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Dokblog 2015

Körper von Gewicht

Reihe außer der Reihe: »Bodycheck« widmet sich den Leib-Seele-Problemen Heranwachsender

  Körper von Gewicht | Reihe außer der Reihe: »Bodycheck« widmet sich den Leib-Seele-Problemen Heranwachsender

Alan ist einsam. Mit gelähmter Motorik sitzt er im Rollstuhl isoliert zu Hause. Dass er einmal tanzen wird, glaubt er selbst sicherlich zuletzt. Immerhin kann er via Funk Kontakt mit der außerhäuslichen Außenwelt halten. Doch als ihm sein Vater das Funken verbietet, nimmt Alan kurzerhand Reißaus und flieht nach London. Nachdem Schritt der Befreiung ist nichts mehr, wie es mal war. Bekannte sammeln für einen Sprachcomputer, der einst Unglückliche nimmt sich neue Freiheiten, lernt das selbstbestimmte Leben kennen und lebt heute als Tanzlehrer. In nur zehn Minuten findet sich der Akt der Selbstermächtigung im Film »This Chair is not Me« (R: Andy Taylor Smith, UK 2013) eingefangen, der zur besonders für Jugendliche ausgerichteten Reihe »Bodycheck« gehört.

Darin geht um das leibliche Unbehagen beim Aufwachsen, ums Hineinfinden in den eigenen Körper, den Umgang mit Gesundheit und Norm, das eigene Befinden und den Blick der anderen. »Bodycheck« ist dabei eine Reihe außerhalb der Reihe. Weil die Filme nicht zusammen gezeigt werden, muss man das wohl eher als Label für Filme mit entsprechender Thematik auffassen – sehen lassen können sie sich aber allemal.

So wie Alans Emanzipation. Der berichtet in der Rückschau von seinem Leben, eine Mischung aus wackligen Bildern und hochästhetischen Aufnahmen wie eingefrorene, aus einem Wasserhahn perlende Tropfen illustrieren das Erzählte. Sehr emotional zeigt sich jede Einstellung, ob sie nun Isolation unterstreicht, den Jungen beglückt aus dem Zug gen London die Aussichten genießen lässt oder eine tanzende Fish’n’Chips-Verkäuferin auftritt, in die er sich sogleich gleich ein bisschen verliebt. Logisch, dass die Szene, in welcher Alan selbst tanzt, am mitreißendsten ist.

mydearestfckingphoneDie Fallhöhe ist bei »My Dearest F#cking Phone« (R: Eef Hilgers, NL 2015) geringer. Hineingeworfen in die Smartphone vermittelte Wirklichkeit einer Pubertierenden hadert die 14 Jährige Claudia mit ihrem Aussehen. Bei Facebook, Instagram & Co. gehen pausenlos neue Schnappschüsse ihrer Freundinnen online, sie fühlt ihre Optik nicht dafür gemacht. Wenn der Rummel ums Fotogene ins Pathogene kippt, deutet die Doku an. Es geht ums Präsentieren, latente Minderwertigkeitsgefühle, die die Protagonistin im Dialog mit ihrem Telefon – es wirkt wie Tagebuchschreiben – ausdrückt. Man schaut ihr und ihren Freundinnen beim Fonkonsum zu, beim ständigen Blick aufs Display, der Freude über ein neues Like, dem einzigen Interesse, interessant zu sein, und kann sich manchmal über die zombiehaften Züge nur ebenso wundern wie das versöhnliche Schluss-Selfie mit der modelnden Freundin.

Um Girl-Power der anderen Art dreht sich »T-Rex« (R: Drea Cooper & Zackary Canepari, USA 2015), der den unglaublichen Karrieresprung von Claressa Shields skizziert. Die 17-Jährige Boxerin holte in London 2012 Olympiagold im Mittelgewicht. Die Doku setzt sechs Monate vorm Qualifying für die Spiel ein, und gibt zwischen Trainingssequenzen, Ringszenen und Gesprächen mit ihrem Trainer Kunde von eisenharter Disziplin, Enttäuschung und Glauben ans eigene Können. Leben bedeutet Kampf?

Dass Leben Ringen und Kämpfen ist, würden die Protagonisten aus »Bite Size« (R: Corbin Billings, USA 2104) sicherlich sofort unterschreiben. Es ist der schockierendste Streifen der hier vorgestellten. Denn alle vier porträtierten Kinder teilen das gravierende Problem mit ihrem Körper. Sie leiden an massivem Übergewicht, müssen zum Teil ständig Blutzucker messen, weil sie kurz vor der Diabetes stehen. Mobbing und Resignation, Selbsthass und das ständige Versuchen, das Gewicht zu reduzieren, zeigen sich hier als teuflischer Zirkel. Der Film begleitet die Vier über längere Zeit, weshalb auch entmutigende Rückschläge sichtbar werden, aber auch, wie sich einer zum Footballspieler mausert. Hier geht es nicht mehr um Schönheitsideale und das fotogene Inszenieren, sondern zeigt sich eine Kultur hemmungsloser Essenkultur – »All You can Eat« lockt ja damit, was für sein Geld zu bekommen –, deren Verlockungen man schwerlich entrinnt. Und da spielt der soziale Hintergrund keine große Rolle, da der Film höchst unterschiedliche Protagonisten besucht hat. Und: Er skandalisiert nicht, sondern fühlt sich ein in eine westliche Ernährungsgemeinschaft, die aus dem Gleichgewicht ist, in der die Körper von Gewicht keine ästhetische Frage sind, sondern das (junge) Leben selbst auf dem Spiel steht.

»This Chair is not Me« (R: Andy Taylor Smith, UK 2013), Mi 16 Uhr Passage Universum, Do 15.30 Cinstar 5

»Bite Size« (R: Corbin Billings, USA 2104), Fr 15.30 Uhr, Cinestar 5

»My Dearest F#cking Phone« (R: Eef Hilgers, NL 2015), Fr. 15.30 Uhr, Cinestar 5

»T-Rex« (R: Drea Cooper & Zackary Canepari, USA 2015), Mi 16 Uhr, Passage Universum, Do 15.30 Cinestar 5

Der Film »Girl Model«, der ebenfalls zur »Bodycheck«-Reihe zählt, wird im Blog noch gesondert besprochen.


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