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Kultur

»Ich wollte Frauen zeigen, die keine Beziehung brauchen«

Buchpreis-Trägerin Martina Hefter über ihren neuen Roman

  »Ich wollte Frauen zeigen, die keine Beziehung brauchen« | Buchpreis-Trägerin Martina Hefter über ihren neuen Roman  Foto: Marcel Noack

Der neue Roman von Martina Hefter thematisiert unter anderem die Veränderung von Landschaft durch den Klimawandel und was das mit uns früher, heute und in der Zukunft macht. Nachdem ein Kunstwerk der Installationskünstlerin Iona Bartschok, ein Baumhaus, öffentlichkeitswirksam beschädigt wird, taucht diese kurzerhand ab. Sie zieht allein in eine riesige Halle im ehemaligen Tagebaugebiet im Leipziger Umland. Mit dem kreuzer sprach Martina Hefter über ihre Faszination für ehemalige Tagebaulandschaften, ihr Lebensbuch »Die Wand«, Frauen im Kunstbetrieb und die Frage, wie wir uns an eine veränderte Welt erinnern.


2024 bekamen Sie den Buchpreis für »Hey guten Morgen, wie geht es dir?«. Fiel es Ihnen danach schwer, einen neuen Roman anzufangen?

Tatsächlich gar nicht, da ich aus einer inneren Notwendigkeit schreibe. Zum einen muss ich unbedingt schreiben als künstlerische Betätigung, um mit Sprache umzugehen. Und dann muss ich Themen für mich bearbeiten, die mich länger beschäftigen. Das ist so ein Mischmasch aus beidem.


Wie sah der Schreibprozess bei diesem Roman aus?

Ich hatte einen Handlungsrahmen, innerhalb dessen sich viele weitere Aspekte eröffnet haben. Das ist für mich immer das Spannende. Tatsächlich war bei diesem Roman der Ort zuerst da. Als ich zum ersten Mal in dem renaturierten Tagebaugebiet war, wusste ich, dass dies eine Vorlage für meinen Ort im Roman werden muss.


Was hat diese Landschaft der ehemaligen Tagebaugebiete in Ihnen ausgelöst?

Sie hat mich von Anfang an stark beschäftigt. Ich bin lange nicht darauf gekommen, was dort landschaftlich so anders ist. Dann hat mich die Landschaft an ein Buch meines Vaters erinnert, das ich schon als kleines Kind angeschaut habe: »Die Welt, in der wir leben«. Mir ist erst später aufgefallen, dass die Zeichnungen darin ein bisschen aussahen wie diese Landschaft im renaturierten Tagebau – alles so jung, ohne hohe Bäume und Wälder, nur mit Birken als Pionierpflanzen. Außerdem steckt da natürlich viel Geschichte drin, der Kohleabbau und die DDR-Geschichte. Das ist ja auch für Leipzig sehr relevant.


Die Hauptfigur beschäftigt sich im Rahmen ihres Kunstprojektes »Die Landschaft in 5.000 Jahren« auch mit der Zukunft. Was hat Sie an diesem Blick in die weite Zukunft interessiert?

Ich habe viel recherchiert, wie die Landschaft des renaturierten Tagebaus in meinem Roman in 5.000 Jahren aussehen könnte, dazu gibt es verschiedene Modelle. Eventuell werden dort gar keine Menschen mehr leben. Das fand ich an meinem Schauplatz besonders spannend, da Menschen nach wie vor sehr stark in die Landschaft meiner Romanhandlung eingreifen. Auch Renaturierung ist ein Eingriff. Und die Vergangenheit und die Zukunft gehören für mich zusammen. Vergangenheit ist in dem Roman ein Begriff in vielerlei Hinsicht, da war es eigentlich logisch, die Zukunft mit reinzunehmen. Ich habe mein Gegenwartsetting aber beim Schreiben immer als ganz leicht voraus in die Zukunft geschoben empfunden, so zehn bis dreißig Jahre später.


Wenn Sie über diese mögliche Zukunft, ausgelöst von der Klimakrise, nachdenken, führt das im Roman immer wieder zurück in die Vergangenheit. Warum war es Ihnen wichtig, die Klimakrise über vergangene Erinnerungen und Verlusterfahrungen zu erzählen?

Meine Romanfigur hat mit mir gemeinsam, dass wir in einem Teil in Europa aufgewachsen sind, wo man den Klimawandel schon ganz früh gemerkt hat: im Allgäu. Das hatte damals schon direkte, spürbare wirtschaftliche Auswirkungen. Mir war es sehr wichtig zu erzählen, dass es den Klimawandel nicht erst seit vorgestern gibt.


Trotzdem entwickelt der Roman auch utopische Zukunftselemente.

Ja, das ist ein wichtiges Stichwort. Manchmal hat der Roman so eine leicht dystopische Färbung. Gerade durch die Klimathematik wird die Utopie immer wieder in Frage gestellt, aber auch in Bezug auf die Zerstörung und die Aggression gegenüber Ionas Kunstwerk. Ich wollte mich mit der Utopie ebenfalls beschäftigen und damit auch enden.


Jetzt zieht die Protagonistin in die ehemalige Tagebaulandschaft, um der Welt zu entfliehen. Wie hängen Figur und Ort zusammen?

Lange bevor mein voriger Roman erschien, habe ich mein Lebensbuch »Die Wand« von Marlen Haushofer wieder gelesen – und ich werde es noch oft lesen. Davon inspiriert wollte ich eine ähnliche Art Robinsonade schreiben, also dass es eine Person an einen fremden Ort verschlägt und sie dort zunächst allein zurechtkommen muss.


Nicht nur die Hauptfigur Iona lebt allein, sondern auch Nova, die Nichte des Vermieters, die später in Ionas Leben tritt. Warum war es Ihnen so wichtig, mehrere Frauenfiguren zu zeigen, die allein, aber nicht einsam sind?

Zum einen, weil viele Romane immer noch viel über partnerschaftliche Beziehungen erzählen. Das finde ich in Ordnung, aber für mich war es ganz wichtig, Frauen zu zeigen, die das gar nicht brauchen. Aktuell wird angesichts der ganzen Gewalt gegen Frauen viel diskutiert, inwieweit wir noch Beziehungen mit Männern führen können. Ich habe den Roman geschrieben, bevor das Thema hochkam, aber ich fand es interessant, dass es sich ein bisschen darin spiegelt, indem ich mit Nova die radikalfeministische 4B-Bewegung in Südkorea aufgegriffen habe. Diese lehnt Sex und Beziehungen mit Männern strikt ab. Und dann ist es so, das war schon immer so bei mir: Ich habe gar kein Interesse daran, über romantische Beziehungen zu schreiben. Das interessiert mich so was von gar nicht.


Gerade Iona hat einige Parallelen zu Ihnen: das Aufwachsen im Allgäu, später das Ankommen in der Leipziger Kunstszene. Wie viel davon ist autobiografisch?

Ich glaube, alle denken jetzt immer automatisch, dass bei mir alles autobiografisch ist. Aber der neue Roman ist null autobiografisch, außer, dass ich wirklich im Gebirge aufgewachsen bin. Allerdings bin ich nicht auf einer Alm groß geworden und ich bin keine bildende Künstlerin. Ein wenig wünsche ich mir aber tatsächlich, so zu sein wie meine Romanfigur. Während Iona wahnsinnig gut handwerkeln kann, habe ich leider zwei linke Hände. (lacht)


Diese Frau, die handwerklich so geschickt ist und so viel über Landwirtschaft und Natur weiß, wird von der Kunstszene als weltfremde Träumerin angesehen. Wollten Sie damit kritisch unterschiedliche Formen von Wissen gegeneinanderstellen?

Ja, durchaus. Das war mir schon wichtig, weil sie eine andere Form von Wissen hat und eine andere Form von Vergangenheit. Iona hat eigentlich immer relativ handfest gelebt auf der Alm in ihrer Jugend und Vergangenheit. Und meine Romanheldin war immer eine Außenseiterin und hat sich da irgendwie durchgeschlagen. Dabei war sie nicht unbedingt privilegiert in dem Sinne, war also keine reiche bürgerliche Tochter oder Ähnliches.


Die Figur von Herto Strauss, der Maler, der das Baumhaus beschädigt und Ionas Kunst verreißt, bekommt im Verlauf des Romans immer mehr Gewicht. Verarbeiten Sie hier eigene Erfahrungen aus dem Kunstbetrieb?

Mir ist klar, dass Parallelen gezogen werden, das habe ich bewusst gemacht. Ich wollte das noch mal im Roman diskutieren: Was passiert eigentlich, gerade als weibliche Künstlerin, wenn man so einer Aggression ausgesetzt ist? Und dass es nichts ist, das man einfach so wegwischen kann. Ich wollte auch zum Nachdenken darüber anregen, dass das ganz schön gut in unsere Zeit passt.


Iona ist eine westdeutsche Frau, die sich in Leipzig als Österreicherin ausgibt, damit sie nicht als überängstlich und hysterisch wahrgenommen wird. Ist das eine Kritik an der Leipziger Kunstszene, dass sie sich als westdeutsche Frau permanent rechtfertigen muss?

Nicht direkt an der Kunstszene, die ich ja gar nicht wirklich kenne. Aber auf das allgemeine Zusammenleben und damit auch erweitert auf die Kulturszene bezogen durchaus. Also auf jeden Fall habe ich sehr viele positive Erfahrungen gemacht. Aber gerade in Bezug auf den Buchpreis habe ich ganz, ganz viele private Hassnachrichten bekommen oder böse Kommentare auf Facebook unter Posts von journalistischen Artikeln. Oft wird gefragt, warum ich als Leipziger Autorin bezeichnet werde, da ich ja gar nicht aus Leipzig bin. Wobei ich mich selbst nicht so nenne, das steht aber oft in Artikel-Überschriften. Und das wird mir persönlich auch vorgeworfen, immer noch, muss ich sagen. Ich glaube, es war nach dem Buchpreis ein ganz krasses Gefühl für mich, das mit in den Roman eingeflossen ist.


Sie haben diese Erfahrung also schon vor dem Buchpreis gemacht?

Ja. Ich habe mal Anfang der 2000er das Leipziger Literaturstipendium bekommen. Die Veranstalter eines Literaturfestivals haben sich dann geweigert, dass die Preisverleihung in ihrem Rahmen stattfindet, weil ich aus dem Westen bin. Ich kann diese Seite natürlich verstehen, wenn man sagt, dass damals ostdeutsche Autorinnen und Autoren nicht so viel gesehen wurden. Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, ich war die erste westdeutsche Autorin, die das Stipendium bekommen hat. Aber solche Geschichten gab es immer wieder. Die machen mich ein bisschen nachdenklich, ich frage mich: Wie weit kann man einer einzelnen Person allgemeine strukturelle Benachteiligungen, die es sicher gibt, zum Vorwurf machen?


> Martina Hefter: Nach der Sonne schauen. Stuttgart: Klett-Cotta 2026. 256 S., 25 €


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