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»Nicht nach den Maßstäben der aalglatten Moden«

Über Jazz in der DDR und die Anfänge der Leipziger 
Jazztage in den siebziger Jahren

  »Nicht nach den Maßstäben der aalglatten Moden« | Über Jazz in der DDR und die Anfänge der Leipziger 
Jazztage in den siebziger Jahren  Foto: Jazzclub-Archiv

Es ist schwierig, dieser Musik ohne Gesang, ohne klare kritische Worte etwas vorzuwerfen. Und doch schwingt beim Jazz für die Regierung der DDR das Unbehagen mit: »Westlich dekadent« wird das Genre in den fünfziger Jahren genannt, gilt als Träger westlicher Ideologien. Entsprechend nah liegt da die Vermutung, dass Jazzenthusiastinnen und -Enthusiasten kaum eine sozialistische Persönlichkeit ausbilden können. Also werden sie kontrolliert und überwacht.



Nach dem Mauerbau 1961 folgt dennoch eine Welle der Liberalisierung: Der erste Studiengang für Tanz- und Unterhaltungsmusik wird 1969 an der HMT in Leipzig gegründet, so dass bisweilen auch Jazz unterrichtet und gespielt wird. Im März und April 1965 tourt der US-Amerikaner Louis Armstrong, bis heute einer der berühmtesten Vertreter des Jazz überhaupt, mit staatlicher Förderung der Künstleragentur der DDR durchs Land, spielt dabei auch in Leipzig (s. S. 22). Im selben Jahr setzt aber das »Kahlschlagsplenum« – das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED – etwaiger Kritik an der DDR durch Künstlerinnen und Künstler ein Ende: Arbeits- und Auftrittsverbote folgen, auch für zahlreiche Jazzmusiker, die Überwachung wird verschärft.

Während einer weiteren Welle der Liberalisierung findet 1971 das erste Internationale Dixielandfestival in Dresden statt, 1973 die erste Jazzwerkstatt in Peitz, die sich in der brandenburgischen Provinz mit Free Jazz zu einer Art »Woodstock am Karpfenteich« entwickelt.

Auch in Leipzig finden zahlreiche Musikbegeisterte und Neugierige zusammen, und zwar zu sogenannten Vorträgen, lauschen dort gemeinsam seltenen oder in der DDR gar nicht erhältlichen Platten und Radiomitschnitten, tauschen sich darüber aus. In diesem Rahmen gründet sich 1973 in Leipzig der »Freundeskreis Jazz« als Teil des Kulturbundes der DDR. Die zahlreichen sogenannten Freunde eint nicht nur die Lust an Musik – vor allem Jazz, aber auch Blues und Rock –, sondern auch der Wille, sich dafür zu engagieren, ihre Idole live zu erleben.

Zusammen mit der Moritzbastei organisiert der Freundeskreis Jazz so vom 10. bis 12. Juni 1976 erstmals die »Leipziger Jazztage« (die schon im Folgejahr »Internationale Leipziger Jazztage« heißen und 1978 auch die Zahl ihrer Ausgabe im jeweiligen Namen tragen). Ohne finanzielle Unterstützung gibt es an den drei Juni-Abenden 1976 im Kino Wintergarten Konzerte und danach im FDJ-Studentenklub Grafikkeller Sessions. Zahlreiche namhafte Jazzer des Landes spielen auf: Helmut »Joe« Sachse ist mit seinem Quartett der allererste, es folgen unter anderem Konrad »Conny« Bauer (der jetzt zu den 50. Leipziger Jazztagen am 20. Oktober in der Schaubühne spielen wird), Günter »Baby« Sommer und Ernst-Ludwig »Luten« Petrowsky (s. S. 23). Jener wird im Buch anlässlich der 40. Leipziger Jazztage vor zehn Jahren mit dem Wunsch zitiert, »dass sie die Konzerte nach den Kriterien der Kreativität organisieren – ich meine, sich auf lebendige Musik konzentrieren – und nicht nach den Maßstäben der aalglatten Moden, nach denen sich leider eine Menge unserer jungen Musiker richtet, weil sie den schnellen Erfolg, aber nicht den Sinn der Jazzmusik suchen«. 

In Petrowskys Worten klingt an, welche Kraft im freien, spontanen und unvorhersehbaren Spiel, den Improvisationen des Jazz liegt – und dass dieser damit den klaren Plänen, Idealen und Vorgaben der DDR entgegensteht. Jene beschworene Kraft des freien Musizierens gibt es insbesondere während der wilden nächtlichen Sessions der Leipziger Jazztage zu erleben, in denen ohne Planung und Absprachen die Spiellust und Kraft der Künstlerinnen und Künstler kulminiert. Jazz ist subversiv. Heinz-Jürgen Lindner, Mitbegründer des Freundeskreises und Mitorganisator der ersten Festivalausgabe, sagt dazu im bereits erwähnten Buch anlässlich der 40. Leipziger Jazztage: »Während der Jazztage fühlten wir uns irgendwie exterritorial, wie Weltbürger in einem Weltreich schöpferischer Musik.«

Mitte der siebziger Jahre wird eine Reihe an Jazzplatten von Musikerinnen und Musikern aus der DDR von dem Label Amiga gepresst. Bald werden auch Konzerte von wenigen Musikerinnen und Musikern im Westen gefördert. Gleichwohl bleiben restriktive Maßnahmen präsent, beispielsweise kämpfen einige der Jazzer mit willkürlichen Ausreiseverboten.

Im Jahr 1978 benennt sich der Freundeskreis Jazz um in »Jazzclub Leipzig«, um dem neuen Status mit einer Vielzahl an Mitgliedern – zur Hochzeit sind es rund 900 – und mit zahlreichen Konzerten gerecht zu werden, die auch mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem westlichen Ausland stattfinden. So gastieren zum Beispiel Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra aus der Bundesrepublik (das nun auch die 50. Leipziger Jazztage am 17. Oktober eröffnen wird) oder Tony Oxley aus Großbritannien in Leipzig. 

 


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