja ausdrücklich ein Meta-Thema dieses DOK-Leipzig-Jahrgangs ist. In einem Film, der gerade die Identität aufs Intimste thematisiert, kann es auch nur vorteilhaft sein, wenn der Aspekt des Identitären zum Schwingen gebracht wird. TOBIAS PRÜWER

Internationales Programm / 4 Kreuzer

31.10., 14 Uhr, Passage Kinos Filmeck

WIRKLICHKEIT? WELCHE WIRKLICHKEIT? - Hommage Jon Bang Carlsen

Dokumentarfilme zeigen die Wirklichkeit. Die Frage ist bloß: Wessen? Mit einer Hommage widmet sich das DOK-Festival der fiktionalisierten Wahrheit des Dänen Jon Bang Carlsen.

Teil III: 31.10., 22.15 Uhr, Passage Kinos Wintergarten // 1.11., 15 Uhr, Passage Kinos Wintergarten

Teil IV: 1.11., 22.30 Uhr, CineStar 6 // 2.11., 14 Uhr, Cinémathèque Leipzig (naTo)

Oh bitter Life: »Toto and His Sisters«

toto»Toto and His Sisters« ist ein Film, der weh tut. Ähnlich wie »Spartacus & Cassandra«  rückt er Romakinder in den Mittelpunkt, wenngleich der Internationale Wettbewerbsbeitrag von Alexander Nanau weit weniger von Hoffnung getragen ist, als Ioanis Nuguets Film. Der rumänische Filmemacher porträtiert den zehnjährigen Toto und seine beiden älteren Schwestern, die, seitdem die Mutter vor Jahren wegen Drogenhandels ins Gefängnis gewandert ist, auf sich alleine gestellt sind. Die 17-jährige Anna muss sich um ihre beiden jüngeren Geschwister Andreea (14 Jahre) und Toto (zehn Jahre) kümmern. Ihre Onkels haben sie kurz nach der Inhaftierung der Mutter mit Heroin in Berührung gebracht. Selbst noch ein Kind und den Lebensumständen erlegen verliert sich die junge Frau immer mehr im düsteren Nirwana des Roma-Ghettos. »Oh bitter life, look what are you doing to me«, fasst das Mädchen, dass mit seinen 17 Jahren bereits am Abgrund des Lebens steht, die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation zusammen. Mit einer zurückhaltenden Kameraführung fängt Nanau das Leben der Kinder ein und hält auch drauf, wenn man als Zuschauer am liebsten vom Kinosessel in die Leinwand springen möchte, um dem Leid der Kinder ein Ende zu setzen. Immer wieder umkreist er den zehnjährigen Toto, dessen Leben, so hofft man, noch nicht dem Untergang geweiht ist. Seinen Kummer bekämpft er mit Tanzen. In einer Tanzgruppe, in der er sich nach und nach als großes Talent entpuppt, findet der Junge letztlich auch die Anerkennung, die ihm zuhause verwehrt bleibt. Das Leben verlangt von Toto und seinen Schwestern eine ganz andere Verantwortlichkeit als von anderen Kindern in ihrem Alter. »Toto and His Sisters« ist eine tragische Coming-of-Age- und Familiengeschichte, die einen gerechten Platz im Internationalen Wettbewerb gefunden hat. EILEEN REUKAUF

Internationaler Wettbewerb //  Fr, 31.10., 20 Uhr, Cinémathèque Leipzig (naTo)

Sans-Papiers im Schutzbunker: »The Shelter«

thgeshelterSie suchen das Glück oder versuchen die Puzzleteile ihres alten Lebens in Afrika, Ost- oder auch Südeuropa wieder zusammenzusetzen. Ihr Ziel: ein gutes, vielleicht viel besseres Leben in der Schweiz. Die sogenannten »Sans-Papiers«, die immer wieder die Filme von Fernand Melgar bevölkern. Seit »The Fortress« (2008) umkreiste Melgar ihre zum Teil aussichtslose Situation immer wieder filmisch. 2011 eröffnete der Schweizer Filmemacher den Internationalen Wettbewerb mit »A Special Flight«. Stand damals das Genfer Abschiebegefängnis Frambois im Fokus, widmet sich Melgar nun einem Schutzbunker in Lausanne, der über die kalten Monate hinweg jede Nacht seine Pforten öffnet und für illegal Eingereiste ein Schlaflager stellt. In »The Shelter« sind es vor allem Afrikaner, Ost- und Südeuropäer, die jede Nacht um einen warmen Schlafplatz kämpfen. Melgar begleitet neben den Gestrandeten auch jene Menschen, die sich jede Nacht um die Sans-Papiers kümmern. Immer wieder kommt es zu Streitgesprächen, wie man die Leute auswählen soll und vor allem darüber, wie vielen man den Zutritt gewähren soll. Die Situation ist absurd. Melgar, der erstmals auch selbst Kamera geführt hat, ist mittendrin, wenn vor der Tür gedrängelt wird. Immer und immer wiederholt sich die gleiche Szene, fast bis ins Unerträgliche. Dazwischen kämpfen die Sans-Papiers mit gebrochenem Französisch bei den Behörden um mehr Anerkennung und kämpfen sich durch den graukalten Lausanner Alltag. Melgar, der nicht nur filmisch diese Themen aufbereitet, sondern in Schulscreenings oder auch Vorführungen in der Suppenküche auf die schwierige Situation aufmerksam machen will, ist einer jener Filmemacher, deren Arbeit nicht mit der Nachproduktion aufhören. Er ist überzeugter Humanist. Seine Filme sind, wie er sagt, für sein Heimatland, dass wie auch viele andere europäische Ländern von einem Rechtsruck durchzogen wird. Obwohl seine Filme immer wieder die Kinosäle dort füllen, sieht auch er sich nicht selten rechten Anfeindungen ausgesetzt, zum Teil wurden seine Filme auch schon zensiert. Das lässt den Schweizer unbeeindruckt. Umso mehr Eindruck hinterlässt »The Shelter«, der den unbequemen Flüchtlingsalltag in die kuschelige Dunkelheit des Kinosaals tief vordringen lässt.

Fr, 31.10., 10:30 Uhr CineStar 8, Sa, 01.11., 21:30 Uhr, Passage Kinos Universum

DOK Talk Special: Maidan – Krim – Kreml. Dokumentarfilm im (Medien-)Krieg

Mit »Maidan« und »All Things Ablaze« setzen sich in diesem Jahr gleich zwei Filme auf sehr unterschiedliche Art mit den Ereignissen in der Ukraine auseinander. Dass die russisch-ukrainische Krise mehr ist als nur der verzweifelte Kampf zweier ungleicher Brüder, ist bekannt. Ebenso, dass die Medien bei diesem unfassbaren politischen, sozialen und kulturellen Umbruch eine zentrale Rolle spielen. Bei DOK Leipzig läuft eine Reihe von Filmen der wichtigsten ukrainischen und russischen Regisseur/innen, die das Thema höchst unterschiedlich beleuchten. Im DOK Talk Special diskutieren sie die Frage, ob und wie sich der Dokumentarfilm jenseits des aktuellen Medienkrieges positionieren kann. Kann er, kann Kunst überhaupt »Kritik« üben?

Russisch mit Übersetzung in Deutsch und Englisch. Der Eintritt ist frei für alle Teilnehmenden. Keine Akkreditierung notwendig.

Moderation: Barbara Wurm, Panelisten: Sergei Loznitsa, Regisseur, Kiew und Berlin // Aliona Polunina, Regisseurin, Moskau // Marina Razbeshkina, Regisseurin/Produzentin, Moskau // Anastasia Lobanova, Produzentin, Sankt Petersburg

31.10., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum


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