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Dokblog 2016

Leipzig loben oder nicht

Die Matinee Amateurfilm II spannt einen weiten Bogen mit DDR-Filmen von 1964 bis 1987, von Trickfilm bis Spielfilm und von Jubel bis Satire

  Leipzig loben oder nicht | Die Matinee Amateurfilm II spannt einen weiten Bogen mit DDR-Filmen von 1964 bis 1987, von Trickfilm bis Spielfilm und von Jubel bis Satire

Eine Anekdote aus dem DDR-Alltag im Chemiedreieck der Achtziger geht so: Honecker hatte seinen Besuch in den Schkopauer Buna-Werken angekündigt, die dafür verantwortlich waren, dass rundherum jedes Hausdach und jedes Blatt am Baum mit einer weißen Carbidschicht überzogen war. Der Staatsratsvorsitzende sollte davon nichts mitbekommen, folglich wurden Überstunden darauf verwendet, das Gras auf dem Werksgelände und in dessen Umgebung grün anzumalen. Ein ähnliches Szenario setzt der Trickfilm von Manfred Seifert mit dem unverblümten Titel »Tünche« um: In Silhouettentechnik stellt der Film den Zusammenhang zwischen Industriedreck und kahlen Bäumen her. Fröhlich wird das Ganze erst wieder, als ein Flugzeug grüne Farbe abwirft: »Gebt uns Tünche und wir sind erbötig, alles so zu machen, dass es noch mal geht!«, lauten die dazu passenden Brechtworte.

Seifert war eigentlich Bäckermeister – und Teil der Amateurfilmszene. Die Leipziger Szene steht bei der diesjährigen Sonntagsmatinee im Mittelpunkt, die sich in anderen Jahren der DEFA gewidmet hat. Mitte der 1960er hat das staatliche Bezirkskabinett für Kulturarbeit das Technische Zentrum Amateurfilm gegründet. 1964 entstand im Amateurfilmstudio Bau- und Montagekombinat Süd die Dokumentation eines Sommerfests im Wohngebiet von Dölitz und Dösen, eigentlich anlässlich des 15. Jahrestags der DDR, der freilich wie jedes Jahr im Oktober war (»Treffpunkt an der großen Eiche«). Das Bezirksfilmstudio diente Amateurfilmern als Anlaufstelle, um ihre Filme zu produzieren oder zumindest zu vertonen und zu schneiden. In dessen Räume blickt man im Vierminüter »Eigenwerbung für das Bezirksfilmstudio Leipzig« von 1980, der davon spricht, dass im Bezirk Leipzig immerhin 150 Amateurfilmer unterwegs waren und die Amateurfilmtage im Casino am Neumarkt ankündigt.

Die Amateure erlaubten sich auch satirische Töne, wie die Mitglieder des Amateurfilmstudios der Eisenbahner »7. November« Leipzig. »Hoher Besuch« zeigt die Hektik, die entsteht, wenn sich ebensolcher ankündigt. Immerhin wird hier kein Gras angemalt. Mit heiligem Ernst berichten die Eisenbahner dagegen – und das ist in diesem Fall verständlich – von der Eröffnung der Leipziger S-Bahn: Der 12. Juli 1969, so ist sich der begeisterte Kommentar sicher, wird in die Geschichte des ÖPNV der Messestadt eingehen. Das Studentenfilmstudio der Karl-Marx-Universität Leipzig findet 1980 in seiner Parodie auf Reklamefilme ganz andere Töne: Sicherheitszündwaren aus Riesa heißen zum Beispiel so, weil die Streichhölzer im Zweifel sowieso nicht brennen (»Werbung – Ohne Kommentar«). Ganz ernst ist wohl auch der Stadtrundgang nicht gemeint, den 1983 in einem weiteren Film von Manfred Seifert ein Hamburger und ein Leipziger absolvieren, dargestellt von Michael Hametner und Bernd-Lutz Lange. Die Sehenswürdigkeiten sind runtergekommen und sanierungsbedürftig, trotzdem könnte der Sachsenstolz nicht größer sein.

In der Platte zu wohnen war manchem lieber als der verfaulende Altbau. Andererseits könnte man auch versuchen, die Altbauten in Stand zu halten. Wie aber kann im Sozialismus Hilfe zur Selbsthilfe im Wohngebiet angeboten werden? Und wie kann man die Mieter einbeziehen? »Instandhaltung an Wohngebäuden« schlägt einen selbstkritischen Ton an, wenn es um Versäumnisse der Vergangenheit geht, und kippt in Optimismus, wenn künftig zu Erreichendes angesprochen wird: »Alle gezeigten Beispiele müssen aufgegriffen und verallgemeinert werden.« Untermalt von E-Gitarren und Schlagzeug werden Wege aufgezeigt, wie die Lösung der Wohnungsfrage endlich herbeigeführt werden kann.

Bekanntermaßen haben sich dafür die Massen nicht in dem Umfang begeistern können, dass der Verfall aufgehalten worden wäre. Niedrigschwelliger war da der Aufruf, das Turn- und Sportfest zu unterstützen: Ein Zug von unendlich vielen Chorsängern zieht ins Stadion, jeder findet seinen Platz, solange er diszipliniert bleibt (»Bis tausend Stimmen stimmen«). Ein Massenereignis war auch die 800-Jahrfeier der Stadt Leipzig, gerade mal 50 Jahre bevor 2015 die 1.000 Jahre begangen wurden. Leipziger Größenwahn ist schon damals dokumentiert: Wer hätte gedacht, dass sich »Mein Leipzig lob ich mir …« als Geburtstagsständchen im Chor singen lässt. Weiter geht der Text mit » … da weht ein neuer frischer Wind«. Die den Film untermalende Jubelmusik spart nicht an Blechbläsern und Schlaginstrumenten, der Kommentar reimt Wünsche für die Zukunft und die Zeit, wenn ganz Deutschland Volkseigentum ist. Bis dahin winken Thälmann-Pioniere und die verschiedenen Berufsgruppen des Arbeiter- und Bauernstaats in die Kamera, auch die Kultur kommt nicht zu kurz: »Die Oper hob sich neu und schön, als Wagnerburg hoch angesehen. Damit die Welt nie mehr vergisst, dass Leipzig eine Kunststadt ist.« Bei einem runden Stadtgeburtstag darf ein Festumzug nicht fehlen. In Leipzig scheinen dabei riesige Löwenfiguren unumgänglich, sei es nun 1965 oder 2015.

Cinestar 4: 6.11. 11 Uhr

»Treffpunkt an der großen Eiche«: DDR 1964 | 10 min

»1165/1965 – Mein Leipzig lob ich mir … weil wir die Hausherren sind« [Ausschnitt]: DDR 1965 | 4 min |Herbert Kasinski, Karl-Heinz Naumann, Werner Wienhold | deutsch ohne UT

»Die Leipziger S-Bahn«: DDR 1969 | 8 min | deutsch ohne UT

»Instandhaltung an Wohngebäuden« [Ausschnitt]: DDR 1970 | 18 min | deutsch ohne UT

»Eigenwerbung für das Bezirksfilmstudio Leipzig«: DDR 1980 | 4 min | deutsch ohne UT

»Werbung – ohne Kommentar«: DDR 1981 | 5 min| deutsch ohne UT

»Mein Leipzig – lobt das keiner mehr?«: DDR 1983 | 13 min | Manfred Seifert| deutsch ohne UT

»Bis tausend Stimmen stimmen« [Ausschnitt]: DDR 1983 | 16 min| deutsch ohne UT

»Hoher Besuch«: DDR 1985 | 3 min | deutsch ohne UT

»Tünche«: DDR 1987 | 3 min | animiert | deutsch ohne UT


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