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Kultur

Akt der Fürsorge

Eine Ausstellung über oft unbekannten DDR-Lyrekerinnen

  Akt der Fürsorge | Eine Ausstellung über oft unbekannten DDR-Lyrekerinnen  Foto: Jonas Fritzsche

Die Ausstellung »Worte Worte Worte Wut«, die vom 15.10. bis zum 26.10. im Kunstverein Leipzig gezeigt wird, rückt Werke und Biografien von bisher unbekannteren DDR-Lyrikerinnen in den Fokus. Der Titel wurde von »Wörter, Wörter, Wörter und Wut« von Heidemarie Härtl abgewandelt. Die künstlerisch forschenden Lyrikerinnen Frida Teller und Marie Kublik stellen gestickte Gedichte von bisher unveröffentlichten DDR-Lyrikerinnen auf Alltagstextilien wie Tücher oder Bettlaken aus, und machen diese gemeinsam mit ihren Biografien zugänglich. Kuratiert wird die Ausstellung vom Kollektiv »Mouth archives«. Wir haben die Kuratorin Milena Gerth und die Lyrikerin Marie Kublik zum Gespräch getroffen.

Kreuzer: Frau Gerth, als Kuratorinnenteam »mouth archives« haben Sie zuletzt z.B. in Paunsdorf auf dem Marktplatz, Quark gekocht und mit Teilnehmenden über die Adretta-Kartoffel (Anm. d. Red.: die bekannteste Kartoffelsorte der DDR) geredet. Sie definieren »mouth archives« selbst als kuratorisches Projekt zum Thema Essen und flexiblen Wegen zur Bewahrung und Entwicklung von Gegendarstellungen. Was meint das und wie kommt es dazu, dass Sie jetzt gestickte DDR-Lyrik kuratieren?

Gerth: Unser Hauptinteresse ist, dass wir uns gerne vergängliche und verkörperte Archive anschauen. Also Wissen, das nicht formal systematisiert ist. Wir hatten uns bisher auf Essen und kulinarische Performance konzentriert, weil wir wissen wollten wie zum Beispiel durch das zusammen kochen, das miteinander Teilen zu einem verkörperten Wissen beiträgt. Im Fall der Ausstellung jetzt interessiert uns, was passiert, wenn wir geschriebene Geschichten nicht nur lesen, sondern weitererzählen und auf andere Weise bearbeiten. Wie haben Lyrikerinnen in der DDR geschrieben, und was entsteht, wenn Frida und Marie diese Texte heute auf Stoff sticken? Wie verändern sich die Ideen dadurch – und was können wir heute damit anfangen?

Kreuzer: Ihre Liste, die auch in der Ausstellung sichtbar ist, umfasst fast 50 Lyrikerinnen, darunter auch Christa Wolf und Helga M. Novak, aber auch unbekanntere Namen. Wie sind Sie draufgekommen, sich mit DDR-Lyrikerinnen zu beschäftigen und die Gedichte dann zu sticken?


Kublik: Das hat sich aus unserem eigenen Schreiben heraus entwickelt. Wir wollten uns mit Texten ostdeutscher Frauen beschäftigen und haben dabei gemerkt, wie wenig wir selbst über DDR-Lyrikerinnen wussten. Aus der Recherche entstand der Wunsch, die Biografien und die Texte sichtbar zu machen. Wir hatten dann eine Ausstellung in Altenburg zu dem Thema und wollten die Texte erst an Wände schreiben, aber weil die Gebäude dann abgerissen werden sollten, mussten wir uns etwas anderes ausdenken, um die Texte zu erhalten. Daraus ist das Sticken entstanden, das ich mir erst noch anlernen musste. Und man kann auch sehen, die ersten Gedichte sehen teilweise noch sehr ungelenk aus, teilweise hat man auch einen schwierigen Stoff, oder eine schlechte Nadel und manchmal sind auch Grasflecken drauf, aber das gehört auch dazu. Wir verstehen unsere Arbeit weniger als klassische Kunst, sondern als künstlerische Forschung – und auch als einen Akt der Fürsorge, um den Frauen Öffentlichkeit zu geben.

Kreuzer: Eine Lyrikerin, deren Biografie ihr auch recherchiert habt, ist Annegret Golin. Am Abend der Vernissage kommt sie selbst nach Leipzig und liest aus ihren Texten vor. Was ist daran so besonders?

Kublik: Anne Golin war in der DDR im Gefängnis gewesen und hat dort Gedichte verfasst. Sie hat aber ihre Texte seit 25 Jahren nicht mehr öffentlich gelesen und wird zwar öfter als Zeitzeugin gebucht, aber als Lyrikerin überhaupt nicht ernst genommen. Uns war es wichtig ihr Raum zu geben für widerständige Praxis – Anne Golin nicht nur als Inhaftierte, als Betroffene der Diktatur zu sehen, sondern auch als schöpferisch tätige Person.


Gerth: Die Texte wurden in Zeiten extremer Unterdrückung und extremer Zensur geschrieben, was es spannend macht zu sehen, welche Worte dafür gefunden wurden.

Kublik: Ergänzend zu den Archiven: Ich habe mich historisch viel damit auseinandergesetzt, wie die Haftbedingungen für Frauen in Hoheneck waren. Über die Gedichte von Anne Golin ist aber nochmal ein ganz anderer Zugang möglich: die sinnliche Wahrnehmung, das Sprechen der Texte. Es war im Gefängnis auch nicht einfach Texte zu schreiben. Es gab teilweise kein Papier, die Texte wurden auf Zeitungsschnipsel in Mini-Schrift mit heimlichen Bleistiften geschrieben. Oder die Gedichte wurden teilweise immer wieder im Kopf wiederholt, sodass teilweise entweder sie selbst oder auch andere Mitgefangene die Gedichte erst nach der Haft aufschreiben und erzählen konnten. Das entspricht nicht dem einem klassischen Weg eines Gedichtes und bedarf deswegen auch eines ungewöhnlichen Archivs.


> Ausstellungszeiten: Di- Sa., sowie So., 18.10., 14-18 Uhr;
> Lesung mit Anne Golin: Fr.,16.10., 19. Uhr 

>Workshop »Lyrikpflege«, So., 25.10., 11-13 Uhr


Die Liste von DDR- Lyrikerinnen ist noch am Anfang und unvollständig. Lyrikbände von Lyrikerinnen aus der DDR können vor Ort gerne abgegeben und in die von Marie Kublik und Frida Teller angelegte Bibliothek aufgenommen werden.


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