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Kultur

»Ey, wir gehen all in«

Die Rapperin Ebow kommt mit ihrem sechsten Album ins Werk 2

  »Ey, wir gehen all in« | Die Rapperin Ebow kommt mit ihrem sechsten Album ins Werk 2  Foto: Nikolas Petros Anndrobik

Mit Conscious-Rap zwischen queerer Selbstermächtigung, Anti-Rassismus und Kapitalismus-Kritik gehört Ebow seit mehr als zehn Jahren zu den interessantesten und politisch engagiertesten Rapperinnen in Deutschland. »Typologie eines Lebens« ist gerade erschienen – als ihr sechstes und bisher umfangreichstes Album. Katja Röckel alias Mrs. Pepstein hat vorm Leipzig-Konzert mit ihr darüber gesprochen.


Warum heißt das neue Album »Typologie eines Lebens«?

Der Gedanke war, anhand von verschiedenen Songs verschiedene Themen des Lebens festzumachen – auch, um aufzuzeigen, dass wir Menschen in unseren Bedürfnissen eigentlich ziemlich ähnlich sind. Die Idee entstand, als ich den Song »Ebru’s Story« rausgebracht habe. In dem geht es um meine Outing-Story, aber auch darum, dass man so akzeptiert und geliebt werden will, wie man ist. Da haben mir Leute geschrieben, dass sie das total berührt, obwohl sie gar nicht queer sind und gar nicht diese Geschichte haben. Ich denke, das ist der Kernpunkt: Ich möchte gerne Songs über mein Leben schreiben, aber so, dass andere sich auch gesehen fühlen.


Auf dem Album-Cover ist auch ein Lamm zu sehen – in verschiedenen Religionen ein Symbol für Reinheit und Unschuld.

Ich bin ein sehr spiritueller Mensch, und ich bin Alevitin. Ich bete, seit ich klein war, sehr viel, meine Familie betet viel. Es ist auch Teil des Alevitentums, dass Gott überall ist – es ist also egal, wo du betest. Es gibt auf dem Album auch den Song »Bete für mich«. Diesen Gedanken des Füreinander-Betens finde ich sehr schön. Das ist etwas sehr Wertvolles – egal ob man religiös ist oder nicht –, eine Person zu haben, die ihre Wünsche und Träume für einen selbst ins Universum spricht.


Ein Song heißt »Independent (Cleo)«. Wie wichtig ist künstlerische Autonomie und was sind die größten Hürden dabei?

Meine größte Hürde als Künstlerin ist, nicht bei einem Major-Label zu sein und trotzdem die Gelder aufbringen zu müssen, um überhaupt weiter Musik machen zu können. Wenn man keinen Einblick in die Industrie hat, weiß man nicht, wie teuer es eigentlich ist, ein Album aufzunehmen, wie teuer

Musikvideos sind, wie viel ich von meinem eigenen Geld da reinstecke. Man ist oft an dem Punkt, wo man sich denkt: Wofür mache ich das alles hier überhaupt? Und gleichzeitig bin ich so dankbar, dass ich eine Community habe, die mich unterstützt.


In dem Zusammenhang können wir auch über den – am 1. Mai veröffentlichten – Song »Arbayt« sprechen. Warum braucht es eine neue Arbeitshymne?

Ich glaube, es braucht immer eine Arbeitshymne. Davon gibt es im Deutschrap viel zu wenig. Es gibt diese Erzählung »Vom Tellerwäscher zum Millionär«, die im Rap so gerne erwähnt wird. Das ergibt auch Sinn, weil viele Leute, die Rap-Musik machen, so wie ich, eher in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sind. Wenn sie dann finanziell sichergestellt sind, wollen sie das natürlich zelebrieren. Das ist aber auch eine Lüge. Denn wenn du nicht vom Geld kommst, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass du nicht weißt, wie du mit Geld umzugehen hast, und du dein Geld wieder verlierst. Mir ging es bei »Arbayt« darum aufzuzeigen, dass finanzieller Status auch etwas ist, das über Generationen hinweg weitergegeben wird.


»Arbayt« endet mit einem Skit von Semra Ertan, einer türkischstämmigen Schriftstellerin, die in den achtziger Jahren in Hamburg auf sehr grausame Weise gestorben ist ...

Semra Ertan ist, finde ich, eine der wichtigsten Autorinnen Deutschlands und hat viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Sie hat sich im Alter von 25 Jahren selbst angezündet und ist an ihren Verletzungen gestorben. Das war ein Protest gegen all den Rassismus und die Ausgrenzung, die sie in Deutschland erfahren hat. Ich bin so stolz darauf, ihr Gedicht auf meinem Album haben zu können. Und ich kann nur jedem empfehlen, ihre Gedichtsammlung zu lesen. Denn es hat sich nicht so viel geändert. (Semra Ertan: Mein Name ist Ausländer. Benim Adım Yabancı. Münster: Edition Assemblage 2020. 240 S., 22 €, Anm. d. Red.)


»Club 1990« ist ein queerer Love-Song, zu dem es auch ein schönes Video gibt – wie ist es entstanden?

Bei dem Song war es mir wichtig, ein Video zu haben, in dem ich einfach mal knutsche. Ich mache schon so lange Musik und bin jetzt geoutet und habe kein einziges Musikvideo, in dem wirklich queeres Begehren gezeigt wird. Und deswegen dachte ich: Ey, wir gehen all in. Wir zeigen so eine Knutschszene, und wir zeigen, wie schön auch Flirten ist.


Was ist die Geschichte hinter »Butch im Tank«?

Ich wollte schon immer mal sagen: »Lutsch meinen Strap« – weil im Rap einfach sehr oft gesagt wird: »Suck my Dick«. Und es gab für Frauen bisher kein Pendant dazu. Das ist auch so queer coded. Ich stelle mir vor, dass ganz viele Typen sich vor den Kopf gestoßen fühlen, weil sie nicht wissen, was ein Strap ist. Oder weil Strap im Ami-Rap auch ein Synonym für Knarre ist. Dieses Meta-Level fand ich ganz geil.

 

> 15.10., 20 Uhr, Werk 2, Halle A

> Radiosendung Mrs. Pepsteins Welt: 7.10., 23 Uhr und 27.10., 20 Uhr, www.radioblau.de


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