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Kultur

»Wir wollen nichts konservieren«

Im Gespräch mit Annika Sautter über ihre programmatische Arbeit beim Jazzclub Leipzig

  »Wir wollen nichts konservieren« | Im Gespräch mit Annika Sautter über ihre programmatische Arbeit beim Jazzclub Leipzig  Foto: Christiane Gundlach

Kurz vor der 50. Festivalausgabe bekommen wir eine Führung hinter die Kulissen der Leipziger Jazztage. Und zwar von Annika Sautter, seit 2020 Programmleiterin des Festivals. Die stellvertretende Geschäftsführerin des Jazzclub Leipzig ist auch Jurymitglied beim Deutschen Jazzpreis.


Was bedeutet Jazz für Sie?

Wichtig ist, die Ursprünge des Jazz zu würdigen, die afroamerikanischen Wurzeln, die politische und sozialhistorische Bedeutung. Und gleichzeitig hat Jazz in Leipzig, mit der DDR-Geschichte, ebenfalls eine besondere Bedeutung: Die Musik hat sich trotz der restriktiven Verhältnisse entwickelt, viele Leute haben sich dem zugewandt und eine Gemeinschaft gefunden – insbesondere im Jazzclub. Einige unserer Mitglieder sind seit der Gründung dabei. Andererseits ist die Musik nicht an einen Kulturkreis gebunden, sondern steht für neue Impulse, neue Einflüsse, durch die Improvisation für individuellen Ausdruck und Offenheit und für die Lust am Zerstörerischen.


Lust am Zerstörerischen?



Ja, vor allem bei Konzerten. Das spielt natürlich bei verschiedenen Genres eine Rolle, aber insbesondere beim Jazz geht es um das Aufbrechen von Strukturen und Formen durch die Musik. Und dieses Risiko nehmen nicht nur die Bandmitglieder in Kauf, darin liegt, glaube ich, auch die Lust, die das Publikum mitbringt: Ich gehe zum Konzert und es kann sein, dass etwas ganz Unerwartetes passiert, und das erlebe ich mit anderen Menschen zusammen.


Das Festival hat jedes Jahr ein übergeordnetes Thema. Dieses und das konkrete Programm erarbeitet seit Jahren ein Kuratorium, das Sie leiten. Wie viel persönliche Vorlieben fließen da ein?

Ich würde sagen, mein persönlicher Geschmack spielt keine große Rolle. Also, wir sind ein Team aus mehreren Leuten und überlegen, ob und in welchen Veranstaltungsraum Künstlerinnen und Künstler passen könnten und ob es in Leipzig ein Publikum dafür gibt. Dabei geht es weniger um kommerziellen Erfolg, sondern eher darum, ob es künstlerisch spannend, relevant, eigenständig und außergewöhnlich ist. Wir überlegen, wie wir mit Erwartungen spielen können. Ich denke, wenn einer Person alles gefällt auf dem Festival, dann haben wir etwas falsch gemacht. Wir wollen verschiedene Publikumskreise ansprechen, Einflüsse aus verschiedenen Regionen der Welt abbilden und Sichtbarkeit für Flinta-Positionen schaffen, die in der Jazz-Welt häufig noch unterrepräsentiert sind.


Gerade werden Förderungen gekürzt und gestrichen – können Sie die Jubiläumsausgabe dennoch gebührend feiern?

Wir haben ein langjährig aufgebautes Netzwerk mit verschiedenen Partnern und Unterstützern. Da kommen öffentliche Gelder und solche aus der Privatwirtschaft zusammen, aber auch Mitgliedsbeiträge aus dem Verein und natürlich Ticketeinnahmen. Wir sind froh und dankbar, dass wir die Jubiläumsausgabe auf dieser Basis so realisieren können. Wenn in den nächsten Jahren Kulturförderung weiter gestrichen wird, können auch wir womöglich unser Konzertangebot nicht im gewohnten Umfang aufrechterhalten. Das trifft dann auch die Spielstätten und alle, die im Konzertbetrieb beschäftigt sind – und auch den Austausch von lokalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern durch Workshops und die Mitarbeit während des Festivals. Letztes Jahr wollten alle Studierenden in unserem Team Pino Palladino durch die Stadt fahren …


Was wünschen Sie sich für die nächsten 50 Jahre?

Angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse wünsche ich mir, dass es wieder in eine positivere Richtung geht. Also, dass Jazz in dieser offenen Form, wie wir ihn feiern, erhalten bleiben kann. Neben traditionell inspiriertem Jazz wollen wir auch Musik zeigen, die die Grenzen des Genres austestet, und wir hoffen auf die Offenheit dafür, sich irritieren zu lassen. Wir wollen nichts konservieren, sondern weiter mit Hörgewohnheiten experimentieren, das gemeinsam erleben und Begegnung ermöglichen, die es vielleicht sonst nie gegeben hätte.



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