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Kultur

»Ein völlig unerwartet magischer Abend«

Hallo Volte veröffentlichen mit »Wenigstens Wir« ihr Debütalbum – 25 Jahre nach der Bandgründung

  »Ein völlig unerwartet magischer Abend« | Hallo Volte veröffentlichen mit »Wenigstens Wir« ihr Debütalbum – 25 Jahre nach der Bandgründung  Foto: Malte Seidel

Anfang der Nullerjahre im schwäbischen Sigmaringen: Weit weg von Hamburg, dem Epizentrum deutschsprachiger Gitarrenmusik, wandelt die Schülerband Seitenweise auf den Spuren von Tocotronic, Kettcar & Co. Doch schon nach zwei Jahren ist Schluss – die vier Bandmitglieder ziehen in unterschiedliche Städte, der Kontakt schläft ein. Schlappe 25 Jahre später ist die Band nun wieder da: Unter dem Namen Hallo Volte veröffentlicht sie Anfang Oktober mit »Wenigstens Wir« ihr Debütalbum. Das wirft einige Fragen auf. Wir treffen Sänger und Gitarrist Jörn Dege, der hauptberuflich Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts Leipzig ist – und das Musikmachen längst aufgegeben hatte.


Debütalbum nach 25 Jahren – haben Sie schon mal darüber nachgedacht, die Band-Geschichte als Drehbuch zu verkaufen?

Noch nicht. Aber wie macht man ein Drehbuch daraus? Und wer spielt die eigene Person? Davon unabhängig kommt uns die ganze Sache selbst manchmal ein bisschen irreal – im Sinne von fiktional – vor. Deshalb wäre ein Drehbuch gar nicht so verwegen.


Welche Bedeutung hatte die Gründung einer Band vor 25 Jahren für Sie inmitten des Kleinstadtlebens?

Eine große. Wir waren damals in einer Phase, in der ohnehin sehr vieles von großer Bedeutung ist: Abitur, die Frage, was danach kommt, wer man eigentlich ist und wo die eigene Reise hingeht. Die Band war für mich in dieser Zeit sehr wichtig. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, etwas anderes zu machen und gleichzeitig damit sichtbar zu werden. Damit ging auch ein gewisser Widerspruch einher.


Inwiefern?

Einerseits hat man sich in einen kleinen Freiraum zurückgezogen und konnte dort sein eigenes Ding machen, ohne davon abhängig zu sein, was andere von einem erwarten. Andererseits war damit immer die Ambition verbunden, wieder nach draußen zu gehen, es anderen zu zeigen und sich damit auch angreifbar zu machen.


Die popkulturellen Zentren Deutschlands waren weit weg.

Ja, aber wir haben unseren eigenen kleinen Kosmos geschaffen und darin ausprobiert, was möglich ist. Natürlich gab es Vorbilder und Musik, die uns geprägt hat, zum Beispiel der deutsche Indie der Nullerjahre, vor allem Tocotronic. Bei mir war es weniger eindeutig: Ich habe vergleichsweise wenig Musik gehört, eher elektronische Sachen, Hip-Hop und Jazz, und hatte eine große Schwäche für die Musik der Achtziger, die für mich stark mit Kindheit und ersten musikalischen Erfahrungen aufgeladen ist.


Nach dem Bandende haben Sie sich der Literatur zugewendet. War das ein Neuanfang – oder eine logische Weiterentwicklung?

Eigentlich eher eine Entwicklung, die schon während der Bandzeit begonnen hatte. Ich hatte mich damals schon sehr für Literatur interessiert und angefangen, mich zu fragen: Wie kann ich mich literarisch ausdrücken? Warum interessiert mich das? Nach einem Umweg über Berlin bin ich in Leipzig wieder bei der Literatur gelandet. Dabei habe ich teilweise mit Texten aus den frühen Jahren gearbeitet, teilweise auch aus den Songs. Es war also nie so, dass die eine Sache einfach aufgehört und dann plötzlich etwas ganz Neues begonnen hätte.


Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie in Bezug auf die Arbeit an Literatur und Musik?

Da gibt es eine Menge Gemeinsamkeiten, aber eben auch sehr unterschiedliche Mechanismen. Schon Sprache allein hat Musikalität und Rhythmus. Gleichzeitig merkt man sofort, dass ein Text nicht automatisch als Songtext funktioniert. Es gibt Texte, die für sich genommen großartig sind, aber als Lyrics nicht funktionieren – und umgekehrt Songtexte, die beim Lesen überhaupt nicht tragen.


Im besten Fall erweitert die Musik den Text und der Text die Musik.

Genau. Besonders reizvoll finde ich, dass man mit einer einfachen, zugänglichen Melodie sprachlich Dinge transportieren kann, die vielleicht erst einmal sperrig oder hermetisch wirken. Ich mag dieses Gefühl, wenn man beim Hören eine Ahnung davon bekommt, worum es gehen könnte, es aber nie ganz auflösen kann. Ich habe als Kind sehr viel Musik auf Englisch gehört, die Texte nicht verstanden und trotzdem mitgesungen. Im Nachhinein fand ich es fast enttäuschend, die Sprache irgendwann zu verstehen und festzustellen, was für banale Zeilen tatsächlich gesungen werden.


Was bietet die Musik, was die Literatur nicht vermag?

Die unmittelbare Energie. Musik ist körperlicher und direkter. Wenn ein Konzert funktioniert, entsteht eine Energie zwischen Bühne und Publikum, die Verbindung schafft.


Wie und wann kam die Idee auf, wieder gemeinsam Musik zu machen?

Vor ein paar Jahren saß ich im Österreich-Urlaub mit alten Freunden auf dem Balkon, und die hatten noch uralte Aufnahmen von uns. Da wurde einfach irgendwo ein Mikrofon hingestellt und losgelegt. Sie kannten die alten Sachen noch komplett und haben sie gesungen. Das war mir erst mal ziemlich peinlich, gleichzeitig hat es aber etwas mit mir gemacht.


Und dann?

Vor meinem 40. Geburtstag habe ich dann die drei Mitglieder von damals angeschrieben. Wir hatten zu dem Zeitpunkt fast zwanzig Jahre keinen Kontakt. Die Idee war daher zunächst nur, die alten Songs noch einmal zu spielen: kurz treffen, ein bisschen proben, ein paar Stücke spielen und schauen, was passiert. Wir haben dann in Sigmaringen ein Konzert gemacht. Und plötzlich kamen unglaublich viele Menschen, darunter alte Freunde und Lehrer, die ich Jahrzehnte nicht gesehen hatte. Das war ein völlig unerwartet magischer Abend, so dass ziemlich schnell klar war: Wir wollen weitermachen.


Die anderen drei Mitglieder von Hallo Volte wohnen in Hamburg, Berlin und Tübingen. Das zu koordinieren, ist sicher ganz unkompliziert …

Nein, unkompliziert ist es nicht. Wir treffen uns nur alle paar Monate, normalerweise in Berlin im Studio. Dafür bereiten wir uns vorher sehr genau vor: Ich schicke Material, Konrad und Benjamin

(Synthesizer-Spieler und Gitarrist der Band; Anm. d. Red.) machen sich Gedanken über die Arrangements, und dann treffen wir uns und arbeiten weiter daran. Danach läuft sehr viel dezentral. Wir laden die Aufnahmen hoch, hören uns die unterschiedlichen Versionen an, geben Rückmeldungen und verändern die Sachen über unseren Chat und die Cloud. Natürlich gibt es Wochen oder Monate, in denen wenig passiert, aber wenn jemand sich mal länger nicht meldet, wissen die anderen trotzdem: Das kommt schon wieder.


Mit »Ein Versehen« ist nun auch einer Ihrer ältesten Songs auf dem Album gelandet. Gewidmet haben Sie ihn Ihrem ehemaligen Deutschlehrer. Warum?

Siegfried Gebhardt war für mich ein Glücksfall. Er hat damals in der Schule Literatur- und Schreibwerkstätten angeboten, und da ging für mich zum ersten Mal wirklich etwas auf. Dort habe ich dann eines Tages den Text zu »Ein Versehen« präsentiert. Gebhardt mochte ihn. Es gibt darin diese Formulierung »Wenigstens Wir« – was ja nun auch der Titel unseres Albums geworden ist. Und er meinte dazu, darin stecke eine Art Verneinung, und Verneinungen hätten poetische Vorteile. Das war so ein typischer Satz von ihm. Vor einigen Wochen ist er nach langer Krankheit gestorben. Deshalb haben wir ihm den Song gewidmet.


Bei Ihrem bisher ersten und letzten Leipzig-Konzert im November 2025 haben Sie auf der Bühne über Ihr großes Lampenfieber gesprochen. Hat sich das inzwischen gelegt?

Leider nein. Ich bin jetzt schon wieder wahnsinnig nervös, wenn ich an die beiden Konzerte im Oktober denke. Ich merke immer wieder: Das Singen und Musikmachen vor anderen verlangt mir sehr viel ab. Man offenbart beim Singen einfach viel mehr von sich als beim Sprechen. Aber was soll’s, jetzt muss ich da irgendwie durch …


> 17.10., 20 Uhr, Residenz in der Spinnerei (bei der Buchpremiere von Martina Hefter), 18.10., 18 Uhr, Deutsches Literaturinstitut


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