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Dokblog 2016

Treuenbrietzen, deutsch-italienisch

»Im Märkischen Sand« erzählt von der Ermordung italienischer Zwangsarbeiter und einem Historikerstreit en miniature

  Treuenbrietzen, deutsch-italienisch | »Im Märkischen Sand« erzählt von der Ermordung italienischer Zwangsarbeiter und einem Historikerstreit en miniature

»Komm mal nach Treuenbrietzen, wir müssen das filmen«, lautete sinngemäß die Aufforderung an Matthias Neumann, Kameramann und Filmemacher. Das war im letzten Jahrzehnt. Dort, in Brandenburg, hat Neumann dann Antonio Ceseri kennengelernt, den letzten Überlebenden des Massakers vom 23. April 1945: Deutsche Soldaten erschießen 127 italienische Militärinternierte, Zwangsarbeiter in einem Munitionsbetrieb in Treuenbrietzen, in einer Sandgrube, nur vier überleben.

Ceseri ist der letzte Zeitzeuge. Wenige Jahre bevor Neumann begann, sich dafür zu interessieren, fing auch Treuenbrietzen an, sich mit den Ereignissen auseinanderzusetzen. Angestoßen hatten das zwei Berliner Lehrer, die mit der Liste der damaligen Opfer vor Ort am Thema rührten. Mit der Zeit entwickelte sich eine alljährliche Zeremonie samt italienischen Gästen und Autokorso, und eine Städtepartnerschaft mit dem italienischen Chiaravalle entstand, dem Heimatort eines weiteren Überlebenden.
Erst 2014 starteten die vertieften Recherchen am Film. Mit im Boot neben Neumann: die Filmemacherinnen Katalin Ambrus und Nina Mair, an ihrer Seite der Historiker Maximilian von Schoeler. Mair verarbeitete das erste Mal ein historisches Thema filmisch. Die Leipzigerin ist gebürtige Mailänderin und sieht einige latente Konflikte zwischen Deutschen und Italienern, die ihren Ursprung in den Weltkriegen haben mögen: »Deshalb ist es schön, in solchen Dingen herumzuwühlen, weil es der Aufklärung dienen und beide Seiten einander annähern kann.« Mairs Arbeit betraf eher die italienische Seite. Darüber sagt sie: »Obwohl das Thema traurig ist, war die Recherche auch schön, weil ich überall mit offenen Armen willkommen geheißen wurde. Die Leute waren froh, dass sie über ihre Verwandten reden konnten. Lange hatte sich niemand dafür interessiert.« Ceseri, der letzte Überlebende, schwieg ebenfalls jahrzehntelang über den 23. April 1945.

Lange geschwiegen wurde auch in Treuenbrietzen. Es gab an jenem Tag im April nicht nur ein Massaker, in der gleichen Nacht brachte die Rote Armee in einem nahen Wäldchen auch deutsche Zivilisten um. Darüber wurde ebenfalls nicht geredet, allenfalls in Mund-zu-Mund-Propaganda. Somit bekam Treuenbrietzen seinen eigenen kleinen Historikerstreit, auch über die tatsächliche Zahl der Opfer: Der eine Heimatforscher konzentriert sich auf die Treuenbrietzener Opfer des Zweiten Weltkriegs, der andere auf die Opfer des Nationalsozialismus.

Wie erzählt man nun eine Geschichte, die wenige Zeitzeugen hat, logischerweise kaum Archivmaterial, aber doch viele Protagonisten und auch einen klaren Bezug zur Gegenwart? Für die Blicke in die Geschichte wurde der Zeichner Cosimo Miorelli gefunden, dessen bewegte Bilder im grafischen Stil das umsetzen lassen, was Zeugen berichtet haben: »Wir wollten kein Reenactment, das passt nicht zum Thema«, sagt Mair. »Und Miorelli besitzt die Sensibilität, die Geschichte zu erzählen.«
Im Ergebnis ist eine zweisprachige Webdoku entstanden, online freigeschaltet dieses Jahr im April, am 23. natürlich. Die 6 Kapitel und 24 Episoden bilden eher ein Netz denn einzelnen Erzählstrang: »Wir hielten das für die beste Möglichkeit, nicht nur, weil es so viele Protagonisten gibt, sondern auch viele Sichtweisen und damit viele Schwerpunkte«, so Mair. Mit den Episoden wird, der Kapitelnummerierung zum Trotz, der Tatsache Rechnung getragen, dass das ganze Themenpaket nicht notwendigerweise linear erzählt werden muss. Hinzu kommt Weiterführendes – Unterlagen zum Stand der Geschichtsforschung etwa, historische Dokumente, Aufzeichnungen von Lagerinsassen, Fotos, Informationen zur Organisation der Zwangsarbeit und in der Treuenbrietzener Rüstungsfabrik. Genau genommen muss sich der Zuschauer gar nichts erzählen lassen, kann vielmehr selbstständig und interaktiv durch die thematischen Bereiche navigieren. Entsprechend fehlt bei »Im Märkischen Sand/Nella Sabbia del Brandeburgo« auch der objektive Erzähler, der kommentierend durch die Episoden führt. Dieses interaktive Netz aus Episoden, Filmen, grafischen Bildern und Informationsmaterial eignet sich nicht zuletzt deshalb für die Bildungsarbeit in Schulen, weil der Kriegsverlauf und das deutsch-italienische Verhältnis während des Zweiten Weltkriegs angesprochen werden, aber eben auch die spezifischen Formen von Erinnerungskultur und -politik und der Umgang mit Tätern wie Opfern.

Für diese hypertextuelle Möglichkeit der Rezeption hat sich der Begriff crossmedial etabliert. Die Aufgabe der Dramaturgie wird zwischen Filmemachern und Zuschauern gewissermaßen aufgeteilt, der Zuschauer baut selbst an der Geschichte mit. Beim DOK Leipzig wurde Crossmedia in den vergangenen Jahren schon auf verschiedene Weise thematisiert. »Im Märkischen Sand« ist eine von sechs interaktiv genannten Arbeiten, die während des Festivals unter dem Banner DOK Neuland auf dem Marktplatz ausgestellt werden.
www.imidoc.net
DOK Neuland: 1.–5.11., 12–20 Uhr, Leipziger Marktplatz
www.dok-leipzig.de/de/festival/dokneuland


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