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Dokblog 2016

»Mit dem Selfie-Stick auf der Rampe«

… könnte eine flüchtige und vielleicht nicht unzutreffende Synopse von gleich zwei Filmen des diesjährigen DOK-Programms lauten - von »#uploading holocaust« (R: Sagi Bornstein, Udi Nir) und von »Austerlitz« (R: Sergej Loznitsa).

  »Mit dem Selfie-Stick auf der Rampe« | … könnte eine flüchtige und vielleicht nicht unzutreffende Synopse von gleich zwei Filmen des diesjährigen DOK-Programms lauten - von »#uploading holocaust« (R: Sagi Bornstein, Udi Nir) und von »Austerlitz« (R: Sergej Loznitsa).

Beide zeigen die zeitgenössische »Erinnungskultur«s an den Gedenkstätten der Shoa. Während Loznitsa in der ihm eigen ästhetischen Signatur in kommentarlosen, gedehnten Einstellungen die Besucherströme u.a. im KZ Sachsenhausen an seiner statischen Kamera vorbeifließen lässt, montieren Bornstein und Nir Amateuraufnahmen, die hauptsächlich von israelischen Jugendlichen stammen, von denen jährlich Tausende während einer einwöchigen Exkursion Orte des Holocausts besuchen, die heute in Polen liegen – Städte, in denen während der NS-Besatzung Ghettos errichtet wurden, Vernichtungslager und Hinrichtungsstätten.

Beide Filme werfen schnell die simple Frage auf: Was machen die Leute dort? Und welche Überlegungen gehen in ihren Köpfen vor? Warum glauben manche, dass Selfie wirke authentischer, wenn es durch die Gitterstäbe des »Arbeit macht frei«-Tores aufgenommen wird. Dass die Social Media-Praktiken mit dem Erinnern des Holocausts nur schwer zusammengehen und die Eventisierung selbst vor Gaskammern nicht zurückschreckt, machen beide Filme unmittelbar klar – »Austerlitz« in einer scheinbar zurückgenommenen Haltung, die große technische Sorgfalt vor allem darauf verwendet, das Befremdliche des Geschehens zu markieren. Brüche setzt Loznitsa fast nur auf der Tonebene, wenn in den undifferenzierten Geräuschen des Touristenlärms plötzlich die Erklärungen von Guides hörbar werden und man als Zuschauer dann doch mittendrin ist.

Dass der Rückgriff auf das Amateurfilm-Material besondere Durchlässigkeit nicht nur für das Persönliche herstellt, sondern auch für das Skurrile, wird in »#uploading holocaust« an einigen Stellen besonders deutlich. Etwa dann, wenn einfühlsame Holocaust-Surviver von den Gräueltaten der Nazis erzählen und ihre Überlebensstrategien offenbaren. Oder wenn eine Deutsche als »Versöhnungsgeste« gelbe Herzchen auf israelische Brüste heftet und dabei Adorno paraphrasiert – dass die Shoah sich nicht wiederhole, könne halt keiner garantieren. Oder wenn fordernde Lehrer zum Nacherleben ermahnen: die Enge der Waggons, der Gang in die Gaskammer, die Härte der Betten in den Baracken müsse erlebt werden.

Was, wenn dieses Nacherleben nicht glücken will und die Jugendlichen dafür (noch) nicht bereit sind? Immerhin ist der Holocaust das konstitutive Narrativ Israels und der Horror des Reenactemnts Bestandteil eines bürgerlichen Initiationsrituals.

SEBASTIAN GEBELER

Wie gedenken? »Austerlitz« ist eine einzige Wunde der Erinnerungspolitik

austerlitz_1_download»F#cking’ 99 Problems«: Die Liste der T-Shirt-Sprüche, mit denen man nicht unbedingt eine KZ-Gedenkstätte besuchen sollte, ist lang. »Life was more relaxed when apples und blackberrys were just fruits«: Ja, das Leben ist eines der härtesten. »Out of Berlin«: Ist wenigstens ehrlich, wobei die markante »Todesfugen«-Zeile den Spruch noch optimiert hätte: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«.

Wie aber betritt man angemessen solche Orte von Terror und Vernichtung? Ist nicht jeder Besuch an sich schon mit Voyeurismus behaftet? Aber ein bisschen Mindestpietät wäre doch angebracht, zumindest essen muss man nicht im KZ? Fragen, die sich beim Betrachten von »Austerlitz« stellen. Und die immer lauter werden im Kopf des Zuschauers, weil dem keine Ablenkung gegönnt ist. Denn Sergei Loznitsas Dokumentation konzentriert sich ganz auf die Betrachtung der Gedenkstättenbesucher. Ob Auschwitz oder Sachsenhausen: Wo die Szenen aufgenommen worden sind, ist egal – wie schon der Filmtitel andeutet.

Der zum Teil respektlose Umgang mit Erinnerungsorten ist bekannt, bestes Beispiel die Herumlungernden und -hüpfenden am und auf dem Berliner Holocaust-Mahnmal (http://www.vice.com/de/read/25-hashtags-die-du-an-holocaust-gedenksttten-nicht-verwenden-solltest).

»Austerlitz« versammelt viele solcher Posen: Duckface und Haare richten vor »Arbeit macht frei«, »Jurassic Park« lugt durchs Barackenfenster, die Reiseführerin empfiehlt neben dem Gaskammertrakt eine Fünf-Minuten-Sandwich-Pause. Still ruht das Kameraauge auf den Besucherströmen, ziehen die Schwarz-weiß-Panels kommentarlos vorbei. Sprachlos, machen sprachlos – meist ist nur Rauschen zu hören, mal einzelne Wortfetzen, vielsprachig; manchmal erscheinen ein paar Erklärungen von Gedenkstättenführern.

Man guckt den Leuten vor den Kopf, meint etwas aus ihrer Körperhaltung abzulesen. Aber was in ihnen vorgeht, weiß man nicht. Sind sie wirklich alle so gedankenlos, wie es scheint? Gut, wenn jemand das KZ mit einem Lachen verlässt, fällt die Unterstellung noch leicht. Das als Kulturkritik eines »früher war alles besser« abzuhaken, geht auch nicht: Der Autor, das sei hier angemerkt, hat zum Beispiel in den frühen Neunzigern in der Gedenkstätte Seelower Höhen auch schon jemanden mit einer »Born to Kill«-Jacke gesehen. So stellen sich Minute um Minute, die sich »Austerlitz« schleppt, komplexere Fragen zum notwendigen Erinnern und dessen gleichzeitiger Unmöglichkeit. Und in Endlosschleife winden sich die Fragen weiter als Möbiusband im Kopf, weitaus länger als der kaum erträgliche »Austerlitz« andauert.

»Austerlitz«: D 2016 | 94 min | R: Sergei Loznitsa | Internationaler Wettbewerb | englisch, deutsch, spanisch | englische UT | Deutsche Premiere


»#uploading holocaust«: D/AU/ISR 2016 | 75 min | R: Sagi Bornstein, Udi Nir | Next Masters Wettbewerb | hebräisch | englische UT | Weltpremiere


CineStar 8: 2.11., 22 Uhr
CineStar 6: 4.11., 16.30 Uhr


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