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Ein Jazz-Club für den Jazzclub

100 Jahre Jazz-Konzerte und 50 Jahre Jazz-Festivalgeschichte in Leipzig, aber einen echten Jazz-Club gibt

  Ein Jazz-Club für den Jazzclub | 100 Jahre Jazz-Konzerte und 50 Jahre Jazz-Festivalgeschichte in Leipzig, aber einen echten Jazz-Club gibt  Foto: Stadt Leipzig

Wenn man Jazz-Musikerinnen und -Musiker in Leipzig nach ihren liebsten Spielorten fragt, dann ist ein Name immer ganz oben mit dabei: der Telegraph. Der Keller des ehemaligen Cafés am Dittrichring war knapp zehn Jahre quasi die Jazz-Location in Leipzig und genießt in der Stadt immer noch einen legendären Ruf. Was den Telegraph für viele so besonders gemacht hat, war vor allem das Gefühl, dort Teil einer Community zu sein. Jazz-Musikerinnen und -Musiker aus verschiedenen Generationen kamen dort zusammen, tauschten sich aus, Jam-Sessions gingen oft bis spät in die Nacht. Der Telegraph war auch lange Zeit die Hauptspielstätte für das Live-Programm des Jazzclub Leipzig abseits der Jazztage – bis das Café samt Keller 2019 wegen finanzieller Schwierigkeiten überraschend schließen musste.



Seitdem fehlt so ein Ort in Leipzig. Klar, es gibt natürlich einige Locations in der Stadt, in denen regelmäßig Jazz-Konzerte oder Jam-Sessions stattfinden: allen voran die Nato, in der neben dem Jazzclub auch Leipjazzig regelmäßig Konzerte veranstaltet, das Horns Erben mit starkem Jazz-Fokus im Programm oder der Laden auf Zeit mit seiner Montagsjazz-Reihe. Es gibt zudem diverse Jam-Sessions wie die HMT-Stage-Night (früher im Telegraph …) in der Koko-Bar. Die sind allerdings alle recht verstreut in der Stadt, eine zentrale, dezidierte Jazz-Spielstätte – wie etwa die Unterfahrt in München – gab und gibt es in Leipzig nicht.

Das könnte sich aber bald ändern. Seit einigen Jahren gibt es bereits den Plan, dass der 1973 gegründete Jazzclub erstmals eine eigene Spielstätte bekommen soll. Angedacht ist dafür die ehemalige Skala in der Gottschedstraße. Bis 2013 wurde das Haus noch als Nebenspielstätte des Schauspiel Leipzig genutzt, dann sollte es mal Zuhause fürs Filmkunsthaus der Cinémathèque werden. Aktuell steht das Gebäude – mit Ausnahme der Bar im Erdgeschoss – leer, der große Saal im Hinterhaus ist seit Jahren ungenutzt.

Nachdem das Haus in städtischem Besitz zwischenzeitlich verkauft werden sollte, möchte die Stadt mittlerweile die Kulturtradition des Ortes weiterführen: Der Jazzclub soll hier Hauptmieter werden. Das wurde alles schon vor vielen Jahren beschlossen, nun könnte es dieses Jahr aber endlich konkret werden. Denn im August gab die Dienstberatung des Oberbürgermeisters grünes Licht für Planung und Finanzierung des Vorhabens. Voraussichtlich am 30. September – also nach Redaktionsschluss dieser kreuzer-Ausgabe – befasst sich die Ratsversammlung mit dem Vorhaben. »Wenn der Stadtrat zustimmt, können wir voraussichtlich nächstes Jahr mit dem Bau beginnen. Erste Veranstaltungen wären dann 2030 oder 2031 denkbar«, erklärt uns Britta Herrmann, die beim Kulturamt im Sachgebiet Bauinvestitionen und Kunst im öffentlichen Raum arbeitet. Sie führt uns durch die verwaisten Gänge und Hallen des Hauses an der Gottschedstraße.

Dieses sieht ziemlich nach Baustelle aus. Für die restauratorischen und statischen Untersuchungen wurden an verschiedenen Stellen Böden und Wände geöffnet. Die verschiedenen Zeitschichten, die der Bau in seiner über 100-jährigen Geschichte durchlebt hat, kann man so gut erkennen. Stellenweise sind noch Teile der ursprünglichen Jugendstil-Decken erhalten. »Denkmalschutz ist natürlich ein Thema. Aber welche Zeitschicht will man erhalten? Wir wollen hier nichts rekonstruieren, aber vorstellbar ist, dass wir diese Jugendstil-Malereien sichtbar lassen«, so Herrmann. Sie führt uns durch verschachtelte Wege und Treppen – und durch einen etwas verbauten Innenhof. Dann kommen wir in den Saal und man kann sich gut vorstellen, wie hier (wieder) Konzerte stattfinden sollen (denn die gab es zu Centraltheater-Zeiten durchaus ab und zu). Neben Bühne und Veranstaltungssaal soll es auch Platz für Gastronomie geben. Und nicht nur der Jazzclub soll hier einziehen, die Vision ist ein ganzes »Haus der Festivals« – in dem auch die Euro-Scene, der Leipziger Literarische Herbst, das Kammermusikfestival Con Spirito, Leipjazzig und Dok Leipzig zu Hause sein sollen. Bis es so weit ist, ist allerdings noch einiges zu tun, erklärt Herrmann: »Es ist eine große Herausforderung, so ein altes Gebäude fit für das 21. Jahrhundert zu machen.« An Dinge wie Brandschutz, Lüftung und Barrierefreiheit würden heute ganz andere Anforderungen gestellt – und: »Das Gebäude befindet sich in einem Mischgebiet mit Wohnungen in der Nachbarschaft. Veranstaltungen und Live-Konzerte sollen hier keine Konflikte entstehen lassen. Da ist der Schallschutz natürlich von besonderer Bedeutung.«

Für den Jazzclub wäre es auf jeden Fall ein enormer Vorteil, endlich eine eigene Spielstätte zu haben – auch aus logistischen Gründen. Ob das »Haus der Festivals« als Treffpunkt für die (hiesige) Jazz-Community ähnlich bedeutsam sein wird wie einst der Telegraph, kann man natürlich nicht wissen, so ein Vibe lässt sich nun mal schwer planen. Ein Gewinn und vor allem eine wichtige Wertschätzung für den Jazz in Leipzig wäre das Ganze aber allemal. 


> Mehr zur geplanten Spielstätte des Jazzclubs und zu anderen Jazz-Orten Leipzigs: Jazztage-Audiowalk »Jazz im Ohr«: 18.10., 11.30 u. 14 Uhr, Start: Parkbühne Geyserhaus


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