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Kultur

»Sozialer Aufstieg ist eine Illusion«

Autorin Ruth-Maria Thomas im Gespräch über den männlichen Blick, gegenseitiges Verstehen über Klassenunterschiede hinweg, die Liebe zur Mutter und den Schreibprozess beim zweiten Roman

  »Sozialer Aufstieg ist eine Illusion« | Autorin Ruth-Maria Thomas im Gespräch über den männlichen Blick, gegenseitiges Verstehen über Klassenunterschiede hinweg, die Liebe zur Mutter und den Schreibprozess beim zweiten Roman  Foto: Christiane Gundlach

Alle wollen Ruth-Maria Thomas: Nach dem großen Erfolg ihres Debütromans »Die schönste Version« wurde der Nachfolger »Die zweitgrößte Liebe« (mit dem Thomas von Rowohlt zu DTV wechselte) gespannt erwartet, mit einem Vorschuss an Wohlwollen, wie er nach guten Debüts häufig auftritt. »Okay, die Influencer haben recht«, titelte damals die Zeit und brachte damit die Haltung eines literarischen Establishments auf den Punkt, das Thomas’ Buch zunächst als seichtes Instagram-Phänomen betrachten wollte und diese Ansicht revidieren musste. Zu schmerzhaft trafen ihre Beobachtungen einer jungen Frau, die von klein auf lernt, ihren Wert ausschließlich über ihre Attraktivität für Männer zu definieren, und in einer gewaltvollen Beziehung landet, zu groß war die – vor allem weibliche – Leserschaft, die sich in Jellas Erfahrungen wiederfand. Auch in »Die zweitgrößte Liebe« geht es um eine Beziehung – zwischen Michelle und Henry, deren Liebe langsam von den Konsequenzen ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft zerfressen wird. Das logbuch traf Ruth-Maria Thomas an einem heißen Sommernachmittag in Leipzig, wo die in Cottbus aufgewachsene Autorin seit 2018 lebt und wo es zu ihrem Leidwesen nicht genug Nadelbäume gibt.


Wir kennen Michelle schon als beste Freundin von Jella in Ihrem Debütroman »Die schönste Version«. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie Michelles Geschichte weitererzählen wollen?

Es war März 2024, »Die schönste Version« war gerade im Druck und ich ohne Projekt. Da habe ich mit meiner Lektorin besprochen, wie es jetzt weitergeht, was ich schreiben möchte und dass ich gerne über Klasse und soziale Ungleichheit schreiben würde. Von Anfang an sollte es eine Hauptfigur sein, die stürmisch ist und proaktiv. Sie sollte sich selbstständig einen Weg in eine andere Klasse erkämpfen oder vielleicht erschleichen. Meine Lektorin meinte dann: »Ah ja, du willst ein Buch über Michelle schreiben.«


Michelle verliebt sich in Henry. Wer sind die beiden?

Henry ist ziemlich privilegiert in dieses Leben gestartet. Zuallererst als weißer Cis-Mann. Schon mal toll – für ihn. Und er kommt aus einer Akademiker-Familie, die quasi schon immer Geld hatte. Henry kannte demnach immer nur den Überfluss, aber auch das Gefühl von großer Einsamkeit. Darum ist es sein Ziel, die eine Person im Leben zu finden, der er vertraut, die seine Wunden heilt und mit der er eine Familie gründen kann. Er ist ganz verliebt in die Idee, zu lieben. Für die Liebe tut er alles – manchmal mehr, als gut für ihn ist. Und Michelle ist voll mutig, packt sich immer selbst am Schopf und zieht sich raus aus allem Blöden, das ihr passiert. Sie schafft es immer, aus nichts das Beste zu machen. Sie hasst Ungerechtigkeit, erlebt aber viel Ungerechtigkeit. Sie ist als Kind einer alleinerziehenden Mutter und mit einem kleinen Bruder aufgewachsen, kennt materielle und finanzielle Sorgen, den Mangel. Aber sie wird oft auch zur Rächerin und bekämpft die Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt. Ist doch eine gute Beschreibung, oder?


Die Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit ist faszinierend, dieser ständige innere Widerstreit, an den sie sich aber auch gewöhnt zu haben scheint.

Ja, sie schützt sich wiederum mit ihrer Stärke vor ihrer eigenen Verletzlichkeit. Sie muss die Zügel in der Hand behalten, weil niemand sonst da ist. Ihre Mutter ist gestorben, der kleine Bruder bekommt die Chance zu studieren, um ihn will sie sich auch kümmern. Und um das alles zu schaffen, existiert sie in einer permanenten Hab-Acht-Stellung. Natürlich entgeht einem etwas, wenn man die eigene Verletzlichkeit nicht zulassen kann, aber bei ihr gehört es einfach dazu.


Das trägt ja auch zu dieser gewissen Tragik zwischen Michelle und Henry bei. Ihn möchte man gerne abwechselnd in den Arm nehmen und durchschütteln.

Aber sie auch, oder?

Ja! Beide kommunizieren aus ihrem tiefsten Inneren aneinander vorbei.

Ich glaube, das ist oft der Knackpunkt: dass es schwer sein kann zu kommunizieren, wenn man aus zwei so verschiedenen Welten kommt und von verschiedenen Dingen spricht und vieles unbewusst weiß oder eben nicht weiß. Wenn zum Beispiel zwei Menschen aus Ostdeutschland sich unterhalten, erlebe ich oft, dass es viele kleine Codes gibt, die einfach verstanden werden. Diese Ebene haben Michelle und Henry nicht, sie müssen sich alles erklären.


Man könnte Ihren Roman unter anderem als Erweiterung des Coming-of-Age-Genres lesen. Coming of Age erzählt vom Erwachsenwerden, von der Suche nach Identität. Da steht die »unvollständige« Kindheit und Jugend einem »abgeschlossenen« Erwachsenenleben gegenüber. Ist der Roman auch ein Kommentar dazu, dass es diese perfekt im Leben etablierten Erwachsenen nicht gibt?

Ein interessanter Gedanke. Es kann schon gut sein, dass das Suchen niemals aufhört. Ich glaube, auch das ist etwas, das sich Erwachsene gerne erzählen und erzählen müssen. Denn irgendwann trifft man halt Entscheidungen und kann dann nur noch schwer zurück. Damit hadert Michelle auch am Ende des Romans, wenn sie sagt, dass sie nur noch ein paar Wochen 33 ist. Plötzlich ist man Mitte 30, dann kommt vielleicht noch die biologische Uhr dazu … Gleichzeitig strebt man in dieser Lebensphase eine gewisse Stabilität an, hat »sich gefunden«. Wenn dann aber eine Lebenskrise kommt und alles noch mal wankt, ist das schwierig, und dafür gibt es eben keinen Begriff wie »Coming of Age«. Und dann stellt sich auch die Frage nach Ressourcen: Wenn Michelle Geld gehabt hätte, als ihr Schmuckladen pleiteging, wäre sie nicht in einer Krise, sondern könnte vielleicht erst mal ins Ausland gehen, Pause machen, etwas anderes ausprobieren.


Ähnlich wie bei Jella erleben wir mit Michelle Rückblicke in ihre Vergangenheit mit Männern, die sie teilweise respektlos, mit Besitzansprüchen und gewaltvoll behandelten. Warum haben Sie entschieden, dass es auch im zweiten Buch um diesen Aspekt der weiblichen Sozialisation gehen soll?

Weil ich glaube, anders kann man fast nicht von Frauen erzählen. Das war eine lange Überlegung, ob ich die Rückblenden mit reinnehme oder nicht. Auf der anderen Seite finde ich es aber immer interessant zu wissen, woher wir kommen. Was das Leben für uns bereitgestellt hat und auch, wie wir damit umgegangen sind. Und leider Gottes ist es Realität, dass die meisten schlimmen Sachen, die Frauen passieren, ihnen von Männern angetan werden.


Bei Jella ist es der schwarze Spitzenslip und bei Michelle der schwarze enge Rock: Schon auf Seite eins des jeweiligen Romans wissen beide genau, wie sie sich inszenieren müssen, um sich den männlichen Blick zunutze zu machen. Liegt darin eine Befreiung oder ein Zwang?

Das kann ich nicht differenzieren, ob es eine Befreiung ist. Ich glaube, es ist ein Ist-Zustand, den ich miterzähle. Wenn ich Sachbuch-Autorin wäre, könnte ich darauf antworten.


Welche Rolle spielt Michelles Beziehung zu ihrer Mutter für den Roman?

Für mich ist das eine der größten Lieben: die Liebe zu der Mama. Ich kann immer heulen, wenn ich daran denke. Es spielt eine große Rolle, dass Michelle, die ja so oft stark sein muss oder will, im Hintergrund diese verstorbene Mutter hat, die trotzdem immer bei ihr ist und über sie wacht. Oft fragt sie ihren Bruder: »Was würde Mama sagen?« Die Beziehung war für mich auch wichtig, um die weiche Seite von Michelle zu zeigen. Es ist nicht die klassische, innige Mama-Tochter-Beziehung, sondern da ist viel Strenge und Härte. Aber was Michelle Henry bis zum Schluss nicht zeigen kann, das kann sie über die Erinnerung an ihre Mutter mit sich aushandeln. Ich weiß nicht, ob meine Oma mütterlicherseits je zu mir gesagt hat: »Ich hab dich lieb.« Der Ton war eher rau, Stichwort Bauernfamilie aus der DDR. Aber wenn ich als Kind da war, war immer meine Lieblingsleberwurst im Kühlschrank und sie hat mir Kartoffelsuppe gekocht. Es gibt diese Sprachen der Liebe, die wir durch den Hollywoodkitsch nicht mehr so kennen. Das ist mir auch wichtig: dass es nicht die eine »richtige« Art zu lieben gibt.


Wird es am Ende niemals ein vollständiges Verstehen über Klassenunterschiede hinweg geben?

Ich glaube kaum, dass das möglich ist. Ich glaube, du kannst es ansatzweise verstehen. Du kannst hören, was die andere Person sagt, und es nachvollziehen. Aber sich vollkommen zu verstehen – nein. Vielleicht wird es immer ein Teil sein, der einen von der anderen Welt trennt. Aber wie schlimm das ist, wie sehr das eine Beziehung beeinflusst, ist ein anderer Punkt. Man kann trotzdem ein Happy End haben, das ist individuell. Mein Mann wird auch nie das Glück und den Schmerz begreifen, eine Frau zu sein, und ich kann trotzdem mit ihm leben. (lacht)


Ist der soziale Aufstieg dann auch nur eine Illusion?

Monetärer Aufstieg ist keine Illusion, aber sozialer Aufstieg wahrscheinlich schon. Am Ende erkennen einen Leute, die altes Geld haben und die schon Generationen lang diesen Habitus pflegen. Und ich finde, das Ziel sollte auch gar nicht diese Assimilation in eine bestimmte Gruppe sein. Ich würde mir wünschen, dass man, egal in welche Kreise man kommt, nicht seine Sprache anpassen muss oder Essmanieren und den ganzen Scheiß. Kurz hatte ich auch die Idee, Michelle als Hochstaplerin zu schreiben. Aber erstens passt das nicht zu ihr und zweitens finde ich es gerade cool, dass sie sich nicht schämt und dass es eigentlich eher ihr Ziel ist, dass sich die Privilegierten mal schämen.


Was war beim zweiten Schreibprozess anders?

Beim ersten Buch hatte ich das Gefühl: Okay, alles, was ich jetzt schreibe, sind Momente, Metaphern, die ich mein Leben lang gesammelt habe. Beim zweiten Buch hatte ich ein bisschen Angst: Bin ich jetzt leer? Und zum anderen habe ich anfangs noch aus der Ich-Perspektive geschrieben und dann gemerkt, dass das gar nicht ging, noch mit Jellas Stimme im Ohr. Die Außenperspektive bot sich mehr an für so eine Klassengeschichte und so kam auch noch Henrys Sicht hinzu. Es war eine andere Herausforderung als eine Introspektion aus der Ich-Perspektive, und ich habe das Gefühl, mich dadurch künstlerisch weiterentwickelt zu haben.


Ohne welche Bücher wären Sie nicht die Schriftstellerin geworden, die Sie heute sind?

Irmgard Keun, »Das kunstseidene Mädchen«. »Arbeit und Struktur« und »Bilder deiner großen Liebe« von Wolfgang Herrndorf. Und Jenny Erpenbeck mit »Aller Tage Abend«.


Seit 2018 leben Sie in Leipzig. Wann ist die Stadt am schönsten?

Im Frühling. Der Winter in Leipzig ist einfach nur schrecklich, weil es hier keine Nadelbäume gibt, anders als in meiner Heimat Brandenburg. Im Winter dachte ich wirklich kurz, ich muss wegziehen. Aber wenn ich im Frühling durch den Auwald spaziere, geht es wieder. 


> Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe. München: DTV 2026. 304 S., 24 €


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